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Polen: Das Kreuz des Anstoßes

Vier Meter hoch ragt es in den Himmel über Warschau und spaltet die Nation: In Polen entzündet sich ein Kulturkampf an einem Kreuz, das an den verunglückten Präsidenten erinnern soll.

Von Niels Kruse

Der Zehnte eines jeden Monats ist in Warschau mittlerweile zu einem Wallfahrtstag geworden. Zu Hunderten kommen die Menschen dann zum Präsidentenpalast im Herzen der polnischen Hauptstadt gepilgert, sie haben Kerzen dabei oder Blumen, manchmal auch beides. Ihr Ziel ist ein einfaches Holzkreuz, das hier seit vier Monaten in den Himmel ragt und zurzeit die Kulturkämpfe in der polnischen Gesellschaft anheizt: Kirche gegen Staat, Demokraten gegen Autokraten, alt gegen jung, rechts gegen links, Erzkatholiken gegen Sonntagskatholiken.

Es ist dieses mehr als vier Meter hohe Kreuz, das das Land spaltet. Ausgerechnet ein Kreuz - das Symbol, unter dem sich die Polen seit Jahrhunderten versammeln, um Kraft im Kampf gegen Besatzung und Fremdbestimmung, gegen Preußen, Nazis, Russen und Kommunismus zu sammeln. Doch dieses Kreuz ist anders. Es ist seit dem Frühjahr zum Symbol der Rechten geworden, allen voran der Kaczynski-Partei PiS. Deren Anhänger pilgern monatlich zu diesem Kreuz, um den Opfern des Flugzeugsabsturzes vom 10. April zu gedenken. Es war das Unglück, bei dem der damalige Staatspräsident Lech Kaczynski, seine Frau, einige hohe Beamte, insgesamt 96 Menschen ums Leben kamen.

Spontan von Pfadfindern errichtet

An dem Tag, der das ganze Land traumatisierte, hatten Pfadfinder dieses Kreuz spontan für die Opfer neben dem Amtssitz des verunglückten Präsidenten errichtet. Was auch lange Zeit kein Problem war. Doch seit einigen Wochen regt sich Unmut über den Standort. Das Kreuz, so die Kritiker, stehe zu nah am Präsidentenpalast und verletze dadurch das laizistische Prinzip, die Trennung von Staat und Kirche. Eine Trennung, die in einem schwer katholischen Land wie Polen kaum sauber umzusetzen ist und gerade deswegen von nicht wenigen Polen mit Vehemenz gefordert wird. Auch deswegen hat der Streit nun den vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Tausende von Kreuzgegner sind vor den Präsidentensitz gezogen, um eine Umsetzung zu erzwingen. Ihnen gegenüber die Kreuzverteidiger, die seit einigen Tagen Tag und Nacht den umstrittenen Ort bewachen, dabei laut beten und Lieder wie "Polen erwache" singen. Nur die Anwesenheit der Polizei hat verhindert, das die Fäuste flogen. Wenige Stunden später hat das oppositionelle Linksbündnis SLD begonnen, Unterschriften gegen das Kreuz zu sammeln: "Wir wollen ein anderes, modernes und offenes Polen für alle, Gläubige und Ungläubige", sagt SLD-Chef Grzegorz Napieralski. Er sei schockiert darüber, dass die Situation vor Ort beinahe eskaliert wäre.

Polen muss laizistisch bleiben

Hinter der Auseinandersetzung steckt mehr als die Forderung, Polen müsse laizistisch sein und bleiben. Während des Präsidentenwahlkampfes hatten sich hier, neben dem Amtsitz, die PiS-Anhänger versammelt, um auf den politischen Gegner zu schimpfen. Zudem, und das dürfte für die gemäßigten Konservativen und die Linken ein weiterer Empörungsgrund sein, ist der Ort zu einem Altar für den verstorbenen Staatschef geworden: Heiligenbilder und Rosenkränze, Kerzen und Kaczynski-Fotos säumen den Platz. Das Kreuz ist nicht nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch ein Ort, an dem die stockkonservativen und antieuropäischen Ansichten der Kaczynskis immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

Auch deswegen hatte der neue Staatspräsident Bronislaw Komorowski, selbst praktizierender Katholik, schon vor Tagen angeordnet, die Heiligenverehrung einige Meter weiter in die Kirche der Heiligen Anna zu versetzen. Doch als Männer ausrückten, um die Trennung von Staat und Kirche durchzusetzen, wurden anwesende Kaczynski-Anhänger handgreiflich und verteidigten das Kreuz mit vollem Körpereinsatz, und einige der zumeist älteren Menschen beschimpften Komorowski als "Judas". Das neue Staatsoberhaupt, kaum ins Amt gewählt, knickte ein und ließ das Kreuz stehen, wo es ist. "Es war in Sieg der Anarchie und des Fanatismus", schrieb tags darauf die Zeitung "Gazeta Wyborcza".

"Jaroslaw, Jaroslaw"-Rufe ertönen

Das Kreuz symbolisiert längst nicht mehr nur den Glauben, den 90 Prozent aller Polen teilen, sondern auch das, was sie trennt. Die junge Generation lebt, missmutig beäugt von der älteren, nicht mehr nach den erzkatholischen Vorstellungen von einst für die die Kaczynskis stehen. Wie auch die Linke und die gemäßigten Konservativen nutzen die Rechten das religiöse Symbol für ihre Zwecke aus. Doch Jaroslaw, Zwillingsbruder des verunglückten Lech Kaczynski, der die Präsidentenwahl nur knapp verloren hatte, hat nun seine Zurückhaltung aus Wahlkampfzeiten wieder abgelegt . Er beschuldigt die Regierung, mitverantwortlich für den Flugzeugabsturz zu sein. Sein ernst gemeintes Argument: Hätte die Regierung modernere Maschinen angeschafft, wäre das Unglück nie passiert.

Den Konflikt ordentlich mit anzuheizen, bedeutet auch, im Gespräch zu bleiben. So besuchte Jaroslaw Kaczynski demonstrativ nun das Kreuz des Anstoßes und legte an der inoffiziellen Gedenkstätte einen Blumenkranz nieder - unter dem Beifall seiner Anhänger, die laut "Jaroslaw, Jaroslaw" riefen.

Die Auseinandersetzung in Polen erinnert stark an den Kulturkampf, der gerade in den USA tobt: Auch dort spuckt eine entmachtete Rechte Gift und Galle gegen das neue Gesicht des Landes. Freilich ist Komorowski kein Barack Obama - aber wie der US-Präsident muss er sich eines Gegners erwehren, der nur deswegen so laut brüllt, weil sich sonst niemand für ihn interessieren würde. Den Umfragen zufolge jedenfalls ist die Mehrheit der Polen dafür, das Kreuz zu verlegen. Und zwar schnell.

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