Neapel Niemand will den Müll haben

Der Müllberg in Neapel wird zu einem landesweiten Problem. Niemand will den Dreck und Abfall aus der süditalienischen Großstadt haben. Das zwingt die Regierung in Rom zu ungewöhnlichen Maßnahmen.
Von Luisa Brandl, Rom

Die Aufräumarbeiten kommen nicht voran. Neapel erstickt weiter im Müll, 6000 Tonnen Abfall gammeln in den Straßen. Auch eine Woche nach Ferienende bleiben viele Schulen und Kindergärten geschlossen. Der Unrat versperrt den Weg in die Klassenzimmer.

In der Region Kampanien, zu der Neapel gehört, türmen sich mehr als 100 Tonnen Plastiksäcke. Premier Romano Prodi hat das Müllproblem zur Chefsache erklärt und die anderen Regionen zur Solidarität aufgerufen. Doch die Gemeinden weigern sich, den Müll aufzunehmen. Nach den Krawallen auf Sardinien hat sich der Protest nun auch auf Sizilien ausgeweitet.

Massiver Bürgerprotest

Im Hafen von Empedocle im Südwesten der Insel blockierten Demonstranten am Wochenende einen Frachter mit 1500 Tonnen Müll an Bord. Die Blockade dauerte die ganze Nacht, erst in den frühen Morgenstunden konnten die beladenen Lastwagen an Land fahren. Doch die Lkw-Kolonne musste wenige Kilometer weiter unweit der Müllkippe Siculiana wieder stoppen. Hunderte Anwohner hatten eine Straßensperre errichtet.

In Canosa, Apulien, sind die Müllwagen noch nicht angekommen, doch die Bewohner gingen bereits auf die Straße, allen voran der Bürgermeister. Auch in Lanciano, Abruzzen, ist man gegen Müllimporte gewappnet. Die benachbarte Halde wird seit Tagen von Rechtsextremen der Forza Nuova belagert, unterstützt von einem Bürger-Komitee, das ihre Spruchbänder gegen die stinkende Fracht schon zum Ausrollen bereithält.

Keine Mülltrennung in Italien

Keine Einzelfälle: Der Widerstand regt sich in allen Teilen des Landes. Die Deponie in Imola soll 3000 Tonnen Unrat aus Neapel aufnehmen. Dafür erhielt Bürgermeister Massimo Marchignoli, der ein Mitte-Links-Bündnis anführt, Morddrohungen. Auch der Regionspräsident von Latien, Piero Marrazzo, geriet unter Druck, weil er Neapel Hilfe anbot. Dabei war es eher eine symbolische Geste. Denn er stellte die Bedingung, dass der Unrat tauglich sein müsse für Verbrennungsanlagen und zur Stromerzeugung.

Aber das ist gerade das Hauptproblem Kampaniens: Es gibt keine Mülltrennung und folglich kann der Abfall nicht verbrannt werden. Ein theoretisches Ja zur Unterstützung kam auch aus der Lombardei, die ähnliche Kriterien für die Aufnahme von Müll forderte, die Kampanien keinesfalls erfüllen kann. Andere Regionen wie Venetien und Basilicata haben sich von vornherein verweigert.

Da es keine Abnehmer gibt, bleibt der Müll in Neapels Straßen zum großen Teil liegen. "Das ist eine Schande", erklärte Prodi und mahnte wiederholt zur Solidarität. Oppositionsführer Silvio Berlusconi schloss sich dem Appell an und sagte, der Müllnotstand habe "Italien auf Ditte-Welt-Niveau gedrückt". Caserta ist indes die erste Stadt in Neapels Region, die ein wenig aufatmen kann. Am Wochenende rollte eine Kolonne von 50 Militärfahrzeugen durch die Straßen. Soldaten in Tarnanzügen und Mundschutz räumten mit Baggern den Unrat fort. Die Szene mag manch Älteren an die Alliierten bei Kriegsende erinnert haben. Der Rentner Francesco Aglione machte seiner Erleichterung über den zivilen Einsatz des Militärs Luft: "Danke! Sie haben uns befreit."

Geheime Mülltransporte

Um Proteste vor Ort zu verhindern, werden die Zielorte der Mülltransporter aus Neapel jetzt geheim gehalten. In Sardinien war es vorige Woche zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Demonstranten hatten den Hafen von Caglieri blockiert. Randalier versuchten in der Nacht zum Sonnabend, die Villa des Regionspräsidenten Renato Soru zu überfallen. Es kam zu blutigen Ausschreitungen. Vermummte warfen Steine, Polizeikräfte schlugen mit Knüppeln zu und setzten Tränengas ein. Es gab zwei Dutzend Verletzte und neun Festnahmen.

Die Gewalttäter gehören den radikalen Fangruppen des FC Caglieri an. Sie sind gegen den Müll und gegen den Fußballclub von Neapel. Soru sagte, die Randalierer seien die Handlanger von rechtskonservativen Politikern der Opposition. Polizeichef Giacomo Deiana erklärte, die Täter seien bezahlt worden und hätten gezielt die Anschläge geplant. Die Polizei stellte drei Moltovcocktails sicher. Auch in Neapel hatten Hooligans und Rechtsextreme zuvor den Protest gegen den Müllnotstand als Vorwand für Randale benutzt.

Nach Wochen des Ausnahmezustands bekommen Industrie und Tourismus nun die Folgen zu spüren. "Die Landwirtschaft wird in die Knie gezwungen," titelt "La Repubblica". Bei Obst, Gemüse und der für die Region typischen Mozzarella ist der Umsatz um 32 Prozent gesunken. Großhändler bestellen die Ware aus Kampanien ab wegen der Gesundheitsgefährdung durch giftiges Dioxin, das die brennenden Müllberge freigesetzt haben. Bei vielen Verbrauchern hat die Krise auch das Bewusstsein geschärft, dass Giftmüll in Kampanien auf illegalen Halden entsorgt wird und das Grundwasser teils verseucht ist. Das Negativimage schädigt auch die größte Resource der Region: den Tourismus. 15 Prozent der Osterurlauber haben ihre Ferien bereits abgesagt.


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