New York feiert Obama Die Leber-Party


Acht Jahre hat New York auf diesen Tag gewartet: Bush ist Geschichte! Bis in die Nacht feiern die Demokraten in Manhatten ihr blaues Wunder, den Wahlsieg von Barack Obama. Ein Abstecher in "Rudy's Bar and Grill", zur intellektuell-trinkfesten Basisorganisation "Drinking Liberally" - der Feier-Fraktion der Partei.
Von Michael Streck, New York

In den Tagen vor dem Tag war's ein wenig wie Weihnachten in New York. Eine merkwürdige Spannung, eine latente Vorfreude lag über der Stadt. Am Rockefeller Center pinselten sie die US-Karte auf den berühmten Eislaufring für die Kameras der Fernsehstationen, und Menschen drängten sich dort wie sonst nur im Dezember vor dem "lightning of the tree", dem Erleuchten des Weihnachtsbaums. Acht Jahre hat New York auf diesen Tag gewartet. Acht lange Jahre Bush. Und der Tag hat sich geschmückt. Er hat sich fein gemacht. Strahlend blauer Himmel über der Ostküste am Dienstagmorgen.

Blau ist die Farbe der Demokraten. Es soll ein blauer Tag werden für das ganze Land. Amerika erlebt ein blaues Wunder.

Im Hinterhof von "Rudy's Bar and Grill" drängen sich schon am frühen Abend 150 junge Leute. Es feiern dort junge Demokraten von der Basisorganisation "Drinking Liberally", liberales Trinken. Sie haben ein hehres Ziel. Einmal in der Woche, jeden Donnerstag, bechern sie für Frieden, Freiheit und Demokratie.

Das ist ihr Abend. Change. Vor fünf Jahren fanden sie zusammen. Justin Krebs, ein Performance-Künstler, und Matthew O'Neill, ein erfolgreicher Dokumentarfilmer, trafen sich in dieser Bar, tranken einen Pitcher Bier und diskutierten über Politik. Daraus, folgerten die beiden korrekt, könne man mehr machen. Bier gegen Bush, Pitcher und Politik, das müsste funktionieren in New York, und natürlich funktionierte das. Der Kreis der Diskutanten wuchs und wuchs, erst in New York, dann überall im Land. Heute haben die liberalen Trinker landesweit 312 Ableger, in sämtlichen US-Bundesstaaten und darüber hinaus internationalen Beistand in Neuseeland, Japan und Australien. Sie sind gewissermaßen die Feier-Fraktion der Partei, die Leber-Party.

Das Epizentrum der Bewegung ist und bleibt aber "Rudy's Bar and Grill", die Kaschemme in Hell's Kitchen auf Manhattans West Side. Und also stehen sie im Hinterhof und warten auf die ersten Hochrechungen. Die Menschen da verkörpern all das, was die Republikaner an New York verachten: Sie sind politische Afficionados - gebildet, gereist, kreativ. Sie verehren Jon Stewart und Stephen Colbert, die scharfzüngigen Polit-Satiriker von "Comedy Central", die meisten von ihnen lesen die vielen US-Polit-Blogs - oder bloggen selbst. Sie sind das, was die Konservativen spöttisch-naserümpfend als "liberale Elite" bezeichnen und ergo das exakte Gegenteil der Intellekt-Abstinenzlerin Sarah Palin.

"Wir haben gelitten, geheult und gehofft"

Und dies ist ihr Tag, ihr Abend. Nach acht Jahren Bush, nach zwei verlorenen Wahlen, nach zwei Kriegen, Wirtschaftskrise und Katerstimmung auch ohne Verkostung von Alkohol. Sagt Reinaldo Perez, ein Berufs-Philantroph: "Ich habe mein Leben lang auf den Tag gewartet, dass ein Schwarzer in diesem Land Präsident werden kann. Dies ist unser Tag." Sagt die Kunsthistorikerin Amy Sande-Freeman: "Wir haben gelitten, geheult, gehofft." Also Cheers auf Change.

Die ersten Hochrechnungen laufen über den großen Bildschirm. Jubel. New Jersey, Delaware, Ohio, natürlich New York, die Ostküste färbt sich blau. Dann auch noch Teile des Mittleren Westens. Blau wird das Land, und der Aggregatzustand der begabten Nachwuchstrinker nähert sich von Stunde zu Stunde gleichfalls dieser schönen Farbe.

Nur wenige Blocks entfernt, im "Houndstooth Pub" auf der achten Avenue, läuft das Parallelprogramm - die Wahlparty der jungen Republikaner. Es gehört Courage dazu, sich in New York City zu den Republikanern zu bekennen. Bei den letzten Wahlen kam John Kerry in der Stadt auf knapp 74 Prozent, diesmal fällt Obamas Sieg noch deutlicher aus.

"Du bist Deutscher, also aus dem Obama-Land"

Die Republikaner dürfen im Keller feiern, "lower level", selbst der Türsteher trägt hier einen Obama-Sticker am Revers. New York ist feindliches Territorium für Republikaner, und wer ihnen zuhört im "lower level", kann das nachvollziehen.

Sagt Kevin Conelly, während sich der Schirm bläulich färbt und Staat um Staat für Obama votiert: "Diesen Tag werden Amerika und der Rest der Welt bedauern. Obama will die Verfassung abschaffen, er hasst Israel." Er sagt lauter solchen Unfug, er wird laut und lauter, und schließlich spricht er: "Du bist Deutscher, also aus dem Obama-Land. Es ist zwecklos." Das ist der erste und einzige vernünftige Satz in seinem 15-minütigen Monolog. Zwei Sitze neben ihm hockt ein Knittergesicht auf dem Barhocker und hat sein "Future Leaders for McCain"-Pappschild resigniert auf die Knie sinken lassen.

Freudentränen und Bier - eine schöne Kombination

Die Wahlparty im Keller löst sich - liegt in der Natur der Sache - sehr viel schneller auf als die Feier der liberalen Trinker. Das Land wird blau, spitze Schreie junger Frauen in "Rudy's" Hinterhof. Spitze Schreie in ganz New York City, als CNN verkündet: "Barack Obama President elect." Tränen, aus Freude diesmal, und Bier sodann, auch eine schöne Kombination.

Erst spricht McCain, aufrichtiger Applaus für den Verlierer. Dann spricht Obama, der Hinterhof lauscht, gebannt, ergriffen. Es ist eine grandiose Rede. Acht Jahre haben sie hier auf diesen Moment gewartet. "Katharsis!", ruft der Philantroph Perez. Bush ist Geschichte, die jungen Republikaner sind schlafen gegangen, New York hupt und tanzt und träumt in dieser blauen Nacht.

Es ist alles gut. Und das reicht für den Moment. New York pflückt den Augenblick.

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