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München: Provokation, Demo oder Satire? Weibliche Burschenschaft will Freistaat Klitoria ausrufen

Die Frauen der Burschenschaft Molestia wollen den Matriarchalen Freistaat Klitoria ausrufen und das Patriarchat "zerfotzen". Meinen die das ernst?


Das Patriarchat wird mit Fahnen, Gesang und "Heil Molestia"-Rufen abgeschafft

Das Patriarchat wird mit Fahnen, Gesang und "Heil Molestia"-Rufen abgeschafft

Eine goldene Vagina ist schwer über die Straße zu rollen. Fünf uniformierte Frauen der "Burschenschaft Molestia" mit weißen Handschuhen versuchen gerade genau das: das riesige Teil über die Straße zu hieven, ehe es vom Gestell rutscht. Die Ampel steht auf Rot, aber Verkehr stellt für die Vagina kein Problem dar. Die weibliche Burschenschaft hat für ihren Marsch die Strecke vom Königsplatz zum Odeonsplatz in München sperren lassen, Polizeieskorte inklusive. Das Motto der Veranstaltung: "Patriarchat zerfotzen!"

Dortiger, folgerichtiger Höhepunkt: Die Ausrufung  des Matriarchats. Das klingt radikal und damit ziemlich amüsant. Allerdings schweben etliche Fragen wie XXL-Hitler-Luftballons über dieser Aktion: Ist das Kunst? Hardcore-Feminismus? Provokation, Demo oder Satire? Meinen die das ernst? Und was wollen sie erreichen?

Vor den massiven Säulen am Königsplatz stehen an diesem heißen Sommersonntag rund dreißig finster drein­schauende Frauen, alle mit schwarzen Sonnenbrillen und gelb-schwarzer Uniform, dem "Wichs". Neben ihnen eine Blaskapelle, vor ihnen wehen schwarze Fahnen mit weißer Frakturschrift und zähnefletschenden Muränen. Einige Frauen tragen schwarze Schirme, um sich gegen die Sonne abzuschotten oder das Patriarchat, wer vermag das schon genau zu sagen. "Aufstellung!" ruft eine, dann wird mit klaren Stimmen gesungen: "Blutbefleckt ist unsere Schere, unsere Scheiden sind aus Stahl. Was wir schwuren, sei gehalten, treulich bis zur letzten Ruh." Als das letzte Lied mit dem Wort "Vatermord" verklingt, ruft die Anführerin mit kräftiger Stimme ins Megafon: "Heil Molestia!" Die Frauen antworten im Chor: "Heil Molestia!"

München: Die Molestia-Frauen sind Profis aus der Kulturbranche, mit Inszenierungen bestens vertraut
Das Patriarchat wird mit Fahnen, Gesang und "Heil Molestia"-Rufen abgeschafft

Das Patriarchat wird mit Fahnen, Gesang und "Heil Molestia"-Rufen abgeschafft

Aufmarsch an einem historisch belasteten Ort

Der Königsplatz war ein wichtiger Ort im Nationalsozialismus, hier fanden stramme Aufmärsche statt. Die Molestia-Marschroute ist historisch so belastet, dass sie heutzutage ein "Themen-Geschichts-Pfad" ist. Ausgerechnet hier, in der Ex-Hauptstadt der Bewegung, versammelt sich jetzt eine Mädelschaft, um Reden zu schwingen, die Weltherrschaft der Frauen einzufordern, fettes Pathos zu zelebrieren und "Heil!"-Rufe über den Platz schallen zu lassen. Das muss ein Scherz sein. Es lacht nur keiner.

Zwischen den gelben Hüten der Burschenschaft Molestia erspäht man rote, türkise, lila und graue Mützen – sie gehören Frauen der befreundeten Burschenschaften aus Jena ("Lethargia"), Innsbruck ("Furia"), Leipzig ("Lascivia") und Linz ("Infamia"). Aus Wien ("Hysteria"), wo die erste autonome weibliche Burschenschaft 2016 gegründet wurde, ist niemand da; die österreichische Künstlerin Stefanie Sargnagel, ihr prominentestes Mitglied, lässt sich entschuldigen. Die neuen Burschenschaften organisieren sich im "Matriarchalen Korporationsring", Obfrau dieses Bundes ist Sargnagel. Dessen Ziel? Das goldene Matriarchat und der Schutz der Männer.

Klar, sie alle spielen auf die bierdimpfligen, konservativen bis rechts­extremen Burschenschaften an, jene Studentenverbindungen, die traditionell Männern vorbehalten sind, die sich zum Mauscheln und Saufen treffen und ihre schwulstigen Fechtnarben im Gesicht mit Stolz tragen. Wer denkt, Burschenschaften seien von vorgestern, hat recht und auch wieder nicht; erst im vergangenen Jahr wurde der FPÖ-Politiker Udo Landbauer von der Staatsanwaltschaft vernommen, weil dessen Burschenschaft judenfeindliche Gesänge praktizierte. Die Münchner "Danubia" wird vom Verfassungsschutz beobachtet. In Deutschland gibt es mindestens 120 Burschenschaften. Ist da nicht jede neue zu viel?

