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Olympischer Fackellauf Rotes Fahnenmeer in Bangkok

Unter dem Jubel Hunderter Chinesen ist die olympische Fackel heute durch die thailändische Hauptstadt getragen worden. Doch auch viele wütende und verzweifelte Exiltibeter säumten die Straßen Bangkoks. Manche von ihnen waren von weit her angereist.
Von Michael Lenz, Bangkok

Jetzt ist es passiert. Das traditionell stramm antikommunistische Thailand ist in die Hände der Roten gefallen. Jedenfalls war Bangkok heute ein Meer von roten Fahnen. Die Olympische Fackel wurde am Samstagnachmittag durch die thailändische Hauptstadt getragen und die Chinesen machten ummissverständlich klar, wessen Show das ist. Vor lauter wehenden Fahnen der Volksrepublik China war das olympische Fackellicht so gut wie nicht zu sehen.

Werbeträger in Blau

Überhaupt scheint Olympia nur Mittel zum Zweck zu sein. Die insgesamt zehn Kilometer lange Fackelstrecke von Bangkoks Chinatown vorbei an den goldenen Tempeln und Palästen der Königsresidenz bis zum Reiterdenkmal von König Rama VI. ist nichts anderes als ein Laufsteg für die drei Fackellaufsponsoren Lenovo, Samsung und Coca Cola. Vor allem der chinesische Laptopproduzent und südkoreanische Unterhaltungselektronik- und Handykonzern hatten keine Kosten und Mühen gescheut, zehntausende Thais in blauen T-Shirts – vermutlich zum Verdruss der Marketingstrategen beider Firmen ist die Corporate Identity ihrer jeweiligen Arbeitgeber eben Blau – gesteckt und mit passenden Winkelementen ausgerüstet am Straßenrand postiert.

Die bunte Werbekarawane aus Cheerleadern auf Sponsorenlastwagen, von denen Technobeats wummerten, olympischen Funktionären in schicken Autos vom Sponsor Mercedes und rote Fahnen schwingenden Jubelchinesen musste sich bei Kilometer sechs jedoch jäh der Realität stellen: Vor dem UN-Gebäude in Bangkoks Regierungsviertel präsentierte sich eine zutiefst uneinige Welt. Auf der einen Straßenseite hatten sich die Tibetaktivisten versammelt. Sie hielten Fotos von Tibetern hoch, die bei der blutigen Niederschlagung der Proteste gegen die chinesische Besatzung Chinas durch die chinesische Staatsmacht ums Leben oder verhaftet worden waren und riefen Slogans wie "Schande, Schande" und "Stoppt das Töten in Tibet".

Jubelchinesen und Tibetaktivisten stehen sich gegenüber

Auf der anderen Straßenseite, von den etwa einhundert Tibetaktivisten durch Absperrgitter und Polizeiketten getrennt, die Pro-China-Fraktion, die riesige rote Fahnen schwenken und lautstark Parolen brüllen. "China, China" rufen sie in wohl orchestrierten Sprechchören und "China, los geht's". Sie seien stolz auf ihr Land und wollten es nicht durch "böse Menschen" wie die Tibetdemonstranten in den Schmutz gezogen sehen, erklärt Gao Ximo, ein Student aus Kunming in China. Dann macht Gao Ximo klar, um was es den Demonstranten geht: "Tibet war immer ein Teil von China und wird immer ein Teil von China sein." Um die Menschenrechte in seinem Heimatland macht er sich keine Sorgen: "Wir haben längst die Menschenrechte."

Gao Ximos selbstgemaltes Pappschild mit der Aufschrift "Wehrt euch! Schützt die Fackel als Symbol der Freundschaft und des Friedens." Das ist auch schon das Einzige, was bei den Pro-China-Demonstranten spontan wirkt. Sie sind in kleinen Trupps von je etwa 50 Personen im Abstand von etwa fünfzehn Minuten angerückt. Jeder Trupp stürmt im Laufschritt unter wehenden Fahnen auf die vielleicht 100 Tibetaktivisten zu. Nur der Polizei ist es zu verdanken, dass es zu keiner direkten physischen Konfrontation zwischen den beiden Gruppen kommt. Die drei kleinen chinesischen Studententrupps stellen sich als Vorhut heraus, als der Fackelzug ankommt. Der wird eben von fast 1000 studentischen Jubelchinesen begleitet und in deren Mitte läuft, fast unsichtbar, der jeweilige Fackelträger.

