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Massenproteste in Ägypten Al Dschasira spricht von fast 100 Toten


Die Lage in Ägypten bleibt explosiv. Die Demonstranten wollen nicht klein beigeben und fordern weiter Mubaraks Rücktritt. Fast 100 Menschen bezahlten den Protest seit Freitag mit ihrem Leben. Plünderer nutzen die Gunst der Stunde.

Bei den landesweiten Unruhen in Ägypten sind nach einer Zählung des arabischen Senders Al-Dschasira seit Freitag mindestens 95 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten bei den jüngsten Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten in Kairo, Alexandria und Suez bezifferte der Sender mit 1000. Auch am Samstag gingen die Proteste gegen das Regime des seit 30 Jahren regierenden Präsidenten Husni Mubarak weiter.

Die Lage in dem bevölkerungsreichsten afrikanischen Land wurde von Bewohnern und Korrespondenten als extrem angespannt beschrieben, für den Nachmittag wurde eine weitere Demonstration angekündigt. Die Führung ordnete erneut eine nächtliche Ausgangssperre bis Sonntagmorgen an.

Unterdessen trat die ägyptische Regierung zurück, wie Medien aus Kairo meldeten. Unter dem Eindruck der Massendemonstrationen mit Hunderttausenden Teilnehmern hatte der 82-jährige Mubarak in einer Fernsehansprache am Freitagabend die Bildung eines neuen Kabinetts angekündigt und "neue Schritte hin zu mehr Demokratie" und eine Verbesserung des Lebensstandards versprochen. Die Mitglieder des neuen Kabinetts sollten noch am Samstag benannt werden.

Ob eine neue Regierung die Protestwelle stoppen kann, ist fraglich. Auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt Kairo versammelten sich am Samstag wieder mehrere tausend Demonstranten. In Sprechchören forderten sie den Rücktritt Mubaraks. Unter den Demonstranten waren auch viele Aktivisten der ersten Stunde, die bereits am vergangenen Dienstag an großen Protestkundgebungen teilgenommen hatten. Auch in Alexandria gab es neue Demonstrationen.

Augenzeugen zufolge waren am Morgen an mehreren Stellen in Kairo Schüsse zu hören. Arabische Fernsehsender berichteten, Einheiten von Polizei und Armee hätten in der Nähe einer Gruppe von Demonstranten Schüsse abgegeben. Angaben zu möglichen Opfern lagen nicht vor.

Wieder wurden Geschäfte geplündert. Augenzeugen zufolge verwüsteten Randalierer Restaurants, setzten Autos in Brand oder brachen Geldautomaten auf. Schon in der Nacht hatten sie mehrere Hotels attackiert und Zerstörungen angerichtet, darunter im bekannten Ramses Hotel und einem Hotel an der Ausfallstraße zu den Pyramiden von Gizeh. Aus mehreren Polizeiwachen seien Häftlinge befreit worden.

An wichtigen Straßenkreuzungen und vor Behördengebäuden waren gepanzerte Fahrzeuge und Panzer der Armee postiert. Die Polizei, die von wütenden Demonstranten am Freitag teils überrannt worden war, zeigte dagegen nur an wenigen Stellen Präsenz.

Demonstranten berichteten, die Soldaten seien weniger aggressiv als die Polizei und hätten sie in der Nacht sogar mit Essen und Tee versorgt. Auf einem Panzer ließen sich Menschen am Samstag mit Soldaten fotografieren. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira meldete, Demonstranten hätten in Kairo Polizisten, die sie beim Plündern erwischt hätten, dem Militär übergeben.

An den Straßen standen ausgebrannte und zerstörte Wracks von Polizeiwagen, Brandgeruch lag in der Luft. Der öffentliche Nahverkehr in Kairo war stark eingeschränkt. Nur wenige Busse verkehrten. Wer nicht unbedingt aus dem Haus musste, blieb lieber daheim. Einige kleinere Geschäfte öffneten, größere Läden in der City blieben zunächst geschlossen.

Einen Tag nach Abschaltung der Internet- und Mobilfunkverbindungen funktionierten am Samstag zumindest Handys wieder teilweise, wie Bewohner Kairos berichteten. Das Internet sei weiter blockiert, hieß es. Um die massiven Proteste einzudämmen, hatte die ägyptische Regierung am Freitag wichtige Kommunikationsmittel abgeschaltet.

Der in Kairo unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei forderte Mubarak in einem Interview des Senders Al-Dschasira zum Rücktritt auf. Der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA war erst am Donnerstag nach Ägypten zurückgekehrt. Er gilt vielen als Hoffnungsträger und als möglicher Nachfolger des 82-jährigen Mubarak, der seit 1981 regiert.

Die Straßenschlachten am Freitag, bei denen die Polizei auch scharf geschossen haben soll, galten als die schwersten seit Beginn der Proteste Anfang der Woche. Demonstranten zündeten die Zentrale der Nationaldemokratischen Partei (NDP) an. Polizeiwachen wurden in Brand gesteckt und Polizeifahrzeuge demoliert. Das Militär, das am Abend in mehreren Städten aufgefahren war, wurde von vielen Demonstranten hingegen jubelnd begrüßt. Mit seiner Ansprache gelang es Mubarak nicht, die Massen zu beruhigen. Auch in der Nacht gingen Tausende trotz Ausgangssperre auf die Straße.

US-Präsident Barack Obama drängte Mubarak zur Umsetzung der Reformversprechen. "Ich habe ihm gesagt, dass er die Verantwortung hat, seinen Worten eine Bedeutung zu geben", sagte Obama in Washington. Angesichts der Lage drohte das Weiße Haus Einschnitte bei der milliardenschweren Unterstützung für Kairo an, auch bei der Militärhilfe. Wie Obama forderten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein Ende der Gewalt und mahnten Meinungs- und Informationsfreiheit an. Der Iran wertete die Proteste in Ägypten als "Welle des islamischen Erwachens".

Das Auswärtige Amt hat bislang keine konkreten Hinweise, dass deutsche Staatsbürger von den Unruhen unmittelbar betroffen sind. Deutsche Urlauber könnten nach Angaben des Reiseverbandes im Notfall schnell aus Ägypten herausgebracht werden. "Die Reiseveranstalter sind auf alle Eventualitäten vorbereitet. Wir könnten mit der gesamten Infrastruktur sofort reagieren", sagte Sprecher Torsten Schäfer der Nachrichtenagentur dpa. Die großen Reiseveranstalter TUI und Thomas Cook bieten gebührenfreie Umbuchungen für Ägypten-Urlauber an.

DPA DPA

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