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Natascha Kampusch: Eine Gefangene ihres Schicksals

Natascha Kampusch versuchte, ihr öffentliches Bild zu kontrollieren. Doch viele Fragen blieben offen, die Neugier der Menschen ungestillt. Ihr Weg ins Alltagsleben wird immer schwerer.

Von Markus Götting und Uli Hauser

Jetzt hat es schon wieder geklingelt. Es sind ziemlich anstrengende Tage für die Anwälte von Natascha Kampusch. Gerald Ganzger holt sein Handy aus der Sakkotasche, er springt vom Stuhl des Straßenrestaurants auf und vergisst dabei seinen Blackberry auf dem Tisch; er läuft am Ufer des Donaukanals auf und ab, telefoniert, gestikuliert, genau wie sein Kanzleikollege Gabriel Lansky. Und auf dem Tisch piept der Blackberry. "In dieser Medienwirklichkeit", sagt Lansky in einer ruhigen Minute, "kriegen Sie den Geist nicht mehr in die Flasche zurück."

Es sind einige Tage vergangen seit Natascha Kampuschs spektakulärem Fernsehauftritt, und geblieben sind mehr Fragen als Antworten. In der Presse täglich das jüngste Gerücht. Und immer wieder eine neue Wahrheit. Was verschweigt, was verdrängt, was verklärt sie? Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, im Kellerverlies sich selbst überlassen zu sein. Was es heißt, in der Angst leben zu müssen, jederzeit getötet zu werden. So ein Schicksal sollte nur in Therapiesitzungen behandelt, allenfalls in polizeilichen Befragungen geklärt werden. Aber Natascha Kampusch hat sich zu einer öffentlichen Figur gemacht, die gleichzeitig Privatheit verlangt. Und die nun damit konfrontiert ist, dass die Leute Dinge von ihr wissen wollen, die niemanden etwas angehen: Wie genau sah das ambivalente Verhältnis zu ihrem Peiniger aus? Was bedeutet es denn, wenn man sagt, dass Menschen in so einem Abhängigkeitsverhältnis, einem anderen ausgeliefert auf Leben und Tod, sich arrangieren müssen?

Dietmar Ecker, einer der profiliertesten Medienstrategen des Landes, hatte Kampuschs Medienwirklichkeit zu gestalten versucht. Drei Tage nach dem Fernsehinterview ist er aus dem Team ausgestiegen. In einer Umfrage fanden 78 Prozent ihrer Landsleute Natascha Kampusch sympathisch, das neue Boulevardblatt "Österreich" ernannte sie zur "Königin der Herzen". Mission erfüllt?

Ecker sitzt in seinem Büro und denkt an die vergangenen Wochen, er sagt: "Ich habe fast nur mit einer Fassade kommuniziert, nicht mit dem Leid." Aber während er stundenlang mit ihr das Interview geprobt hat, die Fragen, die Antworten, da bekam er eine Ahnung davon, was hinter dieser Fassade steckt. Er sagt: "Das alles ist ein psychologischer Grenzfall. Die Urangst - das Mädchen hat alles erlebt, was man nicht erleben will, grauenhafte Geschichten, und einige davon nehme ich als Geheimnis mit in meine Holzkiste."

Ecker, Vater zweier Töchter, zwölf und 19, hat nachts von Natascha Kampusch geträumt; bei ihren Erzählungen habe es ihm immer wieder das Wasser in die Augen gedrückt. Er sagt: "Ich habe in die Hölle geguckt."

"Frau Kampusch wird nun rumgereicht wie eine Zirkussensation", sagt Ecker, "jetzt gelten die Gesetzmäßigkeiten der Soap Opera." Die aktuelle Episode heißt: Natascha - das neue Glück mit ihrer Mutter. So stand es in der Zeitung. Anwalt Lansky linst über den Rand seiner Brille, er sitzt beim Türken um die Ecke von seinem Büro. Im 1. Bezirk sieht Wien aus wie ein Freilichtmuseum. Lansky spricht vom Verhältnis seiner Mandantin zur Mutter, Brigitta Sirny, und den beiden Halbschwestern. Er sagt: "Von der Mutter aus ist das eine sehr warmherzige, nette, fürsorgliche Beziehung. Da wird Natascha gut aufgefangen. Vielleicht war das früher anders, aber dass es da eine traumatische Beziehung gibt, das schließe ich durch meine Menschenkenntnis aus."

