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Proteste in Minneapolis Fotoreporterin, die bei Unruhen ein Auge verlor, zeigt: Polizei nahm sie gezielt ins Visier

Die Bilder ihrer Verletzung gingen um die Welt: US-Fotoreporterin Linda Tirado verlor bei den Unruhen in Minneapolis ein Auge durch Schaumgeschosse. Laut Polizei eine unglückliche Folge des Chaos'. Doch Tirados Fotos sagen etwas anderes.

Der Vorfall erregte weltweit Aufsehen: Während der Unruhen in der US-Stadt Minneapolis am 29. Mai, die durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizei-Einsatz wenige Tage zuvor ausgelöst wurden, wurde eine Fotoreporterin von einem Schaumgeschoss der Polizei so hart getroffen, dass sie ein Auge verlor. Linda Tirado veröffentlichte nur wenig später Fotos von ihrer Verletzung über ihren Twitter-Kanal und brachte die Polizei von Minneapolis dadurch zusätzlich in Erklärungsnot. Laut der "New York Times"-Journalistin Frances Robles bestritt die Polizei in einer ersten Stellungnahme, die Fotografin verletzt haben zu können. Dies könne lediglich angesichts des durch die Unruhen ausgelösten Chaos' versehentlich geschehen sein.

Linda Tirado hat inzwischen Fotos veröffentlicht, die sie in der Unruhe-Nacht gemacht hat – darunter auch die letzten Bilder, die entstanden, bevor sie von Geschossen getroffen wurde. "Dies ist das letzte, was ich mit zwei gesunden Augen gesehen habe", kommentiert die auch für ihre Berichte über die Lebensrealität armer Menschen in den USA bekannte Journalistin ein Foto, das zwar in großer Dunkelheit entstand, aufgehellt aber deutlich zwei Polizisten erkennbar macht, die auf die Fotografin zu zielen scheinen.

Linda Tirado: "Fotos sprechen für sich"

"Ich denke, diese Fotos sprechen für sich", sagte Tirado am vergangenen Wochenende während eines CNN-Interviews. In dem fraglichen Moment hätten Demonstranten hinter ihr gestanden, die Polizei vor ihr, und es sei deutlich zu erkennen, dass die Sicht klar gewesen sei und nicht etwa durch Tränengas oder Rauchschwaden von Bränden beeinträchtigt. Und, so Tirado weiter: "Es kann nicht sein, dass sie mich irrtümlich – mit meiner professionellen Kamera – für etwas anderes gehalten haben als arbeitende Presse." Wenig später wurde die Reporterin dennoch von Schaumgeschossen getroffen, einmal direkt ins Gesicht. Eine Schutzbrille, die sie getragen habe, sei zerbrochen, auf dem linken Auge habe sie das Sehvermögen verloren.

Linda Tirado hat deswegen die Stadt Minneapolis, deren Polizeichef und die ihr unbekannten Polizisten verklagt. Ihr Anwalt Tai Cheng ergänzte via Twitter die Beschreibung der mutmaßlichen Tat aufgrund der vorliegenden Fotografien: "Zwei Polizisten zielen mit ihren Waffen direkt auf sie! (Linda Tirado, Anm. d. Red.) Wir denken, der erste Polizist markiert sie mit einer grünen Leuchtspur und dann schießt ihr der zweite ins Auge." Die Fotos, so der Anwalt weiter, belegten zudem, dass die Darstellung der Polizei nicht stimme. Es sei deutlich zu sehen, dass die Situation nicht chaotisch gewesen sei. Die Polizisten hätten vielmehr herumgestanden.

Schlingerkurs der Polizei

Laut den "New York Times" hat sich die Polizei von Minneapolis zudem unglaubwürdig gemacht. Da Ärzte bei einer ersten Notoperation Rückstände eines Schaumgeschosses an Tirados Auge gefunden haben sollen, habe Polizeisprecher John Elder eingeräumt, dass in diesem Fall die Polizei für die Verletzung der Fotografin "absolut verantwortlich sein könnte". Doch nachdem die belastenden Fotos veröffentlicht worden waren, zog die Polizei diese Aussage zurück und bestritt rundweg, auf Tirado geschossen zu haben, twitterte "NYT"-Journalistin Robles. Anwalt Cheng nannte das "enttäuschend".

Der Jurist vertritt Linda Tirado pro bono. Dies nicht nur, weil die freiberufliche Fotografin und Autorin ohne Krankenversicherung nun mit hohen Behandlungskosten konfrontiert ist, sondern auch, weil der mutmaßliche Angriff auf sie kein Einzelfall ist. Mehr als 400 Fälle hat die US-Beobachtungsstelle für Verstöße gegen die Pressefreiheit, U.S. Press Freedom Tracker, seit dem Ausbruch der Anti-Rassismus-Proteste registriert. Die Verfassung sei da sehr klar, kommentiert Tai Cheng diese Zahl: "Man schießt nicht auf Journalisten, die über öffentliche Proteste berichten." US-Präsident Donald Trump kritisiert die etablierten US-Medien seit seinem Amtsantritt scharf und oft unsachlich. 

Linda Tirado: "Das kann mich nicht stoppen"

Schon kurz, nachdem sie getroffen worden war, hatte Linda Tirado in der Protestnacht trotzig getwittert, dass sie weitermachen werde, weil das Auge, mit dem sie durch den Sucher ihrer Kamera schaue, noch gesund sei. Auch zwei Wochen später, im CNN-Interview, gibt sie sich entschlossen, auch künftig als Fotografin tätig zu sein. Die Art und Weise ihrer Arbeit werde sich aufgrund der Protestnacht in Minneapolis aber wohl grundlegend verändern. Dennoch, so Tirado: "Das kann mich nicht stoppen."

Quellen: Twitter/Linda Tirado, CNN, CBC, "New York Times", Twitter/Tai Cheng, Twitter/Frances Robles

dho

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