Die goldene Vagina wird enthüllt

Unter Blasmusikgeblubber wandert die Gruppe zum Obelisken auf dem Karolinenplatz. Die Anführerin, feierlich: "Als Zeichen unserer Verbundenheit fassen wir uns jetzt alle an unsere Vulva." Einer der Burschenschaftlerinnen entfährt ein Lachen, ihre Kollegin rügt sie: "Das war eigentlich ernst." "Ja", sagt die schuldbewusst und greift sich stumm in den Schritt. Die goldene Vagina wird enthüllt, ein erhabener Moment, die Kapelle spielt Walzer. Neben dem 29 Meter hohen Phallus steht nun eine zwei mal einen Meter große Vagina. Albern wirkt das, grotesk, und doch befriedigend gleichberechtigt. Sie scheint genau das zu sein, was dem Platz seit rund 185 Jahren gefehlt hat.

Die Gruppe zieht weiter. Alle Straßennamenschilder sind mit Frauennamen überklebt. So marschiert man über die Hoesch-Ernst-Straße, benannt nach einer promovierten emigrierten Frauenrechtlerin, weiter auf die Kempfstraße, der ersten Frau, die eine Rede im Bayerischen Landtag hielt, hin zur Heymann-Straße, nach einer lesbischen Kämpferin für das Frauenwahlrecht.

Tatsächlich kann man nach diesem Marsch nicht fassen, dass keine dieser Straßen nach einer Frau benannt ist. Zum ersten Mal offenbart die Molestia ihre Seele: Wenn sich Dutzende Frauen die Mühe machen, Straßennamen zu überkleben und konstruktive Gegen­vorschläge auszudenken, steckt dahinter wenig Ironie. Frauen, die das Matriarchat ausrufen, möchten ernstgenommen werden. Tatsächlich verbittet sich die Molestia streng, dass es sich bei ihr um Satire handeln könnte. Die Molestia: gebildete Frauen, verkleidet in Uniformen mit martialischen Fahnen. Die perfekte, perverse Mischung aus links und rechts.

Das bewegt die Zuschauer auf der Straße. Zwei Männer, Marke Mallorcaurlauber, lachen sich tot, als sie die  Monstermuschi sehen. Ein australisches Ehepaar kommentiert: "Wie viel Macht wollen die deutschen Frauen denn noch? Deutschland hat doch seit Jahren eine Kanzlerin." Ein Passant zeigt den Scheibenwischer, was genau ihn stört, ist nicht auszumachen. Vom Alter her könnte es sein, dass er schon zu viele Machtdemonstrationen in Uniformen erleiden musste. Eine Dame im Seidenkleid: "Das ist ja wunderbar amüsant. Genau richtig. Jetzt ist die Zeit der Frauen." Vielleicht ist das das größte Problem und zugleich der größte Reiz der Molestia: Sie verprellen Burschenschaftsgegner und ziehen diejenigen in ihren Bann, die goldene Vaginen eine prima Idee finden.

Rotwein? Menstruationsblut! Prost!

"Wir sind die Strecke gerade abgefahren, die Feldherrnhalle ist noch nicht frei", hatte ein Polizist zuvor hilfsbereit vermeldet, und so ist es nun auch. Muss die Herrschaft der Frauen eben davor ausgerufen werden, auch im Matriarchat läuft nicht alles glatt. Utopien scheitern bekanntlich oft an der Wirklichkeit. Es folgt eine flammende Rede. Wer meint, das wäre der Höhepunkt gewesen, irrt. "Nun lasset uns gemeinsam bluten", sagt die Anführerin, und aus der goldenen Riesenmuschi rinnt roter Saft. Ein Schelm, der Tetrapak-Rotwein dahinter vermutet – es handelt sich natürlich um echtes Menstruationsblut! Getrunken aus Menstruationstassen. Prost!

Der Dreiklang aus Vagina, Blut und Trinkspruch ist große Performancekunst, nun ist die Molestia endgültig im satirischen Bereich angekommen, eine Persiflage auf die albernen Rituale der Traditionsburschenschaften. Applaus! Die Frauen sind an der Macht, Beitrittsanträge werden ausgeteilt. Wer einen Pass im "Matriarchalen Freistaat Klitoria" bekommen möchte, muss den "Beruf der Mutter", seinen "Bierkonsum pro Tag" und sein "Netzwerklevel" angeben.

Zwei Frauen recken eine Flagge hoch, auf der in gelber Schrift "Klitoria" steht. Jetzt, wo alle Zurückhaltung abgestreift ist und die bloße Kopie in die Übersteigerung, ins fröhlich Groteske kippt, erinnert die Performance an die politischen Aktionen des Künstlers Christoph Schlingensief: an die Parteienkopie "Chance 2000" etwa, die versuchte, das Ferienhaus des damaligen Kanzlers Helmut Kohl zu fluten, oder an die Aktionskunst "Ausländer raus!", bei der man Asyl­bewerber direkt per Vote abschieben konnte.

