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Präsidentenwahl in Afghanistan: Karzai und Abdullah steuern auf Stichwahl zu

Nach der Präsidentenwahl in Afghanistan zeichnet sich ersten amtlichen Ergebnissen zufolge ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Amtsinhaber Hamid Karzai und dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah ab. Bestätigt sich der Trend, dürfte es zu einer Stichwahl kommen.

Das Lager von Hamid Karzai hatte sich in den vergangenen Tagen damit hervorgetan, Nachrichten über den angeblichen Sieg des Amtsinhabers bereits im ersten Wahlgang zu verbreiten. Fünf Tage nach der Präsidentschaftswahl in Afghanistan war es schließlich soweit, dass sich auch die eigentlich zuständige Wahlkommission (IEC) äußerte - wenn auch nur mit Ergebnissen aus zehn Prozent der Wahllokale und nicht aus allen Landesteilen. Was die IEC am Dienstag verkündete, war angesichts der Siegesmeldungen Karzais überraschend. Er führt nach diesen Trends nur hauchdünn vor seinem Herausforderer Abdullah Abdullah. Sollte sich die Entwicklung bei der Auszählung der Stimmen fortsetzen, käme es Anfang Oktober zu einer Stichwahl.

Ergebnisse noch wenig aussagekräftig

Bislang liegt Karzai demnach mit knapp 41 Prozent zwei Prozentpunkte vor seinen größten Herausforderer, Ex-Außenminister Abdullah. Abdullah selbst betonte erneut, er werde sich nicht durch Posten-Versprechen in einem Kabinett unter einem Präsidenten Karzai zur Aufgabe bewegen lassen. In einer zweiten Wahl zwischen Spitzenreiter und Zweitplatziertem dürften die Karten neu gemischt werden. Andere Kandidaten, die aus dem Rennen wären, könnten zur Unterstützung von Abdullah aufrufen. Allerdings unterstrich selbst die IEC die geringe Aussagekraft der Ergebnisse nach Auzählung von gut einer halben Million Stimmen. IEC-Direktor Daoud Ali Nadschafi sagte: "Ich möchte betonen, dass dies Teilergebnisse sind. Sie können sich morgen oder übermorgen ändern."

Finanzminister Omar Sachilwal behauptet dagegen, den Wahlsieger schon zu kennen, als Regierungsvertreter lägen ihm die Ergebnisse schon vor. Völlig abwegig muss das nicht sein, ein erstes Mal sind alle Stimmen bereits in den Wahlzentren ausgezählt worden, in denen die Wahllokale im ganzen Land untergebracht waren. In der Hauptstadt Kabul werden die Stimmen nun von der IEC ein weiteres Mal überprüft und schrittweise veröffentlicht.

Sachilwal ignorierte alle Appelle der Wahlkommission zur Zurückhaltung. Beim Treffen mit Reportern der "New York Times" und der "Washington Post" in seinem Haus plauderte er munter drauflos. Karzai habe nach Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen bereits im ersten Wahlgang gewonnen, sagte der Minister. Sagenhafte 68 Prozent der Stimmen habe der Präsident erhalten - dem in Umfragen vor der Wahl stets weniger als 50 Prozent vorhergesagt worden war. Abdullah liege abgeschlagen hinten.

Abdullah wittert Wahlbetrug

Abdullah hat dem Karsai-Lager Manipulationen vorgeworfen. Unabhängige Beobachter berichteten ebenfalls von zahlreichen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl. Bei der von den Vereinten Nationen unterstützten Beschwerdekommission sind bislang beinahe 800 Einwände eingegangen. Sollte der amtierende Präsident am Ende der Auszählung tatsächlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit erhalten haben, würde das die Betrugsdiskussion anfachen - möglicherweise bis zum Siedepunkt. Anhänger Abdullahs haben kaum verholen mit Gewalt gedroht, sollte Karsai einen Sieg bereits im ersten Wahlgang verkünden.

Neben dem angeblichen Traumergebnis für Karsai enthielten die Worte von Minister Sachilwal eine zweite brisante Aussage: Demnach gaben nur rund fünf Millionen Wähler ihre Stimme ab. Nach ursprünglichen Angaben der Wahlkommission waren aber 17 Millionen Afghanen für die Wahl registriert. Die Wahlbeteiligung läge also bei knapp 30 Prozent. Nach beinahe 80 Prozent bei der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren wäre das ein verheerend niedriger Wert. Der deutsche Wahlbeobachter und politische Analytiker der EU-Mission, Gunter Mulack, hatte am Wochenende gesagt, sollte sich eine Wahlbeteiligung von unter 30 Prozent herausstellen, "müsste man über die Legitimität debattieren. Das ist aber Aufgabe der Afghanen."

Plötzlich zwei Millionen Wahlberechtigte weniger

Doch statt zu debattieren, reagierten die Afghanen kreativ. Die Wahlkommission korrigierte die Zahl der Wahlberechtigten nun auf rund 15 Millionen nach unten - und die prozentuale Beteiligung somit nach oben. Die meisten Registrierungen stammten noch aus der Wahl 2004. Folgt man IEC-Sprecher Noor Mohammad Noor, haben seitdem zwei Millionen Afghanen das Land verlassen oder ihren Wahlausweis verloren, oder aber sie sind verstorben.

Angesichts des Hickhacks um die zunehmend umstrittene Wahl ging eine schlechte Nachricht vom Hindukusch am Dienstag beinahe unter. Bei einem Anschlag im Süden des Landes starben vier US-Soldaten. Die Gesamtzahl der getöteten ausländischen Soldaten seit Jahresbeginn stieg damit auf 295. Der Sommer ist noch nicht vorbei, da ist 2009 schon das verlustreichste Jahr für die internationalen Truppen seit Beginn des Einsatzes geworden.

Can Merey, DPA / DPA