HOME

Perestrojka-Architekt Jakowlew: "Wir haben eine friedliche Revolution in Gang gesetzt"

Alexander Jakowlew erlebte das Kriegsende mit Anfang 20. Im Interview mit stern.de spricht der Architekt der Perestrojka über unheilbare Kriegswunden, die Nachkriegsära unter Stalin und die derzeitige "Diktatur der Bürokraten".

Herr Jakowlew, gerade hat Russland zusammen mit vielen Staatspräsidenten, einer Militärparade und großem Pomp den 60. Jahrestag des Kriegsendes begangen. Waren Sie stolz?

Überhaupt nicht. Dieser Tag ist kein Feiertag für mich. Das war er nie. Mir fällt es schwer, diese Heldenplakate anzusehen...

... die überall in Moskau hängen und von Ruhm und Patriotismus künden...

...ach, solche Tage sind kein Trost. Wir haben Wunden, die ohnehin nicht verheilen können. In meinem Land starben allein während des Krieges mehr als 30 Millionen Menschen. Es fielen so viele Soldaten, die bis heute niemand gezählt hat.

Wann mussten Sie in den Krieg?

Es war 1942 an der Wolchow-Front zwischen Moskau und St. Petersburg. Wir waren Kinder damals. Unsere Ausbildung hatte nur drei Monate gedauert. Einige hatten noch nicht einmal Schuhe. Ich war 18 Jahre und drei Monate alt, hatte keine Ahnung – doch ich wurde gleich als Zugführer bei der Marineinfanterie eingesetzt, im Rang eines Leutnants. Wir wehrten deutsche Angriffe ab, zum Teil mit dem Bajonett. Von den Einsätzen kam oft mehr als die Hälfte unserer Kameraden nicht zurück. Wir machten keine Gefangenen, genau so wenig wie die Deutschen. Ich musste töten. Dafür möchte ich mich immer noch bei den Deutschen entschuldigen. Aber ich hatte keine andere Wahl.

Sie sind selbst nur knapp mit dem Leben davongekommen.

Ich habe vier Kugeln abbekommen. Drei ins Bein, eine gleich neben das Herz. Mein Bein sollte amputiert werden. Ich lag bereits auf dem OP-Tisch, als eine Ärztekommission vorbeikam. Einer dieser Ärzte schaute mich an und fragte, wie alt ich sei. Dann sagte er: "Du bist so jung. Du sollst noch tanzen in deinem Leben." Er operierte mich und rettete mein Bein, vielleicht sogar mein Leben. In der Lunge habe ich bis heute Splitter.

War es das für Sie wert? Schließlich haben sie dazu beigetragen, die Welt vom Faschismus und ihr Land von Hitlers Truppen zu befreien, deren Ziel die Vernichtung der Sowjetunion war.

Ja, einerseits wurde Hitler besiegt und damit der Faschismus. Andererseits herrschte in unserem Land immer noch Stalin. Und wir haben noch jahrelang an unseren angeblich großen Führer geglaubt. Dabei gab es weiterhin riesige Straflager in der Sowjetunion, Millionen politischer Gefangener, zahllose Erschießungen. Nach dem Krieg waren 1,8 Millionen gefangene Sowjetsoldaten zurückgekehrt. Sie hatten die deutschen Kriegsgefangenen-Lager überlebt. Und was passierte mit ihnen? Sie wurden sofort in sowjetische Lager geschickt, in den Gulag, denn sie galten als Verräter. Doch solche Themen passen nicht in die offiziell propagierte Erinnerung des Kreml.

Die Staatspräsidentin Lettlands hat gerade daran erinnert, dass Stalins Sieg für die baltischen Staaten Terror und Besatzung durch die Sowjetunion bedeutete.

Viele Menschen in meinem Land möchten das noch immer nicht wahrhaben, ich weiß.

Warum?

Wir haben uns mit unserer eigenen Vergangenheit kaum auseinandergesetzt. Viele glorifizieren die Vergangenheit. Und viele haben Jahrzehnte lang von Stalins System profitiert.

Immerhin gibt es die Kommission zur Rehabilitierung der Opfer aus der Stalinzeit, die Sie leiten.

Ja, und wir haben 4,5 Millionen verurteilten politischen Gefangenen ihre Würde zurückgeben können. Wir haben bislang 42 Bände Dokumente über Stalins Terror herausgegeben. Aber wir werden bestenfalls geduldet, keiner interessiert sich wirklich für unsere Arbeit.

Weil sich Russland unter Präsident Putin wieder zu einem autoritären Staat entwickelt?

Offenbar glaubt man, man könne Russland mit der Knute regieren und zugleich liberale Wirtschaftsreformen durchsetzen. Das funktioniert nicht. So geraten wir erneut in eine Sackgasse. Man hört nette Worte über Freiheit und Demokratie - doch dann passiert immer etwas ganz anderes. Und dabei geht es gar nicht um eine Diktatur Putins. Wir leben vielmehr in einer Diktatur der Bürokraten. Sie haben die eigentliche Macht. Der Kreml, die Administration des Präsidenten sind voll von ihnen. Wir wissen weniger denn je, was im Kreml vor sich geht. Und dabei sieht es ganz so aus, als ob Putin der oberste aller Bürokraten wäre. Ich habe in einem Buch einmal über ihn schreiben wollen, brachte nur einen Absatz zustande. Ich weiß einfach nicht, wofür dieser Wladimir Putin eigentlich steht.

Und darum propagieren er und andere nun einen neuen russischen Nationalismus, der für manche mit der Rehabilitierung Stalins enden soll?

Wundert Sie das? Wir haben niemals wirklich mit Stalins System, den Massenmorden, der Gewalt abgerechnet. So bleibt das Bild vom starken Führer, dem starken Staat, der starken, siegreichen Nation. Das gefällt vielen, auch den jungen Leuten. Offiziell geht es dabei ja nur um die Einheit des Volkes.

Putin spricht sogar von einer "zivilisatorischen Mission" Russlands.

So geraten wir wieder in die internationale Isolation. Wer glaubt, solche nationalistischen Gefühle steuern zu können, hat sich gewaltig getäuscht. Aus vermeintlichem Patriotismus kann sehr schnell Hass entstehen. Bald darauf geht es um Rache für vermeintliches Unrecht. Dann sind vielleicht wieder die Reichen an der Reihe, ihre Villen, ihr Geld. Oder alle, die keine Russen sind, wie etwa die Menschen aus dem Kaukasus. Oder die Juden. Unser Land ist immer noch vergiftet.

Sieht so das Erbe der Perestrojka aus, die Sie vor 20 Jahren begannen?

Wir haben 1985 eine friedliche Revolution in Gang setzen können.

Eine Revolution von oben...

...aber von den Menschen unterstützt. Die erste friedliche Revolution begann bei uns, nicht etwa in Georgien oder in der Ukraine. Heute kann man in Russland Kritik üben, ohne Angst zu haben. Wir können lesen, was wir wollen. Niemand wird mehr politisch verfolgt. Und damit haben wir für unser Land, in dem ein Jahrhundert lang nur Gewalt und Terror herrschten, doch schon viel erreicht. Ich muss hoffen, dass das so bleibt.

Interview: Katja Gloger