"Die Sirny", sagt Anneliese Glaser, "war eine ekelhafte Mutter." Anneliese Glaser ist eine Nachbarin von Frau Sirny. Die Gegend um die Rennbahnwegsiedlung ist eine der weniger schönen Ecken von Wien. Hier, in Wohnblock 38, wuchs Natascha auf, und gleich in der Nähe ist der "Leopoldauer Alm", eine Kneipe an der großen Ausfallstraße. Im hinteren Eck sitzt Frau Glaser, vor sich ein Seidel Bier und extralange Zigaretten.

Einen Tag vor ihrem Geburtstag ist Natascha wieder aufgetaucht. Da hat Frau Glaser gesagt: Meinen Geburtstag feier ich jetzt noch nicht, den feier ich mit der Natascha. So euphorisch war sie. Im März 1998, am Abend vor ihrem Verschwinden, hatte Natascha Kampusch noch bei Frau Glaser gesessen; die Natascha sei mit dem Vater übers Wochenende in Ungarn gewesen, in dem kleinen Ferienhaus, und als sie am Sonntagabend zurückkam, war die Mutter nicht da. Ist sie halt eine Etage runter zur Nachbarin gegangen. Wie die Mutter gegen Viertel vor zehn aus dem Kino gekommen sei, habe sie die Natascha angebrüllt, sie solle endlich hoch ins Bett gehen. Und dann habe Frau Sirny mit ihr, der Nachbarin, noch einen Baileys getrunken. Am nächsten Tag war Natascha verschwunden.

Wenn man Anneliese Glaser lang genug zuhört, bekommt man eine Idee vom Leben im Gemeindebau allgemein und dem Leben in Wohnung 18 im Besonderen. Dauernd habe die Mutter mit der Natascha gestritten, und geschlagen habe sie die Tochter auch. Eine andere Zeugin will Striemen auf Nataschas Rücken gesehen haben. Frau Glaser sagt: "Ich bin mir sicher, die Sirny und der Priklopil haben sich gekannt." Nataschas Mutter und der Entführer Wolfgang Priklopil.

Anneliese Glaser erzählt aus der Zeit im Herbst 1997, als Frau Sirny noch ein Lebensmittelgeschäft in Süßenbrunn besaß und Frau Glaser dort arbeitete. Ein paar Wochen, bevor Frau Sirny ihren Laden aufgeben musste, habe ein Freund von ihr vor der Tür gestanden, mit einem zweiten Mann. Der habe nach dem Sicherungskasten geschaut. "Ich bin mir sicher, das war der Priklopil", sagt Frau Glaser, "als ich das Bild am 23. August im Fernsehen gesehen hab, hab ich den gleich erkannt." Das hat sie auch bei der Polizei ausgesagt. Die wertet sie als "wichtige Zeugin".

Frau Sirny möchte nicht mehr mit der Presse sprechen. Sie will überhaupt, dass die Akte geschlossen wird. Ihre Tochter lebt, Priklopil ist tot. Was sollen die lästigen Fragen? Der Detektiv Walter Pöchhacker, seinerzeit von einer Boulevardzeitung mit Nachforschungen im Fall Kampusch beauftragt, will Widersprüche in ihren Aussagen entdeckt haben. Ein ehemaliger Richter, der auf eigene Faust ermittelte und sich dabei als Polizist ausgab, äußerte ähnliche Vermutungen. Das wurde ihm bei Strafe von der Justiz verboten.

Auch in Natascha Kampuschs Umfeld gibt es Leute, die nicht ausschließen wollen, dass ihr Leiden schon vor der Entführung begonnen hat. Im letzten halben Jahr vor ihrem Verschwinden fing Natascha wieder an, ins Bett zu nässen. Sie nahm innerhalb weniger Monate zehn Kilo zu. Und noch immer kursieren in Wien Bilder, angeblich geknipst von der Halbschwester; sie zeigen die kleine Natascha mit hohen Stiefeln und Gerte und ohne Höschen. Es heißt, ein Journalist habe diese Fotos vor ein paar Jahren bei Frau Sirny gestohlen. Heute werden sie für 10 000 Euro angeboten.

Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich leitet im Moment noch Nataschas Betreuerteam, bis sie demnächst die Klinik verlassen wird. Damals, nach der Entführung, wurde er als Gerichtsgutachter hinzugezogen. In seiner Expertise schrieb er, die besagten Fotos ließen zwar "keinen Schluss auf kinderpornografische Ausbeutung beziehungsweise sexuellen Missbrauch zu", aber das Verhältnis zur Mutter sei problematisch. Es falle auf, "dass die Kindesmutter ein relativ kühles, distanziertes, eher sich selbst entschuldigendes und nicht unbedingt warmherziges Verhalten an den Tag legt". Friedrich schloss auch nicht aus, dass Natascha aus kindlicher Neugierde in den Wagen ihres Entführers gestiegen sein könnte.

