HOME

Muammar el Gaddafi: Der gezähmte Revolutionär

Theaterreife Auftritte mit seiner Frauenleibwache haben Oberst Muammar el Gaddafi zum Paradiesvogel unter den arabischen Staatschefs gemacht. Für seinen Wandel vom Saulus zum Paulus soll Libyens Machthaber nun belohnt werden.

Noch nie in der modernen arabischen Geschichte hat ein Staatschef einen so schnellen und radikalen Ideologiewechsel vollzogen wie Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi. Für seinen Wandel vom Saulus zum Paulus binnen sechs Monaten soll der gezähmte Revolutionär nun belohnt werden. Dem Vernehmen nach wollen die USA ihre 1986 verhängten Wirtschaftssanktionen gegen das nordafrikanische Land in den nächsten Tagen aufheben. Damit könnten sich nach den Briten auch amerikanische Firmen aktiv am Wettrennen um die in Libyen lockenden Milliarden-Geschäfte im Bau- und Ölsektor beteiligen.

Nachdem Oberst Gaddafi im vergangenen Dezember überraschend angekündigt hatte, sein Land werde sofort alle Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellen, hat er sich nun auch noch zum Verfechter der Menschenrechte aufgeschwungen. Die für ihre unfairen Prozesse berüchtigten Volksgerichte sollen aufgelöst werden. Mitte Februar durfte erstmals seit 15 Jahren wieder eine Delegation von Amnesty International Libyen besuchen. Prompt kündigte Gaddafi an, er wolle einigen Forderungen der Menschenrechtsorganisation nachkommen.

Erstaunliche Entwicklung

Außerdem strebt der einstige Anti-Kapitalist, der mit seinen Getreuen 1969 König Idris el Sanusi gestürzt hatte, langfristig eine Mitgliedschaft in der von Globalisierungskritikern verteufelten Welthandelsorganisation (WTO) an. Eine erstaunliche Entwicklung für einen Mann, der in seinem "Grünen Buch" Ende der 70er Jahre erklärt hatte, motivierte Arbeiter finde man nur in "sozialistischen Betrieben".

Gaddafi wurde im September 1942 in einem Zelt in der libyschen Wüste in der Nähe der Küstenstadt Sirte geboren. Später besuchte er die Militärakademie in Bengasi und ging für ein halbes Jahr zur weiteren Ausbildung nach Großbritannien. An die Macht kam der damals 29-Jährige am 1. September 1969. Der von ihm gegründete Bund der "Freien Offiziere" hatte den greisen König Idris in einem unblutigen Putsch vom Thron gestoßen. Gaddafi wollte stets in die Fußstapfen des charismatischen Araberführers Gamal Abdel Nasser aus Ägypten treten, der kurz vor dem Tod sagte: "Du bist mein Sohn und mein Erbe."

Stigma eines Sponsors des internationalen Terrorismus

1970 wies Gaddafi die 25 000 seit der Kolonialzeit in Libyen lebenden Italiener aus, ließ britische und amerikanische Soldaten Militärstützpunkte räumen und Öl importierende und vertreibende ausländische Unternehmen und Versicherungen verstaatlichen. Mit Petrodollar wollte Gaddafi die libysche Beduinengesellschaft zu einem Wohlfahrtsstaat machen. Der Sicherheitsapparat ist in Libyen eine wichtige Machtstütze. Kritiker im In- und Ausland wurden rücksichtslos zum Schweigen gebracht. Über Jahre haftete Gaddafi das Stigma eines Sponsors des internationalen Terrorismus an.

Der 1986 von US-Präsident Ronald Reagan gegen Libyen verhängte totale Wirtschaftsboykott und das 1992 wegen der Lockerbie-Affäre beschlossene UN-Waffen- und Luftverkehrsembargo setzten der Wirtschaft des Ölstaates schwer zu. Begonnen hatte der Wandel Gaddafis mit zähen Verhandlungen über die Entschädigung der Angehörigen von Menschen, die bei Libyen angelasteten Terroranschlägen ums Leben gekommen waren. Dazu gehörten die Familien der 270 Opfer des Anschlags auf ein amerikanisches Passagierflugzeug über dem schottischen Ort Lockerbie im Jahr 1988. Den Europäern bot er gleichzeitig eine Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der illegalen Einwanderung aus Afrika nach Europa an. Im April 1999 lieferte Libyen die von den USA und Großbritannien gesuchten beiden Hauptverdächtigen für das Attentat auf das PanAm-Flugzeug über Lockerbie aus. In der Folge bemühte sich Gaddafi zunehmend, sein Paria-Image loszuwerden und sein Land vom Makel des "Schurkenstaats" zu befreien.

Der Paradiesvogel unter den arabischen Staatschefs

Theaterreife Auftritte und Sprüche sowie seine Frauenleibwache haben Gaddafi zum Paradiesvogel unter den arabischen Staatschefs gemacht. Dabei ist der 62-Jährige nicht nur einer der jüngeren arabischen Herrscher, sondern auch mit rund 35 Regierungsjahren der derzeit dienstälteste. Darüber, was wohl hinter dem Kurswechsel des Alt-Revolutionärs steckt, der sich für seine endlosen Vorträge in farbenfrohe Gewänder kleidet, gibt es nur Spekulationen.

Nach einer Theorie, die in arabischen Politiker-Kreisen kursiert, will Gaddafi seinem Sohn Saif el Islam den Weg zur Macht ebnen. Dieser hat seit einigen Jahren als Vorsitzender einer politischen Stiftung von sich reden gemacht. Andere glauben, dass Gaddafi, der sich in den vergangenen Jahren selbst zum Vater der afrikanischen Einheit stilisiert hat, schlicht desillusioniert ist und deshalb einen pragmatischeren Kurs fährt. Dahinter stecke seine Verärgerung darüber, dass die arabischen "Brüder" seine revolutionären, nationalistischen Pläne nicht ernst nehmen wollten. Eines hat sich jedoch trotz des "libyschen Frühlings" noch nicht geändert: Ausländische Journalisten und Pressefotografen werden bei Recherchen in Libyen immer noch von staatlichen Aufpassern begleitet.

Immer für eine Überraschung gut

Was der Ex-Sozialist, der die Libyer über Jahrzehnte von westlichen Einflüssen abzuschirmen suchte, und frühere Förderer extremistischer Gruppen als Nächstes plant, ist ebenfalls schwer einzuschätzen. Gaddafi, der Staatschefs gerne mal im Beduinengewand, mal in Operettenuniform oder im italienischen Designeranzug empfängt, ist immer für eine Überraschung gut - denn Gaddafi liebt die Provokation.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA