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Panamericana: Der Drogenkrieg von Mexiko

In Mexiko herrscht Krieg: Krieg zwischen Drogenkartellen und Drogenkartellen und dem Staat. Mehr als 2700 Menschen wurden in diesem Jahr schon ermordet, hunderte entführt. Und die Polizei arbeitet all zu oft mit dem organisierten Verbrechen zusammen.

Von Toni Keppeler

Es war ein anonymer Anruf, der die Polizei vor ein paar Tagen auf ein Haus in Ciudad Hidalgo im mexikanischen Bundesstaat Michoacan aufmerksam machte. In dem Anwesen, sagte der Anrufer, hätten sich bewaffnete Männer versammelt. Als Polizei und Armee das Haus durchsuchten, fanden sie keine Bewaffneten. Dafür aber Dinge, die man üblicherweise nicht in der Wohnung aufbewahrt: 21 Särge, die Knochen von zwei verkohlten Leichen, zwei geklaute Autos und einen Satz gefälschter Nummerschilder.

In der Kriminalstatistik Mexikos sind die verkohlten Knochen von Ciudad Hidalgo einfach nur zwei Morde mehr. Am selben Tag kamen in dem Ferienstädtchen Creel im Bundesstaat Chihuahua noch einmal 14 dazu. Zehn schwer bewaffnete vermummte Männer waren in einem Lokal in eine Familienfeier geplatzt und hatten 14 Menschen erschossen. Alle von derselben Familie, alle männlich. Das jüngste Opfer war gerade ein Jahr und vier Monate alt. Eine typische Abrechnung zwischen Drogenkartellen.

2700 Mordopfer in einem Jahr

Allein im Bundesstaat Chihuahua wurden in diesem Jahr schon über tausend Menschen ermordet. In ganz Mexiko waren es gut 2700. Tendenz: steigend. Dazu kommen ungezählte Entführungen. Im vergangenen Jahr waren 438 bei der Polizei angezeigt worden. Man geht jedoch davon aus, dass nur ein Bruchteil dieser Verbrechen bekannt werden. In den allermeisten Fällen verhandeln die Angehörigen der Opfer ohne die Behörden mit den Entführern. Für den Großteil der Verbrechen sind die Kokainkartelle verantwortlich. Mexiko ist auf dem Weg zum Drogenstaat und erinnert schon heute in vielem an das Kolumbien der achtziger und neunziger Jahre.

Als Präsident Felipe Calderon im Dezember 2006 seine sechsjährige Amtszeit antrat, hatte er sich das ganz anders vorgestellt. Er hatte versprochen, Schluss zu machen mit der Drogenkriminalität. Zur Verstärkung der Polizei schickte er über 30.000 Soldaten in den Kampf gegen die Kartelle. Die Narkos nahmen den Fehdehandschuh auf und der Krieg ging erst richtig los. Bis heute zumindest haben die Kartelle die Oberhand. Zwar gibt es immer wieder spektakuläre Erfolge von Polizei und Armee. Aber die beweisen letztlich nur, wie stark die Drogenbarone geworden sind. So wurden im Februar dieses Jahres mit großem Brimborium 106 Flugzeuge des Sinaloa-Kartells beschlagnahmt. Die Operationsfähigkeit dieser Mega-Bande hat darunter nicht gelitten. Sie ist weiterhin der größte und stärkste Händlerring an der Grenze zu den USA. Und sie mordet weiterhin Woche für Woche Polizisten, Soldaten und Mitglieder konkurrierender Kartelle.

