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Burschentag 2013 Rechtsruck entzweit die Burschenschaft


Ein Antrag auf dem Burschentag 2013 sorgte für große Unruhe. Er erinnerte erschreckend an den Rassismus der NS-Zeit. Doch der Verfassungsschutz bleibt untätig.
Von Daniel Regnery

Es ist eigentlich wie jedes Jahr. In den Tagen kurz nach Pfingsten treffen sich rund 400 Mitglieder der Deutschen Burschenschaft (DB) in Eisenach. Jede der etwa 120 Verbindungen entsendet mindestens eines seiner Mitglieder in die kleine Thüringer Stadt. Sie kommen aus dem ganzen Land, vor allem aber aus großen Universitätsstädten wie Hamburg, Göttingen, München oder Heidelberg. Insgesamt sind deutschlandweit offiziell rund 15.000 junge und alte Männer in Burschenschaften angemeldet.

In der Regel dauert die jährliche Zusammenkunft, in der über die Zukunft der DB beraten wird, fünf Tage. Bereits am Donnerstag wurde die Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit eingeleitet, mit einem Festakt auf der Wartburg. Es folgten ein Fackelmarsch und eine offizielle Zeremonie am Kriegsdenkmal, wo den im deutsch-französischen Krieg 1870 und 1871 gefallenen Burschenschaftlern gedacht wurde. Erst nach den Feierlichkeiten verhandeln die Abgesandten über allerlei Anträge, für etwa ein bis zwei Tage. Das Ende der von großem Brimborium begleiteten Sitzung, wie soll es auch anders sein, markiert der obligatorische Frühschoppen. Zu einem Treffen unter Burschenschaftern gehört eben auch Bier. Viel Bier.

"Ariergesetze" bei den Burschenschaften?

Doch was zunächst nach einem harmlosen Treffen kostümierter Vereinsmeier klingt, ist seit mindestens zwei Jahren pures Chaos. Die Burschenszene steht kurz vor ihrer endgültigen Spaltung, den internen Machtkampf scheint der rechte gegen den liberalen Flügel gewonnen zu haben.

Für Ärger sorgte in diesem Jahr der angebliche Antrag der Verbindung "Redaria-Allemannia", der auf dem Burschentag verabschiedet werden sollte und dem Dachverband einen offen rassistischen Zuschnitt geben würde. Ginge es nach dem Papier, sollen potentielle neue Mitglieder in die Kategorien "deutsch", "abendländisch-europäisch" und "nicht-abendländisch-europäisch" einsortiert werden. Bewirbt sich eine Person aus letzterer Gruppe, sollte, so der Vorschlag, ein von der DB einberufener Rechtsausschuss über die Aufnahme entscheiden. Eine ungeheuerliche Idee und ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Ideologien. Entsprechend groß war das mediale Echo. Wohl auch deshalb wurde der Antrag am Freitag schließlich zurückgezogen. Es werde keine einheitlichen Aufnahmeregelungen geben, sagte der Sprecher der DB.

"Burschenschafter gegen Neonazis"

Angesprochen auf das jährlich stattfindende Großereignis hat Christian J. Becker schnell eine Antwort parat: "Der Burschentag besteht aus einer mehrtägigen Tagung mit vielen Anträgen und Entscheidungen - vergleichbar mit einem Parlament", sagt er stern.de. So wie Becker diesen Satz sagt, hört er sich an, als hätte er ihn auswendig gelernt. Tatsächlich weiß der Bonner PR-Berater genau, wovon er spricht. Bis vor kurzem gehörte er selbst dazu – als Mitglied der "Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks". Dann kritisierte er lautstark das rechtsextreme Gedankengut innerhalb der Verbindungen und wurde im hohen Bogen rausgeworfen. Jetzt ist er Sprecher der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis", schreibt einen eigenes Blog zum Thema und beobachtet das Treiben mit wachsender Sorge.

