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Plünderungen: "Danke, Saddam"

Vom Aschenbecher bis zum Klavier - Plünderungen haben im Irak derzeit Hochkonjunktur. Die Zivilbevölkerung bedient sich ohne große Scheu vor Strafen, und so mancher US-Soldat kann einem Souvenir vom Kriegsschauplatz nicht widerstehen.

Nach einem Panzergefecht in der Stadt As Subair plünderten Iraker Regierungsbüros und erbeuteten Radios, Bettrahmen und eine Klimaanlage. Andere machten sich mit einem Militärjeep davon. Im nahe gelegenen Basra strömten Bewohner mit Tischen, Stühlen und Teppichen aus den Büros der Zentralbank. Auch im Sheraton-Hotel wurden sie fündig, luden Sofas auf Pferdewagen und schleppten den Flügel aus der Hotelbar über die Straße davon.

Soldaten wollen Saddam-Souvenirs

Doch nicht nur Iraker nutzen die Gelegenheit. Auch zahlreiche US-Soldaten greifen zu, obwohl es ihnen das Militärrecht verbietet. Am Montag stürmten Truppen der 3. Infanteriedivision einen der Paläste des irakischen Staatschefs Saddam Hussein. Sie benutzten nicht nur seine Toiletten und durchsuchten seine Akten, sondern versorgten sich auch mit Aschenbechern, Kissen, Gläsern und anderen Andenken.

Ein Sprecher des US-Oberkommandos Mitte in Katar, Leutnant David Luckett, erklärte, ihm seien solche Berichte bislang nicht zu Ohren gekommen. "Wir unternehmen alles, um die natürlichen Ressourcen Iraks und das Hab und Gut der Bevölkerung für das irakische Volk zu bewahren", sagte Luckett.

Nach Militärrecht drohen Soldkürzung und Haftstrafen

Ein weiterer Sprecher, Kapitän Stewart Upton, erklärte, der Plünderung verdächtigte Soldaten würden zunächst von ihren Vorgesetzten verwarnt und angewiesen, die gestohlenen Gegenstände zurückzubringen. Nach dem Militärrecht könnten sie anschließend mit einer Kürzung ihres Solds und sogar mit Gefängnis bestraft werden. "Wir erwarten von unseren Soldaten, dass sie sich anständig benehmen", sagte Upton.

Auch Iraker greifen zu

Häufig sind die alliierten Streitkräfte auch damit beschäftigt, Iraker an Plünderungen zu hindern. Vor dem Duty-free-Shop am Bagdader Flughafen sind rund um die Uhr Wachen stationiert, um vor allem Alkoholdiebstähle zu verhindern. In Basra sind die britischen Patrouillen verstärkt worden, um die Ordnung wiederherzustellen.

Selbst Kochtöpfe finden Mitnehmer

In der vergangenen Woche stürmten tausende kurdische Kämpfer in der Nähe der nordirakischen Stadt Kalaka leer stehende irakische Bunker und Kasernen. Unter ihnen war Ischmail Hasan, der den Beiwagen seines Motorrads mit Tischen, Kochtöpfen und Autobatterien füllte. "Ein bisschen was davon werde ich behalten und den Rest verkaufen. Danke, Saddam", sagte er.

Minen, Sprengfallen und Blindgänger

Angesichts der kostenlosen Schätze ignorierten die Plünderer die Gefahr von Blindgängern und möglichen Landminen. Die Versuchung für die verarmte Bevölkerung sei nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung besonders groß, sagte ein Sprecher der britischen Streitkräfte, Hauptmann Peter Darling. Einige sähen in den Plünderungen eine Möglichkeit, sich am Regime zu rächen. "Sie wollen sich das zurückholen, was ihnen gehört", erklärte Darling. "Sie haben erkannt, dass die Leute, die sie regiert haben, in phänomenalem Überfluss gelebt haben. Es war eine ganz natürliche Reaktion, dass sie für einen Ausgleich sorgen wollten."

Hans Greimel
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