Beinahe ängstlich hatten die europäischen Partner auf die Rede von US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos (WEF) gewartet. US-Finanzminister Scott Bessent hatte die Befürchtungen zuvor noch lässig mit der Aussage beiseite gewischt, Europa solle sich "die Argumente" Trumps doch erst einmal anhören und "tief durchatmen". Ob das wie Wehen vor Trumps Ansprache gelindert hat? Unwahrscheinlich.
In jedem Fall aber hätte die Rede am Ende nicht typischer ausfallen können: Trump teilte gegen Europa und die Nato-Partner aus, warf ihnen vor, sich an den USA zu bereichern, und bekräftigte erneut den US-Besitzanspruch auf Grönland. Nebenbei pries Trump seine eigen Migrations- und Handelspolitik und rühmte die Vereinigten Staaten von Amerika als das "angesagteste Land der Welt".
Was bedeutet das jetzt für Grönland, Europa und die Nato? Die Presse analysiert:
Keine neuen Lehren für den Umgang mit Trump
"Rheinpfalz": "Europa atmet auf. US-Präsident Donald Trump verspricht in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos, Grönland nicht zu überfallen und die Insel in der Arktis dem Nato-Partner Dänemark nicht mit Gewalt zu entreißen. Dieser Satz und die damit einhergehende Erleichterung sind freilich eine Bankrotterklärung für das Verteidigungsbündnis. Denn der Wesenskern der Nato ist das gegenseitige Vertrauen der Partner, das vom US-Präsidenten nun begraben wurde."
"Die Glocke": "Dass die Staatenlenker der Welt aus diesem Wortschwall neue Erkenntnisse darüber gewinnen können, auf welche Weise sie mit Trump reden müssen, ist nicht anzunehmen. Das genau zeigt das Dilemma auf, wenn es darum geht, wie mit Trump umzugehen ist. Ihn in seinem Selbstlob bestätigen, wie es Nato-Generalsekretär Mark Rutte gerne tut? Hindert den US-Präsidenten nicht daran, das Verteidigungsbündnis als Schmarotzer darzustellen, der bislang ausschließlich von den USA finanziert worden sei. Herumdrucksen statt Kritik äußern, wie es Bundeskanzler Friedrich Merz bevorzugt? Bringt etwas Lob ein, ändert aber nichts daran, dass Trump auf eine persönliche Begegnung in Davos offenbar wenig Wert legt. Contra geben wie Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron? Den machte Trump in seiner Rede nicht zum ersten Mal lächerlich."
"Nürnberger Nachrichten": "Wird die sehr große Mehrheit der Vernünftigen die Kraft haben, Trumps Attacken standzuhalten? (...) es ginge, mit Argumenten: Die USA können laut bestehenden Verträgen schon jetzt auf Grönland fast alles tun, was sie wollen – ohne die Axt an die Wurzeln der Nato zu legen. Und Europa könnte Trumps Zoll-Drohungen mit ähnlichen Waffen kontern, wenn es geschlossen und hart bleibt. Davos war nicht, wie befürchtet, das Ende der Nato, nicht das Ende der Welt. Es könnte sogar Trumps in US-Umfragen ablesbaren Abstieg forcieren."
Die Nato ist in der Krise
"Frankfurter Rundschau": "Die Europäer sollten sich von dem fast schon moderaten Ton von Donald Trumps selbstgerechter Rede in Davos nicht einlullen lassen. Der US-Präsident besteht weiter auf Grönland, auch wenn er diese Forderung in eine Bitte kleidet. Und er droht auch weiter, dass die Weltmacht USA es nicht vergessen werde, wenn die Europäer ihm 'das Stück Eis' nicht geben. So hört sich ein Machtpolitiker an, der Kreide gefressen hat. Ein Bündnispartner hätte angeboten, darüber zu reden, wie sich die Sicherheit der Insel und der Nato-Mitglieder verbessern lässt. Er hätte auch keine Verhandlungen gefordert, wo es nichts zu verhandeln gibt. So werden die europäischen Staaten weiter Grönland gegen Trumps imperiale Ansprüche verteidigen müssen. Dabei wäre es hilfreich, wenn sie trotz aller Abhängigkeiten von den USA selbstbewusster aufträten, ohne dabei den Konflikt unnötig zu eskalieren. Staaten wie China und Brasilien haben mit diesem Vorgehen jedenfalls mehr erreicht in Verhandlungen mit Washington."
"Schwäbische Zeitung": "Erschreckend, wie Trump sein Beharren auf Grönland begründet. Etwa damit, dass Dänemark innerhalb weniger Minuten von Hitlers Wehrmacht überrannt worden sei, die größte Insel der Welt also nicht schützen könne. Erschreckender noch, dass der Präsident im selben Atemzug die Bereitschaft der Nato-Verbündeten zum Schutz der USA generell in Zweifel zieht. Waren nicht die Terrorangriffe auf New York und Washington 2001 der erste und bislang einzige Anlass für die Alliierten, den Bündnisfall auszurufen – und Amerika über Jahre militärisch, geheimdienstlich, politisch zu helfen? Dem Fass den Boden schlägt Trumps Ankündigung aus, beim Erwerb Dänemarks auf Gewalt verzichten zu wollen. Gewalt gegen engste Verbündete, wohlgemerkt. Deutlicher konnte er nicht machen, wie tief er die Nato in die Krise geführt hat. Was nebenbei Trumps größte Lüge entlarvt, wonach die USA unter seiner Führung stark seien wie nie. Tatsächlich standen sie in den vergangenen 120 Jahren nie isolierter da."
"Augsburger Allgemeine": "Trump hat in seiner Rede den Verbündeten vorgehalten, dass sie die USA ausnutzten. Und er behauptete, dass ein Staat nur ein Territorium verteidigen kann, das zu ihm gehört. Das heißt in der Ableitung, dass die USA die Ostflanke womöglich nicht gegen eine russische Attacke schützen würden. Denn Estland, Lettland und Litauen gehören bekanntlich nicht zu den USA. Das Beistandsversprechen der Nato ist wieder ein Stück schwächer geworden."