Mahathir Mohamad Ein Provokateur in Pension

Nach 22-jähriger Amtszeit hinterlässt Premier Mahathir Mohamad eine gesunde Wirtschaft und eine stabile politische Lage. Doch für Bürgerrechter ist Malaysia keineswegs ein Musterland, und sein Nachfolger hat ein ganz eigenes Demokratieverständnis.

Kurz vor seinem lang geplanten Rücktritt hat der malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad noch einmal einen Eklat provoziert: Mit seinen antisemitischen Äußerungen vor der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) rief der 77-Jährige vor zwei Wochen weltweit einen Sturm der Entrüstung hervor. "Wir werden ihm keine Träne nachweinen", kommentierte ein Sprecher der israelischen Regierung am Freitag das Ende von Mahathirs 22 Jahre währender Amtszeit. Internationale Beobachter ziehen dennoch eine eher positive Bilanz.

Denn Mahathir hinterlässt eine der wohlhabendsten und demokratischsten Gesellschaften Südostasiens. "Auch wenn es derzeit unzeitgemäß erscheint, so etwas zu sagen: Mahathir war der beste Regent aller Entwicklungsländer, die nach dem Krieg unabhängig wurden", schrieben die australischen Wissenschaftler Peter van Onselen und Wayne Errington in der Zeitung "The Sydney Morning Herald". Sie vergleichen die Herrschaft des Malaysiers mit der von anderen postkolonialen Führern wie Robert Mugabe in Simbabwe und dem ehemaligen indonesischen Diktator Suharto.

Musterland Malaysia

Gemessen daran ist Malaysia ein Musterland, auch wenn Kritiker Mahathir vorwerfen, die Macht demokratischer Kontrollinstanzen wie Justiz und Presse ausgehöhlt zu haben. Sein früherer Stellvertreter Anwar Ibrahim landete nach einem Machtkampf im Gefängnis, angeblich wegen Bestechlichkeit und homosexueller Affären.

Unbestritten ist aber Mahathirs ökonomischer Erfolg: Der Ministerpräsident verwandelte Malaysia von einem rückständigen Dritte-Welt-Land in eine moderne Wirtschaftsnation. Waren die wichtigsten Exportgüter früher Kautschuk und Zinn, so sind es heute Computer.

Gleichzeitig schaffte es Mahathir, Frieden zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen Malaysias zu stiften. Die Ausgangssituation war schwierig: 1969 kam es zu Rassenunruhen mit mehreren hundert Toten, weil die muslimische Mehrheit wirtschaftlich hinter den in Malaysia lebenden Chinesen und Indern zurückblieb. Durch positive Diskriminierung entstand eine aufstrebende muslimische Mittelschicht.

Kritik an den Glaubensgenossen

Mit den Fortschritten seiner muslimischen Landsleute war Mahathir jedoch bis zuletzt unzufrieden. Er kritisierte, dass seine Glaubensgenossen noch immer Fördermittel benötigten, drängte sie, Englisch zu lernen und sich um eine westliche Erziehung zu bemühen. Trotz seiner entschiedenen Parteinahme für Muslime und seiner zum Teil rassistischen Äußerungen über andere Konfessionen wandte er sich stets gegen einen islamischen Fundamentalismus.

In diesem Zusammenhang standen paradoxerweise auch Mahathirs Ausfälle über eine angebliche Weltherrschaft der Juden - wörtlich sagte er, sie regierten "die Welt durch einen Stellvertreter". In derselben Rede beschwor Mahathir seine muslimischen Glaubensbrüder, die Welt nicht durch Gewalt gegen den Islam aufzubringen. Mit Blick auf Selbstmordattentate radikaler Islamisten sagte er: "Wir dürfen den Feind nicht stärken, indem wir durch unverantwortliche und unislamische Taten alle anderen in seine Arme treiben."

Sprachrohhr der Entwicklungs- und Schwellenländer

Den US-Krieg gegen Terror verurteilte der 77-Jährige trotzdem, unter anderem verglich er die zivilen Opfer der Kriege in Afghanistan und Irak mit den Opfern der Anschläge auf das World Trade Center. Auch die Wirtschaftspolitik der Industrieländer griff er wiederholt an und machte sich so zum Sprecher nicht nur der Muslime, sondern auch der Entwicklungs- und Schwellenländer.

Offenbar habe Mahathirs Mundwerk einem Land nicht ernstlich geschadet, meinen Experten. Auch der jüngste Aufschrei werde rasch wieder verklingen: "Mahathir hat sich schon früher ungehobelt ausgedrückt, und es gab heftige Reaktionen. Aber das wird schnell in Vergessenheit geraten", sagt William Case, Malaysia-Experte der australischen Griffith University. Und ausländische Investoren hätten längst begriffen, "dass jenseits der ganzen Rhetorik großer Pragmatismus herrscht und sie hier ganz bequem ihre Geschäfte machen können."

"Mr. Nice Guy" übernimmt das Heft

Mit Spannung erwarten viele Malaysier, wie sich der eher unauffällige Abdullah als Nachfolger des streitbaren Mahathir schlagen wird. Viele Regierungen hoffen, dass der Umgang mit Abdullah, in Malaysia auch als "Mr. Nice Guy" bekannt, einfacher wird.

Innenpolitisch stehen Abdullah im nächsten Jahr Wahlen bevor, bei denen ein weiterer Stimmzuwachs der fundamental-islamischen Opposition droht. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" fordert den neuen Regierungschef auf, unter Mahathir eingeschränkte Bürgerrechte wieder herzustellen: So müssten Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren abgeschafft werden. Auch Einschüchterungsmaßnahmen gegenüber der Presse beklagt die Organisation.

Die Karriere des 63-Jährigen begann vor 25 Jahren als Parlamentsabgeordneter der Regierungspartei UNMO (United Malays National Organization), zu deren Gründern sein Vater gehört hatte. In den 80er Jahren ernannte Mahathir ihn zum Bildungs- und zum Verteidigungsminister, 1987 musste Abdullah das Kabinett wegen Unterstützung einer parteiinternen Rebellion gegen den Regierungschef jedoch verlassen. Nach drei Jahren in Ungnade wurde er 1991 wieder Außenminister, 1999 schließlich Stellvertreter Mahathirs.

Rohan Sullivan und Patrick McDowell DPA

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