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Nahost: "Schwere humanitäre Probleme"

Die soziale Lage der Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland ist so schlecht wie seit dem Sechs-Tage-Kreig von 1967 nicht mehr. Ein Hauptgrund der wirtschaftlichen Misere ist Israels Politik der Blockaden.

"Nie war ein Leben so wenig kostbar", sagt ein palästinensischer Familienvater in Gaza-Stadt. Die tägliche Gewalt im Konflikt mit Israel, die wachsende wirtschaftliche Not und die Sorge um eine ungewisse Zukunft bestimmen sein Leben und das seiner Nachbarn. Im vierten Jahr das Palästinenseraufstandes wird die Lage immer verzweifelter, wie auch israelische Militärs jüngst einräumten.

Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 sei die soziale Situation nie so schlecht, die politische Hoffnungslosigkeit nie so groß gewesen, erklärte General Ilan Pas, Chef der israelischen Zivilverwaltung in den Palästinensergebieten, bei einer Militärtagung in Tel Aviv. Seit zwei Jahren könne die palästinensische Autonomiebehörde ihre Aufgaben im Gesundheitswesen, der Stadtverwaltung und der Erziehung kaum noch erfüllen. Besonders die israelischen Militärsperren verursachten "schwere humanitäre Probleme", sagte er.

Sie lebt mit neun Kindern auf gepackten Koffern

Das Leben der Palästinenserin Samiha el Kutati in der Stadt Rafah an der Grenze des Gazastreifens zu Ägypten wirft ein Schlaglicht auf die Lage. Internationale Hilfe gibt es dort kaum noch, während Kutati mit ihren neun Kindern auf gepackten Koffern lebt. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis ihr Haus für eine so genannte Sicherheitszone an der Grenze eingeebnet werde, sagte die 40-Jährige. Panzer rücken dann in Wohnviertel ein. Straßenkämpfe toben. "Ich sehe hier keine Zukunft", meint die Frau.

Das Büro des UN-Koordinators (UNSCO) forderte die israelische Regierung am Wochenende auf, vollen Zugang für Hilfslieferungen nach Gaza zu gewähren. Hilfe für mehrere hundertausend Menschen werde nach den palästinensischen Selbstmordanschlägen behindert und blockiert, obwohl es bei den Taten keinen Zusammenhang mit UN-Fahrzeugen oder UN-Gütern gegeben habe, beklagt die UN-Organisation in ihrer Erklärung.

40 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze

"Wir merken, dass sich die Situation ständig verschlechtert", sagt David Shearer, der das UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (Ocha) in Jerusalem leitet. Er verweist auf UN-Zahlen, wonach schon etwa 40 Prozent der Palästinenser Menge und Qualität ihrer Nahrung verringern mussten. Fast zwei Drittel leben unterhalb der Armutsgrenze.

Als Hauptgrund des wirtschaftlichen Niedergangs machen die UN-Mitarbeiter Israels Politik der Blockaden und Ausgangsperren aus. Sie weisen zudem auf die Folgen der Sperranlage im Westjordanland hin. Nach der Genfer Konvention trage Israel als Besatzungsmacht die Verantwortung für das Wohlergehen der Palästinenser, betonen die Autoren eines UN-Dokumentes zur Lage 2004. "Nicht nur muss es (Israel) diese Verpflichtung erst noch erfüllen, es hat auch andere Organisationen gehindert, dies an seiner Stelle zu tun", heißt es in dem Ocha-Papier.

Mehr als die Hälfte der Kinder sind traumatisiert

Der Konflikt hat zerstörische Folgen für die Gesellschaft. Nach einer Untersuchung eines Gesundheitsinstitutes in Gaza-Stadt sind mehr als die Hälfte der Kinder in den Spannungsgebieten traumatisiert. In einer Umfrage hat etwa ein Viertel der palästinensischen Kinder gesagt, sie wollten "Märtyrer" werden, also im Kampf gegen Israel sterben. Die Propaganda militanter Palästinenserorganisationen bestärkt die Kinder gezielt darin. Ein Mitarbeiter einer internationalen Organisation in Jerusalem sagt: "Die Kinder der letzten Intifada sind die Selbstmordattentäter von heute. Was wird aus den Kindern dieser Intifada?"

Carsten Hoffmann / DPA