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Präsidentschaftswahl in Polen: Eine zweite Chance für Jaroslaw Kaczynski

Noch ist nicht entschieden, wer Polens nächster Präsident wird. Aber der erste Wahlgang hat Jaroslaw Kaczynski, dem Bruder des tödlich verunglückten Präsidenten, einen Achtungserfolg beschert: Schon jetzt ist er in die erste Reihe der polnischen Politik zurückgekehrt.

Ein Kommentar von Tilman Müller

Es ist ein Zwischenergebnis, das dem Zwillingsbruder den Triumph bescheren könnte. Nach Auszählung von etwa 90 Prozent der im ersten Wahlgang abgegebenen Stimmen liegt Jaroslaw Kaczynski lediglich 4,5 Prozentpunkte hinter dem Favoriten Bronislaw Komorowski - ein bis zur Stichwahl am 4. Juli aufholbarer Abstand.

Kaczynski, eingesprungen für seinen bei der Flugzeugkatastrophe von Smolensk verunglückten Bruder Lech, darf erstmal zufrieden sein. Knapp 37 Prozent der Stimmen - ganz soviel hatten ihm die Umfragen nicht zugetraut. Und soviel hätte Lech Kaczynski, das amtierende Staatsoberhaupt bis zum Desaster von Smolensk, wohl nicht eingefahren bei den Präsidentschaftswahlen, die eigentlich erst im Herbst hätten stattfinden sollen.

Nichts an dieser Wahl ist normal

Dabei ist nichts an dieser Wahl normal. Sie steht im Schatten einer nationalen Tragödie. Ein richtiger Wahlkampf fand bisher nicht statt, unterschiedliche Konturen der beiden Hauptkonkurrenten waren kaum erkennbar. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum der Mitte-Links-Kandidat Grzegorz Napieralski mit knapp 14 Prozent relativ viele Stimmen bekam. Normalerweise müsste das Potential des Drittplatzierten nun im zweiten Wahlgang dem liberalen Komorowski und nicht dem konservativen Kaczynski zugute kommen. Doch bei den atypischen Verhältnissen im gegenwärtigen Polen ist es auch möglich, dass die Mitte-Links-Wähler am 4. Juli einfach zu Hause bleiben, weil sie sich mit keinem der Kandidaten identifizieren können.

Der zweite Wahlgang wird mit Sicherheit härter. Auch für Kaczynski. Am Sonntag flogen ihm die Stimmen förmlich zu. Aus Trauer und Mitleid, parteiübergreifend. Vielleicht tragen ihn diese Emotionen am 4. Juli sogar zum Sieg, doch sicher ist dies keineswegs. Werbespots zeigten den einst als Regierungschef so gefühlskalten Erzkonservativen in den letzten Wochen vor einem Klavier und am Schreibtisch seines Bruders, komplett mit Porzellan-Teekanne. Womöglich war das zu durchsichtig und hat den Verdacht vieler Polen bestärkt, Kaczynskis neues Softie-Image sei ein rein wahltaktisches Manöver; als Präsident werde er schnell wieder nationalistische Parolen dreschen, die EU verteufeln und zur katholischen Scheinheiligkeit zurückkehren, mutmaßen Kaczynskis Kritiker. Ein überzeugendes Zukunftsprogramm hat er ohnehin nicht. Er will einen starken Staat, lehnt eine Reform der Sozialsysteme ab und möchte die Einführung des Euro auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben.

Komorowski fürchtet die Ferienzeit

Auch der liberale EU-Befürworter Komorowski, der am Sonntag gut 41 Prozent der Stimmen erhielt, hat kein klares Profil und steht weitgehend im Schatten seines Förderers, des polnischen Regierungschefs Donald Tusk von der Bürgerplattform PO. Bislang traute sich Komorowski, ein Spross aus altem polnischen Adelsgeschlecht, noch nicht einmal, Kaczynski ernsthaft anzugreifen. Seine größte Sorge ist derzeit, dass seine Anhänger am 4. Juli nicht an die Urnen gehen, weil sie in den Ferien sind. "Ändert Eure Urlaubspläne", heißt es deshalb auch beschwörend in einem Aufruf der PO an ihr Wahlvolk.

In den Prognosen für die Stichwahl liegt Komorowski, der in den 70er Jahren als Dissident mehrfach im Gefängnis saß, deutlich vorne. Eigentlich müsste er gewinnen. Aber in Polen herrschen eben derzeit eben keine normalen Verhältnisse. Und dazu gehört auch, dass am 4. Juli für Kaczynski selbst eine Niederlage ein kleiner Sieg ist. Denn ein respektables Ergebnis wäre immerhin gut genug für einen neuen Comeback-Versuch - bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr, wo er wieder Regierungschef werden könnte.