Polen wählt einen Präsidenten Der Wandel des Jaroslaw Kaczynski


Stellvertretend für seinen beim Unglücksflug nach Smolensk umgekommenen Bruder will Jaroslaw Kaczynski Polens nächster Präsident werden. Anfangs schien er chancenlos, doch nun schlägt er mildere Töne an und rückt politisch in die Mitte - mit Erfolg.
Von Tilman Müller

Sogar nach Deutschland ist er gekommen, nach Frankfurt an der Oder, um versöhnliche Töne anzuschlagen in seinem ganz auf Konfliktvermeidung angelegten Wahlkampf. Jaroslaw Kaczynski, 61, findet lobende Worte für den deutschen Wirtschaftswunderpolitiker Ludwig Erhard, nennt die EU eine "Zone der Freiheit" und eine "hohe Schule der Kompromisse".

Schon rein äußerlich wirkt der viel beachtete Kandidat fürs Präsidentenamt stark verändert. Gealtert sieht er aus, abgemagert, blass und grau - deutliche Spuren der Tragödie von Smolensk. Sein Zwillingsbruder Lech, dessen Gattin Maria sowie 94 andere Passagiere, darunter hochrangige Politiker und Militärs, kamen beim Absturz im russischen Smolensk ums Leben - für Polen die wohl größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Am Sonntag müssen die Polen nun über einen neuen Präsidenten abstimmen, und die halbe Welt fragt sich: Wird Jaroslaw anstelle seines Zwillingsbruders das nächste Staatsoberhaupt werden? Kein Thema ist bei diesen Wahlen auch nur annähernd so wichtig wie die Umstände des Todesflugs vom 10. April.

Der stern dokumentiert in seiner aktuellen Ausgabe die dramatischen Ereignisse jenes Tages in allen Einzelheiten, vom verspäteten Abflug um 7.27 Uhr in Warschau, über die letzten Minuten vor dem gescheiterten Landeversuch, bis hin zu dem Gefühlschaos nach der Katastrophe und den Auswertungen des Bordcomputers. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Mitarbeiter des Präsidentenstabs oder Luftwaffenchef Andrzej Blasik den Bordkommandanten zu dem hoch riskanten Blindflug auf den in dichten Nebel gehüllten Militärflughafen gedrängt haben.

Die Mutter wusste wochenlang nichts von der Tragödie

Jaroslaw Kaczynski sprach noch 16 Minuten vor dem Crash mit seinem Bruder, der ihn von Bord der Tupolew-Maschine per Satellitentelefon anrief. Die beiden unterhielten sich über den Gesundheitszustand ihrer Mutter Jadwiga, 83, die mit schweren Herz- und Lungenproblemen in einer Warschauer Klinik lag. Heute noch befindet sich die Schwerkranke dort. So schlecht stand es um sie, dass ihr wochenlang niemand zu sagen traute, dass Lech ums Leben gekommen war. In der Not machte ihr Jaroslaw sogar eine Zeit lang vor, der Präsident sei auf einer Schiffsreise im fernen Südamerika - erst als es gar nicht anders ging, am polnischen Muttertag, teilte er ihr die bittere Wahrheit mit.

Lange blieb Jaroslaw Kaczynski nach dem Unglück stumm. Ließ sich Zeit, ehe er sich stellvertretend für den verstorbenen Bruder um das höchste Staatsamt bewarb. Verwundert stellten seine Landsleute bald fest, dass der hitzköpfige, rechtsnationale Premierminister der Jahre 2005 bis 2007 auf einmal in die Mitte strebte. Vorbei die Zeiten, in denen er vor der Hegemonie Deutschlands warnte und als EU-Blockierer auftrat. Auch innenpolitisch setzt er nun auf Dialog. Auf eine Aussöhnung zwischen den eher ländlichen, stockkonservativen Regionen des östlichen Polens und den urbaneren Landesteilen des Westens. "Lasst uns den polnisch-polnischen Krieg beenden", appellierte er an seine Konkurrenten. Überall im Land tauchten riesige Billboards mit einem altersklug dreinblickenden Kaczynski auf, dazu der Wahlspruch: "Am wichtigsten ist Polen."

In der Stichwahl steigen Kaczynskis Chancen

Der Schwenk in die Mitte ist die einzige Chance für ein Kaczynski-Comeback. Bereits der rechtslastige Lech war zuletzt im Umfragetief, hätte eine Wiederwahl wohl mit Sicherheit nicht erreichen können. Jaroslaw hingegen darf sich inzwischen Hoffnungen auf ein zumindest respektables Ergebnis machen. Immerhin etwa ein Drittel der Stimmen trauen ihm die Umfragen zu. Das dürfte genügen, um den zweiten Wahlgang zu erreichen.

Favorit jedoch bleibt der liberale Bronislaw Komorowski, 58, der Kandidat der regierenden Bürgerplattform PO. Am Sonntag wird er zwar wohl keine absolute Mehrheit bekommen, hat indes laut den Prognosen beim zweiten Wahlgang die besten Chancen. "Bronek", wie ihn die Polen nennen, steht für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes, das sich trotz internationaler Finanzkrise weiter stramm auf Wachstumskurs befindet.

Vor dem Unglück von Smolensk sah der Vertraute des Ministerpräsidenten Donald Tusk bereits wie der sichere Sieger aus. Doch gegen einen Gegner anzukämpfen, der gerade seinen Zwillingsbruder verloren hat und dem landesweit Mitgefühl zufliegt, fällt natürlich schwer. Eine Stichwahl am 4. Juli in der Haupturlaubszeit könnte vor allem Kaczynski zugute kommen. Denn seine Anhänger, unken polnische Kommentatoren, seien vor allem Rentner, die sich keine Ferien leisten können und auf jeden Fall wählen gehen.


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