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Nach Japans Tsunami: Existenz in Trümmern

Das Erdbeben und der Tsunami richteten in Japan weite Zerstörung an. Getroffen hat es viele Regionen, aber es sind vor allem die Schwachen, die leiden. In dem Katastrophengebiet leben viele alte Menschen. Sie konnten nicht fliehen und leben nun in den Trümmern.

Ein hüfthoher Schutthaufen mit einem Dach darauf - das ist alles, was von Keiko Okashis Haus im japanischen Küstenort Miyako übrig geblieben ist. "Alles in Ordnung bei Dir?", ruft die alte Frau immer wieder besorgt in Richtung der Trümmer, in denen ihr Mann nach ihren Habseligkeiten sucht. "Es ist alles ein einziges Durcheinander, ich habe so vieles verloren", klagt die über 70-Jährige. Sie klammert sich an die Hoffnung, wenigstens ein paar Dinge aus dem vom Tsunami zerstörten Haus retten zu können, vor allem ihre Ersparnisse, die sie lieber zu Hause statt auf der Bank aufbewahrte. Doch das einzige, was Okashis Mann findet, ist ein Buch.

Die Naturkatastrophe hat alte Menschen wie Okashi besonders hart getroffen. Sie verwandelte das ruhige und friedliche Rentnerleben in einem Albtraum. Wie in vielen Städten und Dörfern im Katastrophengebiet leben auch in Miyako viele Alte. Die Jungen sind auf der Suche nach Arbeit weggezogen, ihre Eltern lebten ein bescheidenes Leben in Häusern, die vielfach aus nicht mehr als verkleideter Spanplatte bestanden. Hilflos angesichts der Geschwindigkeit und Wucht der Zerstörung machen alte Menschen einen großen Teil der Getöteten und Vermissten aus.

"Viele alte Menschen versuchten wegzulaufen, aber viele von ihnen starben", sagt der fast 70-jährige Kohe Katzuyama, der seit langem in Miyako lebt. Er hat es geschafft, doch das Überleben in den Schutzräumen ist hart. Es gibt kaum Wasser und Strom, der Kälteeinbruch mit Schneestürmen erschwert die Lage weiter. Medikamente und medizinische Versorgung gibt es nicht mehr. Das macht es für ältere Menschen noch schwieriger, durchzuhalten, bis die Versorgung sich bessert. Hoffnungen, irgendwann ihr bisheriges Leben wieder aufbauen zu können, machen sich die Alten keine mehr.

Ihr Haus wieder zu errichten kann sich Okashi nicht vorstellen. "Erst einmal geht es nur ums Überleben", sagt sie. Auf Hilfe von ihren Kindern, die weit entfernt wohnen, kann sie nicht zählen. Die kämpfen selbst mit den Auswirkungen der Katastrophe. Doch plötzlich erhellt ein Lächeln das Gesicht der alten Frau inmitten der Trostlosigkeit: Sie erblickt eine alte Freundin, die sie seit dem Erdbeben nicht mehr gesehen hat. Einen Moment lang halten sich die beiden Frauen stumm an den Händen - irgendwie auch verwundert, dass sie beide die Verwüstung um sie herum überlebt haben.

Okashis Freundin versucht Mut zu machen. "Ja, es ist schwierig, aber wir müssen tun, was wir tun können. Und solange ich zu essen habe, ist alles gut", sagt Taeko Yosuka, während sie mit den Tränen kämpft. "Aber erst einmal müssen wir uns ein bisschen Zeit nehmen, um über all das nachzudenken."

Hideo Chiba denkt nicht mehr nach, er packt bereits an. Der 70-Jährige aus dem Dorf Kensennuma ist fest entschlossen, seine vom Tsunami zerstörte Bäckerei wieder aufzubauen. Seine Wangen sind von der Kälte und der Anstrengung gerötet. Seit Stunden schon müht er sich ab, den Schutt aus der Backstube zu schaffen. Seine Zuversicht ist ansteckend.

"Die Leute fragen mich, wieso ich noch lachen kann", sagt der Bäcker. "Weil ich niemanden aus meiner Familie verloren habe, antworte ich ihnen." Hideo ist froh, dass er etwas zu arbeiten hat. Er macht bereits Pläne, wie er die Lüftungsanlage und die Maschinen wieder in Gang bekommen könnte. 20 Millionen Yen (180.000 Dollar) kalkuliert er für den Wiederaufbau. "Zu arbeiten hebt die Stimmung", sagt Hideo und ist froh, dass er so viel zu tun hat. Dabei hat er nicht einmal Wasser, um sich den Schmutz von den Händen zu waschen.

von Olivia Hampton und Hirashi Hiyama, DPA / DPA