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PRESSESCHAU: 22.03.: Absturz der Weltraumstation MIR

Der Absturz der Weltraumstation MIR, der mazedonisch-albanische Konflikt und der sexuelle Missbrauch unter katholischen Geistlichen - die Meinungen dazu in der europäischen Presse.

»La Repubblica«: Letzter Roter Stern

Zum Absturz der russischen Weltraumstation Mir meint die römische Zeitung »La Repubblica« am Donnerstag: »Der letzte rote Stern fällt, er stürzt aus dem Himmel einer Geschichte, die nunmehr ausgeschaltet ist wie seine Batterien und die Träume, die dieser Stern seinerzeit erwärmt hatte. Doch in Wirklichkeit handelt es sich nicht mehr um einen Stern, sondern um ein Wrack, um die Reste einer Raumstation, die bei ihrer Geburt noch sowjetisch war und bei ihrem Tod russisch ist. ... Unnütz und kostspielig war dieser letzte rote Stern gewesen, der mit dem Geld der Amerikaner und der Westeuropäer im All gehalten wurde. Und für Sowjets und Russen, die ihn 1986 als letztes Aufbäumen in einer Partie, die längst verloren war, in das All schickten, hatte er zuletzt lediglich noch einen sentimentalen Wert gehabt.«

»Die Presse«: Ende der Mir beendet Weltraumfantasien

Das Ende der russischen Raumstation Mir sollte auch das Ende der Weltraumfantasien bedeuten, verlangt die konservative österreichische Zeitung »Die Presse« am Donnerstag in Wien: »Geradezu absurd muten vereinzelte «Visionäre» an, die noch immer von einer Kolonisierung des Mars träumen, für die man dem kalten Bruderplaneten halt eine Atmosphäre basteln müßte. Man muss dazu nur bedenken, dass wir das Klima der Erde, auf der wir schon so lange hausen, noch immer nicht wirklich verstehen, dass nicht einmal die Folgen des Treibhauseffekts abschätzbar sind. Und diese Menschen wollen ferne Planeten besiedeln? Die Trümmer der Mir werden hoffentlich niemanden treffen, sie werden wahrscheinlich nicht, wie manche befürchten, das Meer mit mutierten Bakterien verseuchen. Doch mit den Trümmern könnte man auch einige längst ranzig gewordene Weltraum-Fantasien entsorgen. Auf der Erde gibt es genug zu tun - und die Science-Fiction-Branche lebt auch ohne begleitende «realistische» Visionen gut. Die Raumstation Mir wird entsorgt - mit ihr sind auch einige Weltall-Fantasien obsolet geworden.«

»Le Monde«: Albaner haben schlechte Methoden gewählt

Die unabhängige französische Tageszeitung »Le Monde« (Paris) kritisiert am Donnerstag die Albaner, die in Mazedonien den Balkan in einen neuen Konflikt gestürzt haben: »Die albanischen Extremisten in Mazedonien glauben, dass es der richtige Moment ist, daran zu erinnern, dass der Kosovo-Krieg die «albanische Frage» nicht gelöst hat. Sie haben auf die Unentschlossenheit des Westens und vor allem der USA gesetzt, die manchmal den Eindruck erweckt haben, den albanischen Nationalismus zu unterstützen. Die Extremisten irren sich, denn es sind andere Zeiten angebrochen. Mazedonien ist nicht das Kosovo des Milosevic; es ist eine Demokratie - nicht perfekt, aber real - für die die Unversehrtheit des Staatsgebietes lebenswichtig ist. Die Albaner haben schlechte Methoden gewählt, um ihre Rechte einzufordern.«

»Der Standard«: Mafiose Strukturen sind ständige Bedrohung

Nur mit großzügiger Wirtschaftshilfe des Westens sei die Bildung eines Großalbaniens noch aufzuhalten, meint die liberale österreichische Zeitung »Der Standard« am Donnerstag in Wien: »Wenn Jugoslawien und Mazedonien das strikte Verhandlungs-Nein gegenüber den (albanischen) Rebellen durchhalten wollen, müssen sie der jeweiligen albanischen Volksgruppe rasch Zugeständnisse machen. Die aber werden ohne Hilfe zum Aufbau einer einigermaßen selbsttragenden Wirtschaft zwecklos bleiben. Und hier muss sich vor allem die EU weit stärker als bisher engagieren - auch im ureigenen Interesse. In dem virtuellen Großalbanien, das weite Teile Albaniens, den Kosovo und den Nordwesten Mazedoniens umfasst, haben sich - weitgehend unbehindert durch Friedenstruppe und UN-Verwaltung im Kosovo - mafiose Strukturen herausgebildet, die nicht nur für die Stabilität der Region eine ständige Bedrohung darstellen. Solange man in dieser Gegend außer durch Handel mit Drogen, Waffen und Menschen kaum Geld verdienen kann, wird sich daran nichts ändern. Ein Nein zu Verhandlungen mit «Terroristen» ohne plausible Alternativen für die Albaner wird diesen Zustand nur noch verfestigen.«

»El Periodico«: Schritt in die richtige Richtung

Zu den Fällen von sexuellem Missbrauch unter katholischen Geistlichen meint die spanische Zeitung »El Periodico de Catalunya« (Barcelona) am Donnerstag: »Die katholische Kirche hat erstmals eingestanden, was sie bislang verschwiegen hatte: Priester und Missionare haben Nonnen sexuell missbraucht. Dass diese Vergehen offiziell eingeräumt wurden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nun muss sich die Kirche daran machen, eine Lösung des Problems zu finden. Der Vatikan verfügt über Informationen von Vergewaltigungen in Indien, Kolumbien, den USA, in erzkatholischen Ländern wie Italien oder Irland sowie in vielen afrikanischen Staaten. Sexuellen Missbrauch gibt es vor allem in Ländern, in denen der Mann die Frau beherrscht. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn die Unterdrückung der Frau beseitigt werden könnte. Dann müsste der Vatikan sich nur noch trauen, das Priester-Zölibat aufzugeben.«