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Nord-Irak: Marschiert die Türkei in Kurdistan ein?

Die bislang friedliche kurdische Autonomie-Zone im Nordirak könnte mit in den Krieg hineingezogen zu werden: Vieles deutet daraufhin, dass das türkische Militär seine Drohungen wahr macht und in den Nordirak einmarschiert.

Von Christoph Reuter

Bis auf wenige Anschläge ist es im kurdisch beherrschten Gebiet zwischen Dohuk und Sulimaniye im Nordirak in den vergangenen vier Jahren ruhig geblieben. Von einer demokratischen Entwicklung kann auch dort nur bedingt die Rede sein, aber zumindest verhinderte die massive militärische Präsenz kurdischer Truppen ein Übergreifen des Bürgerkriegs aus dem Zentralirak.

Doch nun droht Gefahr aus ganz anderer Richtung: Es mehren sich die Anzeichen, dass das türkische Militär seine Drohungen wahr machen und im Nordirak einmarschieren will. Die verstärkten Anschläge der PKK auf türkischer Seite ebenso wie die stetige Abnabelung der kurdischen Provinzen vom Restirak haben in der Militärführung die Bereitschaft wachsen lassen, mit einem - wenn auch begrenzten - Vorstoß seine Nato-Verbündeten in Europa und den USA vor den Kopf zu stoßen. Insbesondere das von kurdischer Seite betriebene Referendum über die Zukunft der multi-ethnischen, ölreichen Stadt Kirkuk wird in Ankara als "point of no return" empfunden, da mit dem Besitz von Kirkuk die kurdische Führung im Irak über eine wirtschaftliche Basis für einen eigenen Staat verfügen würde.

Von Panzereinheiten und 50.000 Soldaten

Wurden Invasions-Ankündigungen etwa seitens des türkischen Generalsstabschefs Yasar Büyükanit bislang als reine Drohungen aufgefasst, so spricht der seit Jahresbeginn anhaltende, auch von stern-Reportern beobachtete Aufmarsch von Panzereinheiten und 50.000 Soldaten unmittelbar an der Grenze dafür, dass Büyükanit seine Ankündigung ernst meint: "Eine Operation im Irak ist notwendig!"

Die USA stehen vor dem Dilemma, sich zwischen zwei engen Verbündeten entscheiden zu müssen: den Kurden im Irak, ihren einzigen loyalen Partnern im Land, und dem Nato-Partner Türkei. Entsprechend zwiegespalten sind die offiziellen Äußerungen: Während US-Botschafter Ross Wilson in Ankara der Türkei US-Unterstützung im Krieg gegen die PKK verspricht, haben US-Truppen im Irak sich von den PKK-Lagern in den Bergen komplett ferngehalten. Die irakischen Kurden sind zwar keine Verbündeten der PKK, aber haben bereits angekündigt, im Falle eines türkischen Einmarsches gegen die Invasoren zu kämpfen.

18 PKK-Sympathisanten im Hungerstreik

Für zusätzliche Anspannung im türkisch-kurdischen Teil sorgt der auf einer separaten Gefängnisinsel gefangenen PKK-Chef Abdullah Öcalan, dessen Anwälte behaupten, ihr Mandant werde langsam vergiftet. Bereits vor Wochen legten Öcalans Anwälte zwei Untersuchungsergebnisse von Haaren vor, wonach erhöhte Konzentrationen von Strontium und Chrom nachgewiesen worden seien. Die türkische Staatsanwaltschaft in Bursa dementierte die Vorwürfe nach einer eigenen Untersuchung, weigert sich aber, die genauen Ergebnisse publik zu machen und einer unabhängigen Ärztekommission Zutritt zu Öcalan zu gewähren. 18 PKK-Sympathisanten befinden sich seit dem 11. April in Straßburg in einem unbefristeten Hungerstreik, für den 20. Mai werden weitere Demonstrationen erwartet.