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Proteste in Kairo: Die Sorge um Ägypten wächst

Ein Toter und 600 Verletzte: Das ist die Bilanz eines weiteren Protesttages in Ägypten. Die aufgeheizte Stimmung besorgt sowohl ägyptische als auch ausländische Regierungen.

Die Auseinandersetzung zwischen Regierungslager und Opposition in Ägypten ist abermals eskaliert und hat zu hunderten Verletzten geführt. Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern der Regierung wurden in Kairo mehr als 600 Menschen verletzt und ein Rekrut der Armee getötet, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums im Staatsfernsehen sagte.

Die Anhänger und Gegner von Staatschef Husni Mubarak lieferten sich stundenlange Straßenschlachten auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo. Regierungsanhänger warfen Steinblöcke von Hausdächern auf die oppositionellen Demonstranten, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten. Es wurde Tränengas gegen die Regierungsgegner eingesetzt, wobei unklar war, von wem.

Armee gibt Warnschüsse ab

Die Armee, die zunächst nicht eingeschritten war, gab Warnschüsse ab, um die Menge auseinanderzutreiben. In der Nähe des Ägyptischen Museums löschte sie mehrere Brände, die von benzingefüllten Brandsätzen verursacht worden waren. Nach Angaben der Opposition mischten sich unter die regierungstreuen Demonstranten auch Polizisten in Zivil. Das Innenministerium wies diese Anschuldigung zurück.

Nach Einschätzung eines deutschen Experten waren die Zusammenstöße jedoch "ganz klar inszeniert". Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz sagte in einem ARD-"Brennpunkt" zudem, die Untätigkeit der Armee sei ein Zeichen ihrer Unsicherheit.

Mubarak kündigt Rückzug an

In den vergangenen Tagen waren bei den Protesten gegen die Regierung nach unbestätigten UN-Angaben mindestens 300 Menschen getötet worden. Mubarak hatte angekündigt, bei den für September geplanten Präsidentschaftswahlen nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Der Opposition geht dieses Zugeständnis aber nicht weit genug.

Die einflussreiche Muslimbruderschaft erklärte, es gebe "keine Alternative zum Abgang" Mubaraks. Für Freitag wurde erneut eine Großkundgebung in Kairo geplant. Ägyptens Vizepräsident Omar Suleiman forderte hingegen ein Ende der Proteste als Vorbedingung für einen Dialog. Die Demonstranten müssten nach Hause gehen, wurde er von der amtlichen Nachrichtenagentur Mena zitiert.

Außenministerium lehnt sofortigen Wechsel ab

Das ägyptische Außenministerium wies Forderungen aus dem Ausland nach einem sofortigen Machtwechsel zurück. Dies würde die krisenhafte "innere Lage in Ägypten" weiter anfachen, erklärte Außenminister Hossam Saki. US-Präsident Barack Obama und EU-Außenministerin Catherine Ashton hatten Mubarak zuvor aufgerufen, umgehend einen Übergangsprozess einzuleiten.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Angriffe auf Demonstranten als "nicht hinnehmbar". In Ägypten müsse "ohne weitere Verzögerung" ein friedlicher Übergang beginnen, sagte Ban. Der britische Premierminister David Cameron nannte die Zusammenstöße "verachtenswert". Das Weiße Haus äußerte sich "tief besorgt über Angriffe auf Medien und friedliche Demonstranten".

Westerwelle wendet sich gegen Gewalt

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte nach einem Telefonat mit dem ägyptischen Oppositionsführer Mohammed ElBaradei, "jede weitere Eskalation der Situation" müsse "unbedingt vermieden werden". In der ARD wies er Kritik an der Bundesregierung zurück. Deutschland habe "von Anfang an" gesagt, dass Gewalt gegen friedliche Demonstranten "in keiner Weise akzeptabel" sei.

tkr/AFP / AFP