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USA 2020 Wahlkampf in Trump-Land: Jeden Tag eine neue Bombe – aber wen juckt’s?

Sehen Sie im Video: Donald Trump soll jahrelang keine oder kaum Steuern gezahlt haben.




Donald Trump soll der "New York Times" zufolge über Jahre keine oder kaum Bundessteuern bezahlt haben. Demnach soll der US-Präsident In den Jahren 2016 und 2017 jeweils 750 Dollar entrichtet haben, in zehn der 15 Jahre zuvor gar keine Bundessteuern. Trump habe schwere Verluste aus verschiedenen Geschäftsbereichen geltend gemacht. Die der Zeitung vorliegenden Unterlagen sollen sehr detaillierte Aufstellungen umfassen. So habe Trump etwa in Verbindung mit seiner TV-Serie "The Apprentice" 70.000 Dollar an Kosten für Haarpflege von der Steuer abgesetzt. Dem Bericht zufolge ist Trump in einen Rechtsstreit mit der Steuerbehörde IRS verwickelt, bei der es um eine Jahre zurückliegende Rückzahlung von fast 73 Millionen Dollar gehe. In einer ersten Reaktion nannte Trump den Bericht am Sonntag "Fake news". "Eigentlich habe ich Steuern gezahlt. Das werden Sie sehen, sobald meine Steuererklärung vorliegt. Sie wird schon seit langem geprüft. Die IRS behandelt mich nicht gut. Sie behandeln mich, wie sie die Tea Party behandelt haben. Sie behandeln mich nicht gut. Sie behandeln mich sehr schlecht. Es gibt Leute in der IRS, die mich sehr, sehr schlecht behandeln. Sie werden gerade angehört. Wenn sie das nicht mehr werden, wäre ich stolz, alles zu zeigen, aber das sind nur Fake news." Sollte sich die Behörde sich durchsetzen, müsse Trump dem Bund der Times zufolge über 100 Millionen Dollar zahlen. In den USA erheben der Bund, die Bundesstaaten und die Kommunen ihre Steuern getrennt.
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Die Woodward-Enthüllungen, der Bericht über Trumps Steuergebaren – selbst die krassesten Meldungen scheinen niemanden mehr ernsthaft zu erschüttern: Im US-Wahlkampf zeigt sich die ganze Lethargie und moralische Verkommenheit eines Landes kurz vor der Implosion.

Mitte November erscheint Barack Obamas Autobiografie "Ein verheißenes Land". Auf über 1000 Seiten, zum stolzen Preis von 42 Euro, kann der geneigte Leser dann laut Klappentext die "unwahrscheinliche Odyssee vom jungen Mann auf der Suche nach seiner Identität bis hin zum führenden Politiker der freien Welt" nachverfolgen. Es wird, soviel steht wohl fest, zwei Wochen nach der Wahl der Bericht aus einer vergangenen Epoche sein. Eine Art unfreiwilliger Nachruf auf eine (gerne) große Nation.

Es ist ein Absturz, der im geschichtlichen Kontext ironischerweise mit der Vereidigung Obamas seinen Anfang nahm, als dieser die Folgen der Wirtschaftskrise erbte, sich bald mit Sarah Palin und den Hardlinern der Tea Party konfrontiert sah und schließlich von den Republikanern im Kongress unverhohlen boykottiert und de facto entmachtet wurde.

Der schlimmste Verlust ist jener der Ehre

Es ist aber auch ein Absturz, dessen Ausmaße niemals deutlicher wurde als in der heißen Phase des aktuellen Wahlkampfes. Die USA sind unter Präsident Donald Trump tief gesunken, politisch nicht mehr besser in Schuss als eine Bananenrepublik – aber der schlimmste Verlust ist jener der Ehre und jeglicher Form moralischer Integrität.

Trump hat in den vier Jahren seiner Amtszeit die Spaltung des Landes vorangetrieben und dafür gesorgt, dass Wahrheit und Fakten keine Bedeutung mehr haben. Das ist nicht neu. Und trotzdem muss die tatsächliche Verkommenheit des Landes anno 2020 bei allem Zynismus jeden anständigen Menschen schockieren.

Vor zwei Wochen zeigten die Enthüllungen des Journalisten Bob Woodward, dass der Präsident sein Volk seit Anbeginn der Pandemie bewusst belogen und so den Tod von mehr als 200.000 US-Amerikanern mutwillig in Kauf genommen hat. Eine Erkenntnis, die wohl den meisten Anführern westlicher Demokratien nicht nur auf die Füße fallen, sondern sie in ihrem Amt quasi unmöglich machen würde. 

Jetzt berichtet die "New York Times", dass Trump jahrelang nur minimale oder gar keine Einkommensteuer auf Bundesebene gezahlt hat. Eine publizistische Bombe, vom Präsidenten routinemäßig als "fake news" entschärft und damit in seinem Amerika flugs zu den Akten gelegt. Schon morgen kräht kein sprichwörtlicher Hahn mehr danach. 

Oder?

Wahlkampf in Trump-Land funktioniert sinngemäß so, wie es der Publizist David Remnick im "New Yorker" beschreibt: Jeden Tag eine neue Bombe – aber wen juckt's? 

Die treuen Anhänger des Präsidenten wohl kaum, weil sie anders ticken. Weil sie, wie Remnick treffend schreibt, "die Unehrlichkeit, die Scheinheiligkeit, die Lügen, die Inkompetenz" des Donald Trump als gegeben hinnehmen und sich nicht weiter an ihnen stören. Ihr Weltbild dreht sich ausschließlich um den 74-Jährigen, und es ist so unerschütterlich wie das Denkmal am Mount Rushmore, an dem sich auch Trump so gerne als monumentalen Porträtkopf verewigt sehen würde. Und deshalb nehmen sie ihrem Führer jedes noch so lächerliche Dementi ab.

Donald Trump und die Narrenfreiheit

In den USA, die er in den vergangenen vier Jahren geprägt hat, genießt "the Donald" eine furchteinflößende Narrenfreiheit, die an seine denkwürdige Einschätzung von 2016 erinnert: "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschießen und würde keine Wähler verlieren, ok?!" Es ist inzwischen davon auszugehen, dass er mit dieser Einschätzung richtiger lag, als alle amerikanischen Verbündeten es in ihren schlimmsten Albträumen für möglich gehalten hätten. Und nur der Ausgang der Wahl und ihre weiteren Umstände werden zeigen, wie irreparabel der Schaden wirklich ist.

Es ist davon auszugehen, dass hinter den Leaks von Woodward oder der "Times" sehr kluge und taktisch versierte Köpfe stecken, die sich den richtigen Zeitpunkt zur Veröffentlichung lange und gründlich überlegt haben dürften. Aber es steht zu befürchten, dass jede noch so traurige Wahrheit über die verbrecherischen Machenschaften ihres skrupellosen Präsidenten in den nur noch vermeintlich Vereinigten Staaten dieses düsteren Herbstes schon am nächsten Tag wahlweise überholt oder vergessen sein wird. Was auch immer die Demokraten möglicherweise noch im Köcher haben: Es spielt wahrscheinlich keine Rolle.

Barack Obamas verheißenes Land ist längst ein verdorbenes Land. Und wenn die Dinge bis Mitte November ihren Lauf so nehmen, wie es zu befürchten steht: ein verbranntes Land.


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