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Mutmaßliche Boston-Attentäter: Vater glaubt an Unschuld seiner Söhne

Zumindest einer der mutmaßlichen Attentäter wurde vom FBI in der Vergangenheit überwacht. Von den Anschlagsplänen wusste die Bundespolizei jedoch nichts. Der Vater hält seine Söhne für unschuldig.

Eine Woche nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon gerät die US-Bundespolizei FBI zunehmend in die Kritik. Sie soll den Hinweisen auf einen islamistischen Hintergrund des getöteten 26-jährigen Terrorverdächtigen Tamerlan Zarnajew nicht genügend nachgegangen sein, berichtet die "New York Times". Dessen schwer verletzter 19 Jahre alter Bruder Dschochar ist unterdessen ansprechbar - kann allerdings vorerst nur schriftlich auf Fragen antworten. Bostons Polizeichef Ed Davis vermutet, dass die Brüder weitere Anschläge geplant hatten. Ein Vorwurf, den der Vater der beiden zurückweist. Er hält seine Söhne für unschuldig.

Brüder hatten Waffenarsenal angelegt

Die Polizei habe anhand der inzwischen gefundenen Beweise Grund zur Annahme, dass die Brüder "weitere Menschen attackieren" wollten, bekräftigte Davis jedoch gegenüber dem Sender CBS die Haltung der Polizei. Allerdings machte Davis keine Angaben dazu, wer Ziel der nächsten Angriffe sein sollte. Beamte hätten bei der Verfolgung von Tamerlan und Dschochar Zarnajew ein ganzes Arsenal hausgemachter Bomben und Materialien sichergestellt. Bei dem Anschlag am vergangenen Montag waren drei Menschen getötet worden - unter ihnen ein achtjähriger Junge. Rund 180 Läufer und Zuschauer wurden verletzt.

Die Kongressabgeordneten Michael McCaul und Peter T. King kritisierten das FBI und sprachen von einem "geheimdienstlichen Versagen", so die "New York Times" weiter. Der Fall werfe ernsthafte Fragen über die Wirksamkeit der Terrorismusbekämpfung in den USA auf, schrieben die beiden Republikaner in einem an das FBI, das Heimatschutzministerium und den Chef der Nationalen Nachrichtendienste adressierten Brief, aus dem auch "USA Today" zitierte. McCaul ist der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im US-Repräsentantenhaus und hat Zugang zu Geheimdienstinformationen, auch King ist Terrorismusexperte.

Getöteter Tamerlan bereits 2011 im FBI-Visier

Unterdessen rätseln die Ermittler, ob die Brüder Hintermänner hatten. Das FBI hatte Tamerlan 2011 als "radikalen Islamisten" im Visier. FBI-Agenten hatten den 26-Jährigen und Familienangehörige verhört. Die für die innere Sicherheit zuständige Bundespolizei nahm ihre Untersuchungen aber nicht wieder auf, als Tamerlan im Sommer 2012 von einer sechsmonatigen Reise nach Dagestan und Tschetschenien in die USA zurückkehrte, wie Mitarbeiter einräumten. Nach Informationen der "New York Times" hatte er sich nach seiner Rückkehr radikalisiert.

Vater von Unschuld überzeugt

Der Vater der beiden mutmaßlichen Terroristen, Ansor Zarnajew, ist hingegen von der Unschuld seiner Söhne überzeugt. Tamerlan "hätte das, was ihm vorgeworfen wird, niemals tun können", sagte Zanrajew der russischen Tageszeitung "Komsomolskaja Prawda". Der getötete 26-Jährige sei "ein guter Moslem" gewesen. Nach seiner Hochzeit sei Tamerlan "sehr religiös" geworden und jeden Freitag in die Moschee gegangen. Zuletzt habe er mehrere Monate lang keine Arbeit gehabt und sich zuhause um sein dreijähriges Kind gekümmert. Tamerlan habe vorgehabt, nach Russland zu ziehen, sagte der Vater.

Auch seinen schwer verletzten Sohn Dschochar verteidigte der Vater. Der 19-Jährige habe "große Pläne" gehabt: Dschochar habe Arzt werden und eine Praxis eröffnen wollen. "Jetzt ist die Rede von Bombenanschlägen. Wie ist das möglich?", fragte Ansor Zarnajew.

Er bezeichnete die Ermittlungen gegen seine Söhne als "politischen Auftrag" und als "Hollywoodshow". Tamerlan sei in den vergangenen zwei Jahren ständig von der US-Bundespolizei überwacht worden. Die Sicherheitsbehörden hätten Tamerlan eine Falle stellen wollen. Doschochar sei lediglich "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen.

Dschochar wird schriftlich verhört

Der überlebende mutmaßliche Bombenattentäter ist nach Medienberichten am Sonntagabend (Ortszeit) im Krankenhaus aufgewacht. Dschochar Zarnajew antworte in seinem Krankenbett schriftlich auf Fragen der Ermittler, berichtete unter anderem die "USA Today" in ihrer Internetausgabe. Sie bezog sich auf anonyme Aussagen eines Fahnders.

Zarnajew wird im Beth Israel Deaconess Medical Center von Boston unter anderem wegen einer schweren Schusswunde am Hals behandelt und kann nicht sprechen. Er könnte nach Aussagen der Ermittler noch an diesem Montag von einem Bundesrichter angeklagt werden. Der 19-Jährige muss mit der Todesstrafe rechnen. Massachusetts hat sie zwar abgeschafft, die USA als Staat aber nicht. Der TV-Sender CNN zitierte einen Beamten aus dem Justizministerium mit den Worten, Zarnajew müsse sich wohl nach Bundesrecht wegen Terrorismus verantworten und nach Landesrecht wegen Mordes.

Genau eine Woche nach dem Anschlag waren die Bewohner des US-Staates Massachusetts an diesem Montag aufgerufen, der Opfer zu gedenken. Bostons Bürgermeister Thomas Menino und Gouverneur Deval Patrick riefen zu einer Schweigeminute um 20.50 Uhr (MESZ) auf, dem Zeitpunkt der Explosionen. Anschließend sollen in ganz Massachusetts die Kirchenglocken läuten.

swd/AFP/DPA / DPA