Nun folgt, auch im Matriarchat, geselliges Beisammensein. Man muss ja nicht gleich alles ändern. Statt im Schneider Bräuhaus sollte das Treffen eigentlich im Hofbräuhaus stattfinden, heißt es unter vorgehaltener Hand. Dort wurde man allerdings stutzig und leitete vor lauter Schreck gleich die interne Mail an die Mädelschaft weiter. Darin sei eine ge­wisse Skepsis nachzulesen gewesen sowie die Bitte an einen Mitarbeiter, unter einem Vorwand abzusagen. Auch das Schneider Bräuhaus, das es bereits seit 1872 gibt, hat eine Policy: "Wenn wir schon vorher wissen, dass da was komisch ist, nehmen wir die Reservierung nicht an. Aber solange nichts passiert und keine verbotenen Lieder gesungen werden, kann man es ja schlecht unterbinden", sagt Restaurantleiterin Lina Domingues. Und Thomas Gerber, ebenfalls Restaurantleiter, sagt: "Diese Gruppierungen aller Art wissen sich heutzutage gut zu tarnen. Für uns ist das schwierig, weil man einerseits den Gast nicht verlieren will, andererseits wollen wir solche Leute überhaupt nicht, möchten aber auch niemanden diskriminieren."

Im "Kneipsaal" im ersten Stock, in dem sich nun die Molestia trifft, kommen seit jeher Burschenschaften zusammen, davon zeugen die gekreuzten Degen an der Wand und die Wimpel auf dem Schrank. Die Molestia hat hier nun eine "Männerecke" für die wenigen Sympathisanten eingerichtet, einen Katzentisch, an dem die Männer "Vulvalas" ausmalen dürfen. Für den Pressestammtisch musste man sich bewerben, JWD wurde als einziges Magazin ausgewählt, aber vorgewarnt: "Burschen geben keine Interviews." Ich versuche es trotzdem.

Schutz für schwache, schöne Männer

Seit wann und wieso gibt es die Molestia? "Gegründet wurde sie von Therese von Bayern 1871", sagt eine Frau, die sich Jolanda nennt – natürlich haben sich auch die Molestia-Mitglieder sogenannte Biernamen gegeben. Ein Blick auf Facebook lässt eher November 2017 vermuten. Wer steckt hinter der Molestia? "Frauen aus allen Branchen." Wer sich in München umhört, dem bestätigt sich, was man schon vermutet hat und was sich bei der nun gehaltenen, ­geschliffenen und mit feiner Ironie gehaltenen Rede noch einmal zeigt: Die Molestia-Frauen sind Profis aus der Kulturbranche, mit Inszenierungen bestens vertraut. Im Brauhaus kommen Autorinnen, Filmemacherinnen, Schauspielerinnen und Journalistinnen zusammen. Und so wundert einen der Name "Molestia" – Latein für Belästigung, aber auch für Ärger – und der "Metoo"-Bezug in der Ansprache auch nicht. Um die Reduzierung aufs Äußerliche geht es darin und um Belästigung am Arbeitsplatz – natürlich aus Frauensicht im Matriarchat. Die Frauen werden aufgefordert, so etwas den schwachen, schönen Männern nicht anzutun. Dadurch, dass sie radikal die ganze Macht für Frauen beanspruchen, zeigen sie auf, dass die Männer es seit Jahrhunderten nicht anders machen. Vielleicht kann man sich so in der Mitte treffen.

Dann Schnaps, Gesang, Austausch! Die Jenaer ("Lethargia", Wappentier  Seepferdchen) berichten vom neu gegründeten "Bundesministerium für matriarchale Angelegenheiten, Zukunft und Männergesundheit" und einer "Männerschutz-Hotline", die sie eingerichtet haben. Und man habe Christian Lindner (FDP) zuletzt den Preis für den "Überfordertsten Mann des Monats" überreicht. Die Österreicherinnen singen ein Trinklied, in dem alle Männer in der Donau versenkt werden. Die Münchnerinnen zeigen den Linzerinnen, wie man die neuen Liedtexte digital so setzt, dass man sie gut in die Gesangsbüchlein drucken kann. Und am Ende offenbart die Molestia, dass sie auch ist, was sie durch ironische Doppelvolten insgeheim kritisiert: ein berufliches, elitäres Netzwerk, zu dem nur das eigene Geschlecht zugelassen ist. Mit einem Unterschied: Das Kulturreferat München fördert die Burschenschaft Molestia mit 18.000 Euro, weitere Mittel nicht ausgeschlossen. Das erklärt, wieso die Vagina so schön glänzte. Die Begründung: Die Molestia greife "Ästhetisierungen von Politik" auf, die heute leider "wieder en vogue" seien. Genanntes Ziel: "Verstörung". Das gefällt.

Vielleicht, denke ich am Ende eines langen Tages mit der Molestia, ist ein Land, in dem das Matriarchat politisch und finanziell unterstützt wird, genau auf dem richtigen Weg.

Diese Geschichte stammt aus der 14. Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.