Mordfall Politkowskaja Wer bestellte die Mörder vom FSB?


Die oppositionelle russische Journalistin Anna Politkowskaja wurde von einer Bande ermordet, zu der auch Mitglieder des russischen Geheimdienstes FSB gehörten. Aber wer war der Auftraggeber?
Von Andreas Albes

Russlands Generalstaatsanwalt Juri Tschaika leitete die Pressekonferenz zum Mordfall Politkowskaja mit den Worten ein: "Ich will gleich sagen, dass leider auch ein amtierender und ein ehemaliger Mitarbeiter der Innenministeriums und ein Mitarbeiter des FSB beteiligt waren. Sie wurden verhaftet." Damit war eine Sensation öffentlich, mit der zumindest Regimekritiker immer gerechnet hatten: Der Geheimdienst hat die berühmteste oppositionelle Journalistin Russlands auf dem Gewissen.

Aber nicht aus politischen, sondern aus "geschäftlichem Interesse", wie es in den Ermittlungsergebnissen heißt. Denn die Verhafteten, allesamt höherrangige Mitglieder der Sicherheitsbehörden, gehören einer Gruppierung an, die im großen Stil in der organisierten Kriminalität Geschäfte machte. Ihr Kopf soll ein Tschetschene sein. Bei der Bande ließ sich gegen entsprechendes Honorar alles bestellen - von Schutzdiensten, über Erpressung bis eben hin zu Auftragsmorden. Angeblich geht auf ihr Gewissen auch der 2004 erschossene Chefredakteur der russischen "Forbes"-Ausgabe Paul Chlebnikow.

Journalistin soll Auftraggeber gekannt haben

Insofern ist bis jetzt nur klar, wer den Mord an Anna Politkowskaja ausgeführt hat -nicht aber wer ihn bestellte. Generalstaatsanwalt Tschaika machte vage Andeutungen: Die Journalistin hätte den vermutlichen Auftraggeber gekannt, ein paar Mal sei sie ihm schon begegnet, er würde sich derzeit im Ausland aufhalten. Wenn die Staatsanwaltschaft ausreichend Beweise gesammelt hätte, würde sie ein Auslieferungsgesuch stellen.

Diese Andeutungen treffen vor allem auf einen Mann zu: Russlands Staatsfeind Nummer eins, der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowski. Ihm, der in seiner Heimat mutmaßlich 600 Millionen Doller unterschlagen hat und der zu Jelzins Zeiten der größte Strippenzieher im Kreml war, traut vor allem Präsident Putin jedes Verbrechen zu. Auf die Frage, ob es denn Beresowski war, gab Tschaika ein Lächeln zur Antwort.

Im Hauseingang traf sie den Mörder

Die Verhaftungswelle durch die Generalstaatsanwaltschaft erfolgte zwischen dem 15. und 23. August. Festgenommen wurden zehn Personen. Der Auftrag für den Mord an der prominenten Journalistin erging bereits im Sommer 2006. Ab September hefteten sich regelmäßig Verfolger an ihre Fersen. Zeitweilig wurde sie keine Minute aus den Augen gelassen, um ihre Gewohnheiten zu studieren. Etwa, wann und wie oft sie ins Krankenhaus fuhr, um ihre damals bettlägerige Mutter zu besuchen. Mindestens zweimal traf die Ausspionierte im Hauseingang mit ihrem Mörder zusammen. Ob er auch zu den Festgenommenen gehört, ist bislang nicht bekannt.

Am 17. Oktober, genau um 16.01 Uhr, schoss er fünf Mal auf Politkowskaja, als sie gerade aus dem Fahrstuhl kam. Anschließend warf er eine Waffe neben die Leiche - bei der es sich jedoch nicht, wie bislang angenommen, um die Tatwaffe handelt. Aus der aufgebohrten Gaspistole wurden keine Schüsse abgegeben. Offenbar sollte sie die Miliz auf eine falsche Fährte führen.

Sohn von der Aufklärung des Mordes überzeugt

Ilja Politkowskij, der Sohn der Ermordeten, arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Nach seinen Angaben ist der Auftraggeber an dem Mord bislang noch nicht identifiziert. Zu den vieldiskutierten Theorien gehört auch, dass Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow, den Politkowskaja als "Stalin unserer Zeit" bezeichnete, ihr die Killerbande geschickt haben könnte. "Ich bin fest überzeugt", sagt Politkowskij, "dass der Mord an meiner Mutter bald vollständig aufgeklärt wird."

Ganz grundlos ist sein Optimismus nicht. Zum ersten Mal während Putins Amtszeit gibt es überhaupt ein positives Ermittlungsergebnis im Mordfall an einem Journalisten. Anna Politkowskaja war die dreizehnte von 14 Reportern und Redakteuren, die in Russland in den vergangenen acht Jahren auf gewaltsame oder rätselhafte Weise ums Leben kamen.

Diesmal allerdings hatte Präsident Putin öffentlich Aufklärung gefordert. Er sagte: "Ihr Tod hat dem Ruf Russlands mehr geschadet, als das, was sie geschrieben hat."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker