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Last Call: London, eine Liebeserklärung

Vor ein paar Monaten sind wir umgezogen in London. Es gibt schönere Dinge. Umziehen ist in Deutschland schon nicht schön.

Wir zogen von Kilburn im Nordwesten noch weiter in den Norden in einen Stadtteil, den wir bis dahin nur von der U-Bahnkarte kannten. East Finchley. Einer dieser vielen Stadtteile, die man vielleicht schon mal gehört, dann aber sofort wieder vergessen hat. Von diesen Stadtteilen gibt es in London gefühlt Hundert. Sie heißen Willesden Green oder Golders Green oder Wood Green oder Bounds Green. Auffällig viele tragen Green im Namen.

Ein Zufall ist das nicht. 40 Prozent der Londoner Stadtfläche bestehen aus Parks, Gärten und Grünanlagen. Von allen Metropolen in Europa ist London die am dünnsten besiedelte. Auf einem Hektar leben hier lediglich 43 Menschen, in New York sind es 93, in Paris 83. Wäre London so dicht besiedelt wie die französische Hauptstadt, käme es auf 35 Millionen Einwohner.

Manchmal kann man allerdings den Eindruck bekommen, ganz Großbritannien bestünde ausschließlich aus London und ungefähr 60 Millionen Menschen. Vor allem in der Weihnachtszeit und vor allem auf der Regent und der Oxford Street.

Unser East Finchley ist ziemlich genau das Gegenteil von Regent Street und Oxford Street. Es ist ein Dorf. Jeder kennt irgendwie jeden. Oder hat zumindest mal von ihm gehört. Vor Kurzem gab’s eine Messerstecherei hier, direkt vor einem kleinen japanischen Restaurant. Den Messerstecher hatten sie relativ flott. Es ging um eine Frau. Das erzählte mir mein neuer Friseur Martin aus Zypern.

Mein alter Friseur Andreas kam auch aus Zypern, Trockenschnitt neun Pfund. Er lebte schon 30 Jahre in London und hatte immer noch einen leicht südländischen Akzent.

Menschen aus 200 Nationen, mehr als 300 Sprachen und Dialekte

Martin lebt seit 25 Jahren in London, er hat den Akzent des Londoner Nordens angenommen. Ich war inzwischen fünfmal bei Martin; der Salon sieht aus, als wäre die Zeit in den 60-er Jahren stehengeblieben. Die Waschbecken sind alt, die Stühle sind alt und die Friseure sind auch relativ alt. Sie reden viel über Fußball und Frauen und Essen. Immer, wenn ich den Laden ziemlich kurz geschoren verlasse, habe ich ein gutes Gefühl. Ich nenne es das London-Gefühl. Denn in dem Salon arbeiten neben Martin noch ein Schotte, ein Italiener und ein Engländer. Die Kunden kommen aus überall. Aus Irland, Libanon, Türkei, Algerien, Kroatien, Indien und Pakastian. Und nun Deutschland.

Der Friseur und ganz East Finchley sind damit bester Londoner Schnitt. In dieser ständig wachsenden Stadt leben Menschen aus 200 Nationen, die 300 Sprachen und Dialekte sprechen. Das kann sonst nur noch New York bieten.

Gegenüber von meinem Friseur liegt das kleine japanische Restaurant. Jahr für Jahr wird es ausgezeichnet für sein authentisches japanisches Essen, es kleben sechs oder sieben Zertifikate am Fenster und außerdem noch Empfehlungen von Feinkostmagazinen und Stadtführern. Es ist nur so, dass die Besitzer gar nicht aus Japan kommen. Sondern aus Kroatien und China. Lilly, China, steht in der Küche, rollt Sushi und hat das lustigste und lauteste Lachen der ganzen Straße. Ihr Neffe Tom, Kroatien wie ihr Mann, bedient, studiert Politik, und ist Fan von Paris Saint Germain.

Genauso ist London.

Auf der Hauptstraße gibt es noch einen englischen Fischhändler, eine algerische Bäckerei, einen italienischen Feinkostladen, ein polnisches Geschäft mit Wurst und Brot und Zeitungen, ein griechisches Fish’n’ Chips-Restaurant, zwei irische Pubs und zwei englische. Außerdem gibt es noch einen überaus freundlichen Obdachlosen, der immer nur nach zehn Pence fragt. Wenn er mal mehr als drei Tage nicht vor dem Supermarkt steht, machen sich alle Sorgen.

Extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und kongruent

Inzwischen kann ich verstehen, warum das Magazin „Time Out“ die Menschen von East Finchley als die glücklichsten Londoner bezeichnet. Das Problem ist: Neulich war ich auf Recherche für eine Titelgeschichte des stern über London eben sehr viel in London unterwegs. Und stellte dabei wieder einmal fest, dass East Finchley eigentlich überall ist jenseits der Türme der City. London ist nämlich ein gigantisches Dorf aus vielen Dörfern. Extrem schön und hässlich, extrem eitel und heruntergekommen, extrem blasiert und tolerant, extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und doch wieder kongruent in seinem ganzen Wahnsinn. Wäre London ein Mensch, er wäre immens anstrengend, zuweilen unausstehlich. Aber immer interessant.

Titelbild der aktuellen stern-Ausgabe

Ich traf zwei Musiker, die seit 14 Jahren auf einem Hausboot wohnen. Eine junge Unternehmerin aus Amerika, die nicht mehr weg will. Einen deutschen Museumsdirektor, der auch nicht mehr weg will. Und eine englische Köchin mit ihrem iranischen Mann aus Peckham im Süden, die immer schon da waren. Sie alle erzählten von ihrem London. Von ihren Problemen mit der Stadt. Aber insbesondere von ihrer Liebe.

Die beiden Musiker vom Hausboot verglichen London mit dem alten Rom, „ekelhaft dekadent, aber eben auch ewig großartig“.

Die Amerikanerin hatte wie wir zuvor in New York gelebt. Sie sagte einen schönen Satz, den wir jederzeit unterschreiben würden: „In New York kannst du den Horizont nicht sehen, für das Gehirn ist London besser.“

Der Museumsdirektor sagte, London sei für ihn wie ein Geschenk.

Die Köchin sagte, ihr Viertel fühle sich an wie „eine einzige Umarmung“.

So was sagten die über ihr London.

Abends fuhr ich randvoll mit guten London-Gefühlen nach Hause, East Finchley, unser Dorf im Norden. Ich habe nicht immer gute London-Gefühle. Gelegentlich, ziemlich oft sogar, ärgere ich mich über diese Stadt, ihre Arroganz, ihre Gier und auch über ihre Privilegien. An diesem Abend nicht. Ich schlenderte von der U-Bahn die Hauptstraße hoch. Vorbei am Polen und dem kleinen italienischen Feinkostladen. Der englische Fischhändler ließ gerade die Rollläden runter. Der englische Pub war halbleer, der irische dafür knallvoll, St. Patrick’s Day. Der Japaner hatte Ruhetag, bei meinem Friseur saß ein indischer Vater mit seinen vier Söhnen. Und vor dem Supermarkt stand der Obdachlose und fragte wie immer nach zehn Pence.

Ich gab ihm fünf Pfund. Er bedankte sich diesmal nicht freundlich, sondern überschwänglich und sagte: „Heute muss mein Glückstag sein.“

Und ich sagte: „Nein, meiner.“