Spiegelbild Kolumbiens

Der unaufhaltsame Aufstieg der mexikanischen Drogen-Dealer erscheint wir das Spiegelbild des Niedergangs der kolumbianischen Groß-Kartelle. Die wurden von Armee und Polizei in den neunziger Jahren in einem ähnlich blutigen Krieg zerschlagen. Dem Drogenanbau in Kolumbien hat das nicht geschadet. Statt einer Hand voll krimineller Konzerne machen heute über 150 kleine und mittlere Familienbetriebe das Geschäft mit dem Kokain. Doch bevor die illegale Ware auf den Markt in den USA kommt, muss sie gebündelt werden. Die Vereinigten Staaten schotten ihre Grenze im Süden mit immer höheren Zäunen und Mauern und elektronischem Überwachungsgerät ab. Um diese Hürde zu überwinden, braucht es die Finanzkraft, die Infrastruktur und die logistischen Fähigkeiten eines Großkonzerns. Dass sie die letzten sind vor dem Sprung auf den mit Abstand wichtigsten Markt, hat die mexikanischen Kartelle schon immer stark gemacht und macht sie nun, da ihnen die kolumbianischen Kleinkartelle nur noch das Kokain, aber nicht mehr das Wasser reichen können, noch stärker.

Zum größten Teil aber sind Mexikos Drogenprobleme hausgemacht - von der einst alles beherrschenden "Partei der institutionalisierten Revolution" (PRI). 71 Jahre war sie an der Macht, bis sie im Jahr 2000 abgewählt wurde. In diesen 71 Jahren hat ein enges Geflecht aus Abhängigkeiten, Günstlingswirtschaft und Korruption geschaffen. Politiker sind da genauso eingebunden wie Gewerkschafter, Richter, Staatsanwälte, Polizisten - und das organisierte Verbrechen. So lange alle schiedlich friedlich zusammenarbeiteten und jeder etwas vom Gewinn krummer Geschäfte abbekam, fiel das nicht weiter auf. Aber das Netzwerk war immer da. Von ganz oben bis ganz unten.

Über eine gefälschte Wahl an die Macht

Das prominenteste Beispiel ist Raul Salinas de Gortari, der Bruder des über eine gefälschte Wahl an die Macht gekommenen Ex-Präsidenten Carlos Salinas de Gortari (1988 bis 1994). Raul Salinas wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt, weil er Dutzende von Millionen Dollars gewaschen und auf anonyme Schweizer Konten verschoben hatte. Mit was, außer mit Drogen, kann man so viel illegales Geld verdienen? Zudem war Raul in den Mord an einem führenden PRI-Politiker, seinem ehemaligen Schwager Jose Francisco Ruiz Massieu, verwickelt. Politik, Familienfehden und organisiertes Verbrechen verschwimmen in Mexiko schnell ineinander. Carlos Salinas ging nach dem Ende seiner Amtszeit ganz schnell ins selbstgewählte Exil.

Vicente Fox hat diesen PRI-Staat nach seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2000 geerbt und sich schnell im Gewirr der Günstlingswirtschaft verheddert. Sein Nachfolger Calderon will dieses Netz nun mit Gewalt zerschlagen. Doch seine Waffen sind stumpf. Die Polizei, die Drogenbosse verfolgen soll, ist selbst Teil des Systems. Calderon hat schon hunderte von Polizisten entlassen - sogar die gesamte Belegschaft einer Stadt -, weil sie alle von den Kartellen geschmiert wurden. Und die Armee, die der Polizei helfen soll, ist bekannt für notorische Menschenrechtsverletzungen.

Der Vater verhandelte direkt mit den Entführern

Vor ein paar Wochen wurden die Mexikaner wieder einmal von einem spektakulären Fall erschüttert: Der 14-jährige Sohn eines prominenten Unternehmers war entführt worden. Der Vater zeigte den Fall nicht an, sondern verhandelte selbst mit den Entführern und zahlte mehrere Millionen Dollar Lösegeld. Trotzdem bekam er seinen Sohn am 1. August nur als Leiche zurück. Drei der mutmaßlichen Täter wurden inzwischen verhaftet. Zwei waren Polizei-Offiziere. Den Mexikanern riss der Geduldsfaden. Es kam zu ersten Demonstrationen gegen das organisierte Verbrechen. Und Präsident Calderon? Der schuf eine neue Polizeieinheit zur Bekämpfung der Entführungsindustrie.