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Aufruhr in Ägypten: Das System schlägt zurück

In Kairo liefern sich Mubarak-Anhänger Straßenschlachten mit Regimegegnern. Offenbar mobilisiert die Regierung ihre letzten Kräfte. Die Opposition hofft nun auf die Hilfe der Muslimbrüder.

Von Gerald Drißner, Kairo

Im Stiegenhaus eines alten, kahlen Gebäudes sitzt Muhammed, 25, auf einer Treppe und hämmert mit der Faust gegen die Wand. Er weint und schreit: "Das darf alles nicht wahr sein!" Und: "Freiheit, Freiheit, wir wollen doch nur Freiheit!" Dann bricht seine Stimme und er senkt den Kopf. Er ist einer von zwei Dutzend Jugendlichen, die hier, in einer Wohnung im fünften Stock, die Demonstrationen gegen Präsident Husni Mubarak koordinieren - und die Mittwochvormittag nicht mehr verstehen, was in Kairo in diesen Stunden passiert.

Er kam um 14 Uhr vom Zentrum der Proteste, dem Tahrir-Platz zurück, dort, wo es tagelang Woodstock-Stimmung gab und nun heftigste Straßenschlachten toben: Tausende Mubarak-Anhänger wollen diesen symbolträchtigen Ort zurückgewinnen. Mit Kamelen und Pferden pflügen sie durch die Menge. Dann fliegen Steine.

Plötzlich erschienen die Mubarak-Anhänger

Es begann in den frühen Morgenstunden, als sie herauskamen wie Schläfer: Zehntausende, wenn nicht Hundertausende Pro-Mubarak-Demonstranten. Sie hielten Fotos des Präsidenten in die Luft, schwangen Ägypten-Fahnen. Taxifahrer klebten Zettel in die Windschutzscheibe: "Nein zu ElBaradei, Ja zu Mubarak" steht auf ihnen. Unter den Regierungsfreunden sind viele Polizisten in Zivil. "Früher hat uns das Regime für so was bezahlt", sagt Samia Abd Elnasr. "Schämt euch! Ich hoffe, ihr habt dafür viel Geld gekriegt."

Kairo ist nicht mehr das Kairo von gestern. Vorbei das Woodstock-Feeling, die Volksfest-Stimmung. Jetzt ist die Atmosphäre gruselig. Fast wie in einem Science-Fiction-Film, in dem unzählige Roboter aufmarschieren, um die Befehle von oben auszuführen. Die Menschen auf der Straße trauen sich gegenseitig nicht mehr über den Weg, sie schweigen. Manche jubeln, ziemlich aufgesetzt, den Mubarak-Fans zu. Das ist das Ziel des Regimes: eine Machtdemonstration. Mubarak-Anhänger sprechen gezielt Ausländer an - in der Vermutung, dass sie Journalisten sind. "Ich bin Muslim, ich liebe Ägypten, ich liebe Mubarak", schreit ein junger Mann.

"Die wollen, dass wir Angst kriegen"

Schon in der Nacht zu Mittwoch ging es in Alexandria los, als sich die Regimeanhänger nach der Mubarak-Rede unter die Demonstranten mischten und mit der Randale begannen. "Die wollen, dass wir Angst kriegen und am Freitag zu Hause bleiben", sagt Alaa Muhammad, 20, aber das machen wir nicht." Die Demonstranten, die sich tagelang für Freiheit eingesetzt und gekämpft haben, sind frustriert, einige weinen. Aus Angst gehen sie nun nach Hause.

Doch sie wissen, dass die Schlacht noch nicht verloren ist. Am frühen Morgen wurden auf dem Platz der Freiheit Flugzettel verteilt - mit dem Aufruf zu einer Demonstration am Freitag. Unter den Demonstranten sind auch viele Muslimbrüder. Die Islamisten sind nun die letzte Hoffnung, dass der verhasste Präsident am Ende doch noch gehen wird. Denn sie wollen am Freitag, nach dem traditionellen Gebet, wieder von den Moscheen aus auf die Straßen gehen, so wie vor einer Woche, um Mubarak endgültig aus seinem Palast zu vertreiben. Dann wird sich zeigen, wie mächtig die im Westen so gefürchteten Muslimbrüder sind.