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Olympischer Frieden: "Rein von Mord und still von Waffengeklirr"

Alle vier Jahre ruhten im alten Olympia für rund drei Monate die Waffen. Der olympische Frieden war heilig und notwendig. Brandherde der Politik haben aber auch auf Coubertins Spiele der Neuzeit ausgestrahlt.

Der Traum der Menschen vom Frieden ist uralt - im antiken Olympia hatte er vor fast 3000 Jahren sogar schon Gesetzeskraft. "Und alle Welt sei rein von Mord und Verbrechen und still von Waffengeklirr", verkündeten Herolde. Alle vier Jahre ruhten dann im alten Olympia für rund drei Monate die Waffen. Die "Ekecheiria", der olympische Frieden, war heilig und notwendig. Er garantierte, dass die Athleten und ihr Gefolge, "Funktionäre" und Würdenträger, Festgesellschaften und Zuschauer sicher nach Elis kamen, wo das Sportspektakel des Altertums vom achten Jahrhundert vor Christus bis zum vierten Jahrhundert danach ausgetragen wurde.

Bühne für die sensibilisierte Weltöffentlichkeit

Brandherde der Politik haben im 20. Jahrhundert auch auf Coubertins Spiele der Neuzeit ausgestrahlt. Die Politik hat Olympia genutzt, aber auch gern benutzt: als Bühne für die besonders sensibilisierte Weltöffentlichkeit. Unvergessen bleiben die in den Himmel gereckten Handschuh-Fäuste von "Black Power" bei den Spielen 1968 in Mexiko-City: Die farbigen US-Sprinter Tommie Smith (Gold über 200 m) und John Carlos (Bronze) hatten auf dem Siegerpodest gegen Diskriminierung protestiert. Auch die farbigen US-Sportler Larrie James (Silber), Lee Evans (Gold) und Ron Freeman (Bronze) strecken während der Siegerehrung über 400 Meter die geballte rechte Faust in die Höhe.

Unterdrückte Völker und Minderheiten verschafften sich Gehör; Probleme in den bilateralen Beziehungen zwischen Nationen wurden bei Olympia bewusst und gekonnt ins Spiel gebracht. Und erbitterte Feinde werden, wie die Teams aus Israel und Palästina, für zwei Wochen zu friedlichen Nachbarn. Der Sport wird zur Weltbühne, die Politik bleibt in den Kulissen.

Beispiel Korea.

Wie schon vor vier Jahren in Sydney werden die Teams aus Nord- und Südkorea am Freitag zur Eröffnung gemeinsam einmarschieren - hinter einer Wiedervereinigungsflagge (blaue Halbinsel auf weißem Grund) und mit der gleichen Kleidung. Mehr noch: In Athen wird es zu Gesprächen der NOK-Präsidenten über ein gemeinsames Team für Peking 2008 kommen. Das gab es noch nie.

"Wir wollen definitiv eine gemeinsame Mannschaft in Peking haben. Dafür tun wir unser Bestes, aber noch ist nichts entschieden", erklärte Bark Jae Shin, Chef de Mission der südkoreanischen Delegation. Erstmals bei Olympia trainierten in Athen Sportler aus Nord und Süd gemeinsam, die Kooperation auf dem Gebiet der Sportwissenschaft soll aktiviert und langfristig ausgebaut werden.

Beispiel Irak.

Für das Land an Euphrat und Tigris ist die Olympia- Teilnahme stark symbolisch - oder doch etwas mehr. Sportliche Erfolge wie die Qualifikation der Fußball-Nationalmannschaft mit dem deutschen Trainer Bernd Stange fördern Stolz und Nationalbewusstsein. Andererseits nehmen extremistische islamistische Gruppen die Spiele gar nicht erst wahr, NOK-Funktionäre werden von den Militanten als Teil der Polit-Elite und damit als "Kollaborateure" betrachtet. NOK- Präsident Ahmed el Samarrai überlebte am 12. Juli ein Attentat unverletzt. Dennoch: 25 Sportler sind in Athen, in Sydney war nur ein Quartett präsent.

Beispiel China/Taiwan.

Schon vor Beginn der Spiele gab es Streit: Das abtrünnige Taiwan ärgerte das Mutterland mit einer groß angelegten Anzeigenkampagne. Der Slogan "Chinese Taipei Bang! Bang! Bang!" stößt der Weltmacht China sauer auf, denn "Bang" bedeutet im Chinesischen "groß". Die Weltmacht China betrachtet die kleine Inselrepublik Taiwan mit ihren 23 Millionen Einwohnern als abtrünnigen Teil des Mutterlandes. Mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einigte man sich deshalb auf einen Kompromiss: Der offizielle Name des NOK ist "Chinese Taipei".

Aktivisten aus Tibet wollen während der Olympia-Tage gegen die Besetzung durch China protestieren, Nordkorea-Aktivisten gegen die Verletzung der Menschenrechte in ihrem Land und China. In Peking, der Hauptstadt des bevölkerungsreichsten Landes der Welt, finden 2008 die nächsten Spiele statt. Ein perfekter Schauplatz für den Sport auf der Bühne und die Politik hinter den Kulissen.

Ralf Jarkowski/DPA / DPA