Libanon Gemayel beigesetzt, Konflikt nicht


In Beirut ist der ermordete libanesische Industrieminister Pierre Gemayel beigesetzt worden. Doch damit ist der Konflikt noch lange nicht begraben. Hunderttausende nutzen den Trauerzug als Demonstration gegen Syrien. Der große Nachbar soll in den Anschlag verwickelt sein.

Hunderttausende sind im Libanon auf die Straße gegangen, um den Trauerzug des ermordeten anti-syrischen Industrieministers Pierre Gemayel zu begleiten. Gleichzeitig demonstrierten sie gegen Syrien und riefen Slogans gegen den pro-syrischen Staatspräsidenten Émile Lahoud. Sie schwenkten die libanesische Fahne und Transparente mit Aufschriften wie "Wir werden nicht vergessen" und erklärten in Anspielung auf die schiitische Hisbollah-Miliz, "nur die Armee soll Waffen tragen". Der Leichnam Gemayels wurde vom Stammsitz seiner Familie in Bikfaja nordöstlich von Beirut in die Hauptstadt gebracht.

Die anti-syrische Regierungsmehrheit hatte die Libanesen aufgerufen, aus der Beerdigung eine Demonstration "für die Freiheit" zu machen. Ministerpräsident Fuad Siniora hatte die Schließung aller Schulen und Behörden an diesem Donnerstag angeordnet. Sunniten, Drusen und Christen machen Syrien für das Attentat auf Gemayel verantwortlich.

Machtdemonstration der Regierungsmehrheit

Beobachter sehen in dem großen Trauerzug eine Machtdemonstration, mit der die Regierungsmehrheit den pro-syrischen Kräften unter Führung der Hisbollah zeigen will, dass die Mehrheit der Libanesen hinter ihr steht. Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah, hatte gedroht, die Regierung mit Massenprotesten zu stürzen, falls diese Neuwahlen oder die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit weiterhin ablehnen sollte.

Der Mord soll nach Willen des Weltsicherheitsrats von einem internationalen Tribunal untersucht werden. Das höchste UN-Gremium beschloss, den Untersuchungsauftrag des Hariri-Tribunals, das die Ermordung des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar 2005 untersuchen soll, auf den Fall Gemayel auszuweiten.

Hariri und Gemayel waren beide Syrien-Kritiker. Die UN untersuchen bereits 14 mutmaßlich politische Morde im Libanon aus der Zeit nach dem Hariri-Anschlag. Dem belgischen UN-Ermittlungsleiter Serge Brammertz zufolge gibt es Hinweise auf Verbindungen zwischen den nun 15 Fällen. Syrien bestreitet Vorwürfe, in die Taten verwickelt zu sein.

"Äußerst heikel und sehr zerbrechlich"

Der christliche Politiker Gemayel gehörte der anti-syrischen Mehrheit im Regierungskabinett von Ministerpräsident Fuad Siniora an. Er war am Dienstag bei einem Attentat in einem Beiruter Vorort tödlich verletzt worden. Der Sohn des früheren Präsidenten Amin Gemayel ist innerhalb von zwei Jahren der sechste anti-syrische Politiker, der Opfer eines Anschlags wurde. Auf Anordnung der libanesischen Regierung begann am Mittwoch eine dreitägige Staatstrauer.

Die Tat hat die explosive Lage im Libanon weiter angeheizt. UN-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich bei einem Treffen mit dem libanesischen Kultusminister Tarek Mitri in New York "extrem besorgt". Die Lage im Libanon sei "äußerst heikel und sehr zerbrechlich", sagte der UN-Chef.

"Vielleicht töten sie noch einen Minister"

In einer in Beirut veröffentlichten Erklärung des anti-syrischen Parteienbündnisses hieß es, das "syrisch-libanesische Geheimdienstregime" müsse gestürzt werden. Drusenführer Walid Dschumblatt, der wie Gemayel zur anti-syrischen Regierungsmehrheit gehört, warnte vor neuen Attentaten. "Vielleicht töten sie noch einen Minister", sagte Dschumblatt. Ziel des syrischen Regimes sei es, zu verhindern, dass Präsident Baschar al-Assad von dem internationalen Tribunal für die Aufklärung des Mordes an dem libanesischen Ex-Regierungschef Rafik Hariri angeklagt werde.

Die libanesische Regierung hatte am Montag dem UN-Entwurf zugestimmt, der die Rahmenbedingungen für das Hariri-Tribunal festlegt. Annan äußerte die Hoffnung, dass die Regierung von Ministerpräsident Siniora in Kürze die nächste Stufe zur Einrichtung des Tribunals nehmen könne. Hariri und 22 weitere Menschen waren im Februar 2005 bei einem Anschlag getötet worden. An der Planung des Attentates sollen syrische Geheimdienstoffiziere und Sicherheitsleute des Syrien-treuen libanesischen Staatspräsidenten Lahoud beteiligt gewesen sein.

DPA/Reuters DPA Reuters

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