Mail aus Kalkutta Romeo und Julia in Kalkutta


Liebesheiraten sind auch heute noch selten in Indien, auch in modernen Metropolen wie Mumbai. Junge Leute haben nichts zu melden und ein Mord eines eigenständig verheirateten Ehepaars sorgt für Aufregung. Doch es gibt noch Hoffnung

"Die Ehe ist eine viel zu wichtige Sache, als dass ich sie meinen Kindern überlasse," sagt Isra, mein ständiger Taxifahrer, während er sich Zentimeter um Zentimeter durch den üblichen Mumbaier Stau schiebt. Heute hat er keine Zeit, auf den Verkehr der 20 Millionen- -Stadt zu schimpfen. Seit einer halben Stunde hängt er an seiner Freisprechanlage, ein Geschenk des 21. Jahrhunderts, und telefoniert mit seinen Verwandten im kleinen Heimatdorf im Himmalaya, um die Hochzeitsvorbereitungen für seinen 27jährigen Sohn zu planen. Wie im vorvorigen Jahrhundert. "Mein Sohn ist eine gute Partie, als Computerfachmann verdient er ordentlich," sagt der stolze Papa hinterm Lenkrad. Und wer ist die glückliche Braut? "Die Tochter des reichsten Mannes aus unserem Dorf. Sie hat sogar studiert! Arbeitet auch in Mumbai" Pause "Die beiden werden sich schon arrangieren!" Das klingt nicht eben nach einer Love story? Isra schnalzt abschätzig. Liebesheirat? "Sowas kann nicht gutgehen!" Liebe ist was für schnulzige Hindi-Filme.

Die jungen Leute haben nichts zu melden

In Indien heiratet man nicht, man wird verheiratet. Von den lieben Eltern. Da haben die jungen Leute nichts oder nur wenig mitzureden. Selbst wenn er und sie sich ganz modern im Internet kennengelernt und sich am Handy die Ohren heiß gequatscht haben, ohne den elterlichen Segen, d.h.entsprechende Mitgiftverhandlungen läuft nichts. Und doch gibt es Romeo und Julia in Kalkutta. Die tödliche Romanze des kleinen Grafikdesigners, der mit dem Unternehmerstöchterlein durchbrennt, hält gerade das ganze Land von den Hightechstätten bis zu ärmsten Dörfern in Atem. Dürfen die das? Gegen den Willen der Eltern? Vor allem von stinkreichen Eltern. Prasun Mukherjee, der Polizeichef von Kalkutta, sprach jedenfalls von Mesalliance: "Wie kann eine Ehe zwischen Partnern mit total unterschiedlichem sozialem Hintergrund laufen," sagte der ranghöchste Beamte, "als verantwortlicher Polizist würde ich immer wieder intervenieren!" Heißt intervenieren auch morden, fragt die indische Presse.

Die Sippe drohte mit Mord

Die Chronik dieses angesagten Todes beginnt am 18. August, als der 30jährige Rahman Rizwan, ein Moslem und die junge Unternehmerstochter Priyanka Todi aus einer kastenhohen Hindu-Familie heimlich heiraten und sie in seine Wohnung zieht. Zwei Mal, so belegen Menschenrechtsgruppen heute, werden die Jungverheirateten zum Kommissariat zitiert und massiv unter Druck gesetzt. Priyanka weigert sich, zu ihrer Familie zurückzukehren. Am 3. September droht die Todi-Sippe dem unbotmäßigen Schwiegersohn mit Mord, falls Priyanka nicht in ihr Elternhaus zurückkehre. Am 8. September wird Rizwan zum 3. Mal zum Kommissariat zitiert. Die Beamten drohen ihm trotz Vorlage der offiziellen Heiratsurkunde mit Verhaftung wegen Kidnappings - seiner eigenen Frau. Um die Wogen zu glätten, kehrt Priyanka vorläufig in ihr Elternhaus zurück. Fünf Tage später telefonieren die Jungverheirateten das letzte Mal, danach bricht der Kontakt ab. Am 21. September schreibt Rizwan seinem Schwiegervater einen Brief, er sei bereit, zum Hinduismus überzutreten. Am selben Tag wird er erneut bei der Polizei vorgeladen und fünfzehn Minuten später tot auf den Bahngleisen gefunden. "Typischer Fall von Selbstmord", behauptet Polizeichef Mukherjee und stellt sich vor die zur Todeszeit diensthabenden Beamten. Auf Druck der Opposition wird der übereifrige Polizeichef, Präsident der Bengalischen Cricket Association und, rein zufällig, enger Freund der Unternehmersfamilie Todi, suspendiert. Nicht für lange, wie Menschenrechtsgruppen befürchten. Affären versickern hierzulande schnell.

Auch in Indien gibt es Happy Ends Haben denn Love Stories nur in schnulzigen Hindi-Filmen eine Chance? Manchmal schreibt das Leben auch in Indien doch ein Drehbuch mit Happy End. Zwei Monate lang war Srija, die Tochter eines berühmten südindischen Schauspielers von ihren Eltern zu Hause eingesperrt. Vor einer Woche brannte sie trotzdem mit ihrem Studentenfreund durch, den die Eltern als nicht standesgemäß ansahen. Die beiden heirateten fröhlich in einem Hindu-Tempel von Hyderabad – schlauerweise vor versammelter Presse. Da blieb dem Star-Papa nichts anderes übrig, als ebenfalls in die Kameras zu lächeln und seiner Lieblingstochter den Segen zu geben.

Von Swantje Strieder, Mumbai

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