Friedrich macht nicht mehr diesen souveränen Eindruck wie noch in den ersten Tagen nach Kampuschs Flucht. Er war eh nicht begeistert, dass sie derart an die Öffentlichkeit ging. Und nun wird er auch noch dafür kritisiert. "Patienten fragen mich schon, ob ich geld- und mediengeil sei." Dabei beobachtet er selbst mit Sorge, dass Frau Kampusch zurzeit "wie der russische Tanzbär am Nasenring herumgezogen wird".

Natascha, sagt ihr Vater Ludwig Koch, "verdrängt Sachen, an die sie sich nicht erinnern will". Es ist ein schöner Spätsommertag, Koch sitzt im Innenhof seines Hauses, der Abend bricht herein, und seine jetzige Frau, eine Ungarin, serviert Nussbrot, Käse und Wurst. Ludwig Koch reicht Weißwein. Er hat ein Zimmer hergerichtet für Natascha, falls sie demnächst mal bei ihm übernachten möchte. Einstweilen aber zermartert er sich den Kopf: Er kennt doch fast jeden hier in der Gegend. Hat er diesen Priklopil irgendwann mal irgendwo gesehen? Vielleicht in "Christines Imbiss", wo die Wirtin immer wieder zu weinen anfängt, wenn die Leute über Natascha reden. Die sei ja früher oft hergekommen. Mit ihrer Mutter manchmal, mit ihrem Vater oft. Die Leute sagen, auch Priklopil war manchmal hier - in diesem Bermuda-Dreieck aus Würstelbude auf der einen Straßenseite und Mülldeponie und Erotik-Markt auf der anderen.

Koch fährt sozusagen das Gegenprogramm zu seiner Frau. Er ist ganz schön rumgekommen in den vergangenen Wochen: Hamburg, Köln, Rom. Immer wieder hat er seine Geschichte erzählt, vom Kampf gegen die Psychologen, die ihm seine Tochter entziehen wollen. Er hat nicht viel geschlafen in letzter Zeit, irgendwann nickt er in seinem Gartenstuhl ein.

Als Natascha Kampusch vor vier Wochen dem Grauen aus Priklopils Haus in der Heinestraße 60 entkam, hat sie noch am Abend im Sicherheitsbüro ihre Eltern wiedergesehen. Sie nahm ihre Mutter in den Arm und soll gesagt haben: "Mama, ich weiß, das hast du nicht gewollt." Dann fuhr die Mutter wieder zurück in die Steiermark. Sie hatte dort Urlaub mit den Enkeln gemacht.

Jetzt hat Brigitta Sirny wieder viel Zeit für ihre Natascha. Sie gehen zusammen shoppen, Möbel aussuchen, und im 9. Bezirk schauen sie sich eine Wohnung an. "Hell muss sie sein, das ist ja verständlich", sagt Anwalt Lansky.

Bei Anwalt Ganzger klingelt das Telefon, der Reporter einer Boulevardzeitung ist dran und sagt, ein Leser biete ein Foto von der Natascha an, aufgenommen bei der Wohnungssuche mit der Mutter, ganz innig sollen die beiden sein. Ganzger fragt seinen Kollegen: "Du, sag mal, hat die Natascha eigentlich ein Fotohandy? Dann schicken wir ihr das Foto mal zum Autorisieren." Und so bringt der mediale Flaschengeist am nächsten Tag die frisch freigegebenen Bilder in die Blätter. Angeblich Leserfotos, tatsächlich von einem professionellen Paparazzo. Professor Friedrich sagt: "In meinem ärztlichen Einverständnis ist das nicht."

Die Mutter von Wolfgang Priklopil traut sich indes nicht mehr ohne Perücke auf die Straße, sie kann auch nicht zum Arzt, weil sie der Sprechstundehilfe ihren Namen nennen müsste. Sie will auch keinen Nachsendeantrag für ihre Post stellen, aus Angst, ihr geheimer Aufenthaltsort könne dann bekannt werden. Waltraud Priklopil ist Mitte sechzig, im Moment schläft sie in einem Notquartier. Auf einer Campingliege.

"Es ist entwürdigend", sagt eine Freundin der Familie, die ihren Namen aber bitte nicht in der Zeitung lesen will, "sie ist jetzt mit ihrer eigenen Hölle beschäftigt." Abgesehen von dem Therapeuten, zu dem Waltraud Priklopil zweimal die Woche geht, ist die Freundin die Einzige, die sich um sie kümmert. Sie sagt: "Diese Frau hat alles verloren, ihre gesamte Existenz. In ihre Wohnung kann sie nicht zurück. Und eine neue finden? Mit dem Namen?" Frau Priklopil musste sich ohne einen Pfarrer von ihrem Sohn verabschieden, von ihrem "Bub", für den sie 44 Jahre lang alles getan hatte, dem sie Geld zusteckte, dessen teures Auto auf ihren Namen angemeldet war.