Ein Exiltibeter bricht weinend zusammen

Für einen der Tibeter ist das geballte China auf der Rajadamnoen Nok Avenue zuviel. Von Emotionen überwältigt bricht der Mann zusammen, windet sich auf dem Boden und sagt unter Tränen: "Ich will doch nur, dass meine Heimat frei ist." Ein Freund tröstet ihn und sagt zu den Umstehenden: "Wir sind sechs Tibeter. Wir sind eigens aus Taiwan gekommen, um hier für unsere Heimat einzutreten." Tashi Tserng heißt er. Er sei in Indien geboren, lebe jetzt in Taiwan. "Meine Heimat kenne ich nicht", sagt der 38-jährige. "Wir sind die junge tibetanische Generation, die ihre Identität sucht und die können wir nur in Tibet finden." Tashi Tserng ist für ein unabhängiges Tibet, aber er steht auch zum Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, der schon mit einem Autonomiestatus für Tibet zufrieden wäre. "Der Dalai Lama ist ein Gott für uns und wir folgen ihm", betont Tashi Tserng.

China lässt sich nicht in die olympische Parade fahren. Mit eigenen Sicherheitskräften und denen des jeweiligen Gastlandes werden Demonstranten so fern wie möglich von dem Fackelzug gehalten. Mehr 2000 Polizisten und Soldaten waren in Bangkok zum Schutz der Fackel und Chinas guter Stimmung auf den Beinen. Auch die Regierungen von Malaysia, Indonesien und der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong haben hochheilig versprochen, dass der Fackel kein Ungemach wie in Paris widerfährt. "Die Regierungen hier sehen in Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen Feinde, die sie bekämpfen müssen", seufzt Kwehsay, Sprecher einer birmanischen Bürgerrechtsorganisation mit Sitz in Bangkok.

Tibet verdrängt Birma aus den Schlagzeilen

Kwehsay ist ein wenig unglücklich darüber, dass durch Tibet die Situation in seiner Heimat Birma aus den Schlagzeilen geraten ist. "China ist doch neben Indien die größte Stütze der Militärjunta in meinem Land", klagt Kwehsay, der einen Boykott der Olympischen Spiele befürwortet. "Die verdienen mit Olympia viel Geld. Das benutzen sie dann, um die Militärjunta mit noch mehr Waffen auszurüsten. Das ist Blutgeld." Auf Druck von China hatten die Sicherheitskräfte Kambodschas im Januar eine Aktion des Hollywoodstars Mia Farrow verhindert. Die Schauspielerin wollte im Völkermordmuseum Tuol Sleng, wo mehr als 14 000 Menschen von den Roten Khmer zu Tode gefoltert worden waren, an den Völkermord in Darfur erinnern und gleichzeitig an China appellieren, als größter Handelspartner des Sudan seinen Einfluss auszuüben, um dem Töten ein Ende zusetzen.

Das Gros der Fackelträger in Bangkok sieht Chinas Olympia in viel rosigeren Farben. "Ich bin glücklich und stolz die Fackel tragen zu dürfen", sagt Ammara Siripong, eine in Thailand populäre Sängrin und als Umweltaktivistin zum Schutz von Korallen aktiv. Das mit Tibet findet sie auch schlimm, sagt aber: "Politik ist Politik und Sport ist Sport. Das muss man trennen." Die Entscheidung von Narisa Ckakrabongse, aus Protest gegen die chinesische Tibetpolitik ihre Teilnahme an dem Fackellauf in Bangkok abzusagen hat, respektiert Ammara als "individuelle Entscheidung, nicht politisch". Der Singapureaner Howie Lau How Sin, Sprecher für Lenovo ASEAN, darf auch die Fackel ein paar Meter durch Bangkok tragen. Dass Chinas Menschenrechtsbilanz nicht so ganz präsentabel ist, ist für ihn kein besonderes Thema: "Olympia ist ein Event für sich und nicht so sehr mit dem Land verbunden, in dem es stattfindet." Da haben die roten Fahnen in Bangkok eine andere Sprache gesprochen.


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