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Neuer Bürgermeister de Blasio: New York City wird rot-grün

Ein Linker für New Yorker: Mit Bill de Blasio zieht ein typischer New Yorker ins Rathaus. Früher unterstützte er Sandinisten, dann heiratete er eine schwarze Ex-Lesbe und nun will er Reiche besteuern.

Von Niels Kruse

Als der letzte demokratische Bürgermeister von New York City, David Dinkins, 1994 aus dem Amt schied, übergab er seinem Nachfolger eine Stadt im Niedergang: Kriminalität, Drogen und eine Rezession hielten die Weltmetropole im Griff. Dann kam der Republikaner Rudy Giuliani und räumte mit seiner sehr umstrittenen Nulltoleranzpolitik auf. Auf ihn folgte der konservativ-liberale Michael Bloomberg. Jetzt, nach fast 20 Jahren, hat New York City, wieder einen Demokraten an die Rathausspitze gewählt: Bill de Blasio - ein Mann, der so ziemlich das Gegenteil seiner Vorgänger ist und einer dieser US-Politiker werden könnte, der die Herzen der Europäer erobert.

Als er nach der Wahl unter tosendem Applaus vor seine Anhänger trat, reckte de Blasio zu Lordes Pophymne "Royals" die Arme in die Höhe und rief in die Menge: "Die Menschen in dieser Stadt haben sich heute für einen progressiven Weg entschieden. Und wir stehen zusammen in dem Glauben, dass dabei kein New Yorker zurückgelassen wird." So etwas in der Art sagen frisch gewählte Amtsträger natürlich immer, aber das Wörtchen progressiv ist eher selten zu hören. Denn progressiv klingt für viele Amerikaner nach liberal, was sie gemeinhin mit links übersetzen. Oder sogar europäisch, was für die Rechten das noch üblere Schimpfwort ist. Links ist der 52-Jährige tatsächlich. Vor allem zwei Themen waren es, mit denen de Blasio die New Yorker überzeugen konnte: Reichensteuer und bezahlbarer Wohnraum.

Reichensteuer für bessere Kinderbetreuung

Dass die Vermögenden mehr zur Kasse gebeten werden sollen, war für die Stadt, in der 70 Milliardäre und fast 400.000 Millionäre leben, lange Zeit undenkbar. Zumal mit Michael Bloomberg zuletzt ein erfolgreicher Geschäftsmann Bürgermeister war, der selbst neunstellige Dollar-Beträge sein Eigen nennt. Die zusätzlichen Einnahmen will der Neue unter anderem für eine bessere Kinderbetreuung ausgeben. Außerdem soll der vom Vorgänger angestoßene Ausbau der Radwege vorangetrieben, sowie die außer Kontrolle geratenen Mieten und Immobilienpreise auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt werden. Allesamt Wahlversprechen, die auch von SPD und Grünen stammen könnten.

Aber New York ist eben nicht Amerika, wie es in den Vereinigten Staaten gerne heißt, und de Blasio ist ein typisch-untypisches Kind seiner Stadt: In New York als Sohn einer italienisch-deutsch-stämmigen Familie geboren, wuchs er im liberalen Ostküstenstaat Massachusetts auf, machte Karriere in der Politik, half bei der sandinistischen Revolution in Nicaragua aus und flog für seine Hochzeitsreise nach Kuba. Die Frau, die er damals geheiratet hatte, ist ein weiterer Grund für seinen Wahlerfolg. Chirlane, eine politisch engagierte Dichterin ist Afroamerikanerin, die früher Frauen liebte. Die beiden wohnen abseits der New Yorker Elite nicht in Manhattan, sondern in Brooklyn – es ist eines jener Paare, die genauso sind, wie sich die Stadt selbst sieht: multikulturell, weltoffen und irgendwie nicht ganz amerikanisch.

Erfolg Dank Afro und den Clintons

Und dann ist da noch Sohn Dante, mit dessen Hilfe Bill de Blasio schnell zum Stadtgespräch wurde: Der 15-Jährige pries die Vorzüge seines Vaters in Wahlwerbespots an - mit einem riesigen Afro auf dem Kopf, der an den Charme des jugendlichen Michael Jackson erinnerte. Das, und die kräftige Unterstützung der Familie Clinton, hievten de Blasio ins Amt, was zu Beginn des Wahlkampfs niemand für möglich gehalten hätte.

Nun steht der "progressive-liberale" da und muss eine Acht-Millionen-Stadt managen. Sein Credo erinnert an Barack Obama und seinen ersten Wahlkampf: die Mischung aus "alles wird neu" und "weiter so". Festhalten will de Blasio etwa an der Verbesserung der öffentlichen Sicherheit. Was ihm dabei in die Quere kommen könnte, ist seine strikte Ablehnung der umstrittenen "Stop-and-Frisk"-Politik der Polizei. Dabei werden Bürger ohne irgendeinen Anlass kontrolliert. Schwarze und Latinos empfinden dies Vorgehen oft als rassistisch, Anhänger aber preisen die Methode als Erfolgsfaktor bei der Verbrechensbekämpfung. Aber wie der US-Präsident auch, glaubt der neue Bürgermeister daran, dass es irgendwie schon gehen wird, gehen muss: "New York hat laut und deutlich für den Wandel gestimmt", sagte er nach seiner Wahl auf Englisch und Spanisch, "und wir werden gemeinsam erfolgreich sein."

mit DPA/Reuters / Reuters