Schon die Burschentage 2011 und 2012 waren im Chaos versunken. Vor zwei Jahren sollte eine Burschenschaft aus dem Dachverband geschmissen werden. Der Grund: Sie hatte einen Mann aufgenommen, der in Deutschland geboren war, aber chinesische Vorfahren hatte. Weil ein entsprechender Antrag aber im Vorfeld bekannt wurde, musste ihn die "Burschenschaftliche Gemeinschaft" – die absoluten Hardliner des Verbandes – wegen des gewaltigen öffentlichen Drucks zurückziehen. Die Burschentage wurden abgebrochen.

Der Ärger war vorprogrammiert

Der Streit mündete schließlich im November 2012 in einen außerordentlichen Burschentag, bei dem selbst die Auflösung des Dachverbandes nicht mehr unmöglich schien. Ganz so weit kam es nicht, doch die ausgesprochenen Rechtsauslager der "Wiener Teutonen" erhielten den Vorsitz. Die Folge: Die liberalen Bünde zogen sich immer mehr zurück, insgesamt 25 Burschenschaften verließen den DB. "Dieser Trend wird sich vermutlich fortsetzen", glaubt Becker.

Nun holte der Verband also wieder einmal eine entsetzliche Idee aus der Mottenkiste, die an die Nürnberger Rassengesetze von 1935 erinnert, im Volksmund auch "Ariergesetze" genannt. Sie besagten, dass nur Menschen mit "arischem Blut" zum Volksgenossen werden konnten - was vor allem Juden brutal ausgrenzte und entrechtete.

Verfassungsschutz: Auf dem rechten Auge blind?

Eine Idee, gegen die im Deutschland von heute vehement vorgegangen werden müsse, glaubt Becker. Er ist überzeugt, "dass noch mehr öffentliche Aufklärung über rechte Burschenschaften und ihre Ziele notwendig ist, und dazu auch Politik sowie Behörden stärker gefragt sein werden". Ein frommer Wunsch, der sich zum Beispiel auch an den Verfassungsschutz richtet. Die Realität aber sieht anders aus: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat den Dachverband der Burschenschaften trotz der Entwicklung in den letzten Jahren bisher überhaupt nicht auf dem Schirm, wie eine Sprecherin stern.de bestätigte. Selbst die Landesbehörden beobachten deutschlandweit von 120 Verbindungen aktuell nur ganze fünf.

Eine davon ist die "Danubia München". Der bayerische Verfassungsschutz sieht sie als "rechtsextremistische Organisation", einzelnen Mitgliedern wird eine Nähe zur rechten Szene nachgesagt. Was bei den Studentenverbindungen kein Einzelfall ist, wie der Ehemalige Becker zu berichten weiß: "Einzelne Burschenschaften und Burschenschafter sind nah an ganz rechten Organisationen und Parteien."

Querverbindungen zur NPD

Wie zum Beispiel Arne Schimmer. Der "Alte Herr" der ebenfalls beobachteten Burschenschaft "Dresdensia-Rugia" aus Gießen sitzt als Abgeordneter im sächsischen Landtag - für die NPD. Andere Verbindungen wie die "Arminia Zürich" aus Heidelberg oder die "Chattia Friedberg zu Hamburg" luden in der Vergangenheit öfter zu Veranstaltungen mit NPD-Größen. Der "Normannia" aus Jena wurden gar Kontakte zu Funktionär Ralf Wohlleben nachgesagt.

Die "Redaria-Allemannia Rostock" wiederum, die den "Arier-Antrag" stellte, wird vom Verfassungsschutz nicht beobachtet. Das wirkt angesichts der kruden Aufnahme-Ideen fast schon skandalös, doch ganz so schlimm scheint es dann doch nicht. Thomas Schult, der zweite Vorsitzende der Partei, behauptet nämlich: "Mit dem Inhalt des Papiers hat die Rostocker Burschenschaft nichts zu tun." Die Redaria habe den Antrag nur eingereicht, weil er es als turnusmäßiger Vorstand von 2012 musste – stellvertretend für jene Kommission, die den Antrag erarbeitet hat. Die Pointe zum Schluss: "Wir werden gegen den Antrag stimmen", so Schult. Uneinigkeit in Perfektion.

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Daniel Regnery

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