HOME

Mary Robinson: Zu unbequem für Amerika

Die Irin Mary Robinson kämpft als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte für Schwache und Unterdrückte - dabei macht sie sich nicht nur Freunde.

Scheiden lassen darf man sich nicht, von Abtreibung darf man nicht einmal sprechen. Wer einem Freund ein Kondom gibt, macht sich strafbar, ebenso ein Mann der - Gott bewahre - einen anderen Mann liebt. Irland zu Beginn der 1970er Jahre ist konservativ, erzkatholisch, rückständig. Wenn Mary Robinson ihren Briefkasten öffnet, dann fallen ihr oft durchgeweichte Briefumschläge mit gebrauchten Kondomen entgegen: Protestbriefe konservativer Iren. Doch die Anwältin, die ihr Land aus den mittelalterlichen Zuständen herausführen will, ist nicht weniger stur. Vor Gericht und in der Öffentlichkeit kämpft sie für die Frauen, für die Schwulen, für die Schwachen, die Unterdrückten. Dass Iren heute Ehen auflösen, Kondome benutzen und zur Abtreibung immerhin nach England reisen dürfen, ist ihr Verdienst.

Zeitungen nennen sie liebevoll "Queen Mary of Ireland"

Die Menschen danken es ihr. Sie wählen Mary Robinson 1990 zur Präsidentin. Sie ist die erste Frau auf dem Posten. Im höchsten Staatsamt eckt Mary Robinson weiterhin an. Sie fährt nach London und trinkt Tee mit der Queen. Sie besucht den Papst und trägt dabei nicht züchtiges Schwarz, nicht einmal Schleier oder Hut, sondern kleidet sich in fröhliches, irisches Grün. Sie schüttelt Gerry Adams die Hand, dem Vorsitzenden von Sinn Fein - jener nordirischen Partei, die als legaler Arm der Terrorgruppe IRA gilt. Monate später erst trauen sich Premier Albert Reynolds und US-Präsident Bill Clinton, es ihr nachzutun. Nach sieben Jahren Amtszeit haben die Iren ihren Unmut gegen die sture Anwältin vergessen. Die Zeitungen nennen sie liebevoll "Queen Mary of Ireland". Über 90 Prozent der Iren können sich keinen besseren Präsidenten vorstellen. 1997 wirbt UN-Generalsekretär Kofi Annan Mary Robinson zu den Vereinten Nationen ab, als Hochkommissarin für Menschenrechte. Für sie ist dieser Posten ein weiterer Schritt auf dem Weg, den sie schon seit ihrer Kindheit verfolgt. "Wenn wir Cowboy und Indianer gespielt haben", erinnert sich Henry, einer ihrer vier Brüder, "wollte sie immer auf der Seite der Indianer sein, der Unterdrückten."

Ihr neues Aufgabenfeld ist groß. An der Spitze eines Büros mit 200 Mitarbeitern soll sie durchsetzen, dass weltweit die Menschenrechte eingehalten werden, so wie sie 1948 von den UN definiert wurden. Dazu hat sie wenig mehr als ihre Stimme. Sie kann mahnen, fordern, anprangern - nur eingreifen kann sie nicht. Für Tschetschenien bekommt sie nie eine Einreisegenehmigung. Im Nahostkonflikt bleibt ihr Engagement ohne Wirkung. Nach China fährt sie fünfmal und erreicht schließlich, dass Peking den Internationalen Pakt über soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte ratifiziert. Ein Achtungserfolg.

Streitbare Kommentare

Und sie macht sich weiter unbeliebt. Als die Nato Serbien bombardiert, stellt Robinson klar: "Wenn man sagt, dies geschehe aus humanitären Gründen, dann muss man sehr vorsichtig sein, dabei nicht die humanitäre Lage großer Teile der Bevölkerung wesentlich zu verschlechtern." Ähnlich streitbar ist ihr Kommentar zur Afghanistan-Politik der USA, sie fordert die Einhaltung von Grundrechten für Taliban- und Al-Qaeda-Gefangene.

Im September 2002 gibt sie auf. Ihre UNKarriere - sie war sogar schon als Nachfolgerin von Generalsekretär Annan gehandelt worden - ist beendet. Gerüchten zufolge war sie den USA mit ihrer Kritik zu weit gegangen. Aber über ihre Gründe äußert sie sich in der Öffentlichkeit nicht. Sie hatte schon zuvor ans Aufgeben gedacht. Auch eine Mary Robinson kann eben nicht Völkermorde stoppen, nicht alle Frauen emanzipieren, nicht alle Kinder retten - obwohl ein Kollege über sie sagte: "Sie ist wie der Ayers Rock. Alles, was du tun kannst, ist, um sie herumzugehen."

Angelika Franz / print