Wolfgang Priklopil hat Natascha gequält. Er hat sie unten hungern lassen in ihrem Verlies, und oben stand, wenn die Mutter da war, der frisch gebackene Kuchen. Als sie 15 war, wog Natascha nur noch 37 Kilo. Manchmal, sagt ihr Anwalt, gab Priklopil ihr dann wieder mehr, als sie essen konnte. Er spielte Jo-Jo mit ihrem Körpergewicht. Getrieben von seiner Machtfantasie machte er ein Aschenputtel aus ihr. Einmal, als der Putz von der Decke bröckelte, musste Natascha jedes einzelne Körnchen aufpicken. Danach kontrollierte Priklopil mit der Lupe, ob auch wirklich alles sauber ist. War sie nicht ordentlich genug, verprügelte er sie so heftig, dass sie kaum noch gehen konnte. Wenn sie grün und blau geschlagen war, versuchte er sie wieder herzurichten. Dann nahm er seine Kamera und fotografierte sie.

Die Polizei hat Bilder gefunden im Haus. Es sind auch andere Personen darauf zu sehen. Wer? Das wird gerade ermittelt. Inzwischen melden sich nahezu täglich Anrufer, die Priklopil und sein Opfer in Wien, eigentlich quer durch Österreich gesehen haben wollen. Der übliche Reflex in solchen Fällen, Adabei heißen solche Leute in Österreich - auch dabei. Die meisten melden sich bei der Zeitung oder beim Fernsehen. Für die Polizei ist das ein Problem: Will sie gewissenhaft ermitteln, muss sie jedem Hinweis nachgehen. Ein Beamter sagt: "Die rufen aus irgendwelchen Würstelbuden an, besoffen, von Wertkartenhandys und sagen, wir sollen mal zurückrufen."

Johann Frühstück leitet die Ermittlungen der Sonderkommission. Vor einigen Jahren hat er auch den berühmten Otto-Muehl-Fall bearbeitet; ein Künstler hatte eine Sexkommune gegründet, in der Kinder missbraucht wurden. Er sagt: "Damals hat es ein halbes Jahr gedauert, bis das erste Opfer zu reden angefangen hat." Auch der Fall Kampusch, sagt er, könne sich noch über Wochen und Monate hinziehen. "Wir haben ein Vertrauensverhältnis zu Frau Kampusch aufgebaut", sagt Frühstück. Das will er nicht durch Spekulationen erschüttern. Sie ist seine wichtigste Zeugin. Aber es gibt eine Menge Fragen, die sie im Moment nicht beantworten will. "Wir nehmen viel wahr", sagt Frühstück, "wir nehmen alles auf."

Die Polizei ermittelt weiterhin, ob es Mitwisser gegeben hat. Für die nächsten Tage wurden "konkrete Schritte" angekündigt. Es gibt Hinweise auf ein Beziehungsgeflecht zwischen Frau Sirny, einem Transportunternehmer und Priklopils Geschäftspartner Ernst Holzapfel.

Vielen fällt es schwer zu verstehen, weshalb Natascha Kampusch nicht früher geflüchtet ist. Bei Einkäufen, beim Skifahren. Zeugen, die sich jetzt melden, wollen sie oft gesehen haben: vor Imbissläden, an Tankstellen, wie sie allein in diesem weinroten BMW saß und auf Priklopil gewartet haben soll. Ihr Anwalt Ganzger sagt, Frau Kampusch habe permanent in der Angst gelebt, er bringe sie beim geringsten Fluchtversuch um: "Man weiß, dass Priklopil ein Luftgewehr besaß."

Psychologen haben keinen Zweifel daran, dass es auch so etwas wie Normalität in dieser Beziehung gab. Doch wie normal diese Normalität war, weiß nur Natascha Kampusch. Und an diesem Punkt wird ihr Anwalt Ganzger sehr ungehalten. Er sagt: "Frau Kampusch wird sich gegen jeden Versuch verwahren, eine Beziehung zwischen ihr und dem Entführer zu konstruieren." Die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits, die in den vergangenen Wochen an Nataschas Seite war, sagt: "Der Täter war zu jedem Zeitpunkt stärker und mächtiger. Und für sie die einzige reale Bezugsperson. Jeder Mensch entwickelt seine eigene Strategie zu überleben."

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Markus Götting und