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Parteitag der Republikaner: McCains Krieg gegen die Medien

Immer neue Gerüchte machen die Runde, ein Ende ist nicht in Sicht: Enthüllungsgeschichten über die republikanische Vizekandidatin Sarah Palin beherrschen die US-Medien. John McCain wittert eine Kampagne liberaler Journalisten. Sein Schmusekurs mit der Presse ist Geschichte.

Von Matthias B. Krause, St. Paul

Die Arena war unruhig, viele Delegierte nicht so richtig bei der Sache. Da holte Mike Huckabee eine altbewährte Geheimwaffe der Politik heraus. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas, gescheiterter Präsidentschaftskandidat und Kommentator beim konservativen Nachrichtensender "Fox News", rief den republikanischen Parteitagsdelegierten zu: "Ich möchte den Elite-Medien für etwas danken, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Die Partei zu vereinen und ganz Amerika dazu zu bringen, John McCain und Sarah Palin zu unterstützen." Rauschender Applaus, Zustimmungsrufe, Trampeln. Auf die liberalen Medien zu schimpfen, die die Konservativen unfair behandeln, hat Tradition bei den Republikanern. Es gab schon Parteitage, auf denen die Delegierten hinauf in die Presseboxen zeigten und skandierten: "Erzählt die Wahrheit!"

Soweit ist es am dritten Tag des Treffens im Energy Center in St. Paul noch nicht, aber hinter den Kulissen arbeitet das McCain-Team mit Hochdruck daran, die Nachrichtenhoheit zurückzuerobern. Die immer neuen Geschichten über die überraschende Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, Sarah Palin, mit immer neuen, saftigeren Details gespickt, wollte man nicht unkommentiert lassen und holte aus zum Gegenangriff.

Vor der Antrittsrede der Frau aus Alaska schickten sich nicht weniger als zwölf Abgeordnete und Berater in zwei Pressekonferenzen an, Palins gute Seiten zu preisen. Ein Teil von ihnen wie der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani und die Ex-Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina hatte die Aufgabe, die Runde zu machen in den Morgenshows der Fernseh- und Radiosender. Ein Memo gab Aufschluss darüber, welche Aufgabe die Wahlkämpfer erfüllen sollten: Die "schamlosen Schmierkampagnen" zu kontern und sich über den "Sexismus" zu beklagen, der den vielen Fragen nach der Kompetenz der Kandidatin zugrunde liege.

Republikaner beklagen ungerechte Berichterstattung

McCains Chefstratege Steven Schmidt hatte sich tags zuvor ein heftiges Wortgefecht mit amerikanischen Reportern geliefert und ihnen vorgeworfen, sie seien "auf einer Mission mit dem Ziel, Palin zu zerstören". Das wiederum wunderte nicht nur den Medienkritiker der "Washington Post", Howard Kurtz, der Schmidt als einen Profi kennt, der hart austeilt, aber eigentlich auch viel einstecken kann. Dieses Mal offensichtlich nicht. Schmidt war besonders eine Geschichte der "New York Times" an die Nieren gegangen, die behauptete, Palin sei nur unzureichend überprüft worden, bevor McCain sie am Freitag als Vize ausrief. Darin wird auch behauptet, die Vizekandidatin habe in den 90ern zwei Jahre lang der "Alaska Independence Party" angehört, die sich für die Abspaltung des Bundesstaates von den USA einsetzt. Wie sich inzwischen herausstellte, war offensichtlich nur ihr Ehemann Todd bis 2002 Mitglied, nicht sie selbst.

Andere unangenehme Details aus dem Leben der Sarah Palin lassen sich weniger leicht aus der Welt schaffen, wie etwa die ungewollte Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter Bristol. Die Kinder der Kandidaten müssten tabu sein, jammerten die McCain-Wahlkämpfer prompt, nur um dann zu Palins großer Rede die gesamte glückliche Familie einzufliegen und auf die Bühne zu bringen, samt schwangerer Tochter und Schwiegersohn in spe. Andere Unstimmigkeiten warten nur darauf, von der Heerschar der Reporter aufgedeckt zu werden, die sich inzwischen in Alaska eingefunden hat. Um die Kontrolle nicht gänzlich zu verlieren, haben McCains Strategen Anfang der Woche ein eigenes Team in den entlegenen Bundesstaat entsendet, um herauszufinden, was noch zu erwarten ist.

Zucker und Peitsche für die Medien

Das alles muss ein Alptraum sein für jemanden wie Schmidt, der großen Wert darauf legt, die Signale genauestens zu kontrollieren, die die Wahlkampagne aussendet. Gleich bei seinem Amtsantritt im Juni hatte er etwa Senator McCains Angewohnheit beendet, ungezwungen mit Journalisten in seinem Wahlkampfbus, dem "Straight Talk Express" zu plaudern. Geradeheraus sagt der inzwischen gar nichts mehr, und wer sich nicht benimmt, wird abgestraft.

Das musste etwa CNN-Talker Larry King erfahren, dem McCain kurzfristig einen Korb gab, weil sich eine andere Moderatorin des Senders angeblich daneben benommen hatte. Campbell Brown bedrängte McCain-Sprecher Tucker Bounds so lange mit der Frage, welche sicherheitsrelevanten Entscheidungen Palin als Gouverneurin getroffen habe, bis der ihr - weil er keine Antwort wusste - vorwarf, sie verniedliche alles, was Palin in ihrem Leben erreicht hat. Die Szene erinnerte sehr an den guten alten Kulturkrieg, den sich die Neokonservativen mit den Medien lieferten, als der Irakkrieg einem Desaster zusteuerte. Einen solchen wieder anzuzetteln, wäre durchaus in McCains Sinne. Warum soll ihm nicht nützen, was schon Präsident George W. Bush dabei half, wiedergewählt zu werden?