Libanon "Wir gruben sie mit Händen aus"


Die israelische Luftwaffe hat beim folgenschwersten Angriff seit dem Beginn des Libanon-Krieges mindestens 56 Menschen getötet, die meisten waren Kinder. Augenzeugen berichten von den schrecklichen Erlebnissen.

Die Leichen sind unter einem Sonnensegel mitten im Dorf gestapelt worden. Eingewickelt in Plastiksäcke, verschlossen mit Klebeband. Es waren keine großen Säcke, die die Rettungskräfte im südlibanesischen Dorf Kana zusammentrugen - die meisten der Opfer des verheerenden israelischen Angriffs vom frühen Sonntagmorgen waren Kinder. Die Armee hatte ein Gebäude bombardiert, in dem mehr als 60 Menschen Schutz gesucht hatten. Mindestens 56 von ihnen kamen ums Leben.

Rotkreuz-Helfer Salam Daher werden diese Szenen für immer ins Gedächtnis gebrannt bleiben. Er war unter den Ersten, die am Sonntagmorgen in der südlibanesischen Ortschaft Kana eintrafen, wo ein israelisches Geschoss wenige Stunden zuvor ein mehrstöckiges Wohnhaus in Schutt und Asche gelegt hatte. "Wir haben die Toten mit bloßen Händen aus den Trümmern ausgegraben", berichtete er.

Wer trägt die Schuld an dem Gemetzel?

"Warum haben sie ein und zwei Jahre alte Kinder angegriffen und wehrlose Frauen?" fragte verzweifelt Mohammed Samai, der seine Angehörigen verloren hatte. "Was haben diese Opfer getan?" Die Rettungskräfte bargen die Leichen mit bloßen Händen aus den Trümmern. Sie holten den kleinen Körper eines Jungen aus dem Schutt, sein blutüberströmtes Gesicht war verzerrt. Eine Frau in rot gemustertem Pyjama lag gekrümmt zwischen Steinbrocken. Ein Arm ragte zwischen den Trümmern hervor, die Hand wies zum Himmel. In den Straßen lagen weitere Kinderleichen.

"Das ist nicht nur die Schuld Israels, das ist auch die Schuld Amerikas und der arabischen Staaten, die Israels Angriff unterstützt haben", rief Samai. Wenn Israel gegen die Hisbollah vorgehen wolle, solle sie dies von Angesicht zu Angesicht tun, fügte er hinzu. Dann brach der völlig erschöpfte Mann zusammen. Um ihn herum suchten Männer und Frauen weiter nach ihren Angehörigen, riefen deren Namen, wälzten Gesteinsblöcke zur Seite.

Nicht das erste "Versehen" Israels in Kana

"Frauen, die ihre toten Kinder in der Leichenhalle umklammern, andere, die unter Schock stehen und auf Nachricht über den Zustand ihrer Angehörigen warten, die mit dem Tode ringen - ich habe das alles schon einmal gesehen, damals im Jahr 1996", sagte Doktor Hassan Hammud. Damals hatte Israel den Südlibanon noch besetzt gehalten und sich mit dem wachsenden Widerstand der guerillamäßig operierenden Hisbollah-Miliz konfrontiert gesehen. Dabei trafen israelische Geschosse den Schutzraum eines UN-Postens und töteten 109 Libanesen, die dort Zuflucht gesucht hatten. "Die Geschichte hat sich wiederholt", sagt Hammud resigniert.

DPA/Reuters


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