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Aufstand der Millionen in Ägypten Kairoer Volksfest der Demokratie


Sie flehen, fordern und flachsen: Millionen Ägypter haben gegen das Regime protestiert und dabei Volksfeststimmung verbreitet. Dennoch wirkt die staatliche Propaganda in vielen Köpfen weiter.
Von G. Drißner, S. Gassel und T. Zick, Kairo

Am Rand des Kairoer "Platzes der Befreiung" steht ein Mann mit einer Botschaft an die Welt: "Helft uns! Helft den Ägyptern, den Weg in die Freiheit zu finden", ruft Mohammed Ali und seine Stimme zittert. "Ich appelliere an die freie Welt, an die Vereinigten Staaten, an Präsident Obama. Und auch an die Menschen in Israel, denn ich weiß, dass Israel Obama drängt, Mubarak an der Macht zu halten. Ägypten wird kein zweiter Iran. Wir sind keine blutrünstigen Extremisten. Helft uns, damit wir endlich in Freiheit leben können wie ihr auch."

Sein Taxi hat Mohammed Ali stehen gelassen, um zur großen Demonstration auf dem Tahrir-Platz zu kommen. An der Hand hat er seinen 15-jährigen Sohn - sie sind zwei von zwei Millionen. Und alle wollen dasselbe: Hosni Mubarak aus dem Präsidentenamt jagen. "Das Regime muss weg. Damit mein Sohn eine Zukunft hat", sagt er. Und erzählt dann, wie er jeden Monat umgerechnet 200 Euro allein dafür ausgibt, dass sein Sohn zur Schule gehen kann. "Weil der Staat den Lehrern Hungerlöhne zahlt, saugen sie das Blut der Eltern. Ich habe keine Angst mehr, meinen Mund aufzumachen. Wir wollen eine zivile Regierung. Die Generäle können immer nur eins: befehlen. Auf das eigene Volk hören sie nie."

Die Menschen strömen von überall herbei

Derweil ziehen über die Nilbrücken und aus den Straßen der Innenstadt immer mehr Menschen auf den Tahrir-Platz. Hier, wo vor einer Woche der Aufstand gegen den Diktator begann, wollen sie ihn jetzt beenden - mit dem Sturz des Präsidenten. "Wir gehen hier nicht weg, bevor er geht", sagt ein junger Demonstrant. Viele hier richten sich darauf ein, lange auszuharren. Sie haben Kekse und Sandwiches dabei und Kanister mit Wasser. Proviant für einen langen Kampf.

Im Schatten der ausgebrannten Zentrale der Einheitspartei NDP und des berühmten ägyptischen Nationalmuseums mit seiner terrakottafarbenen Kuppel feiern die Ägypter eine Art Volksfest der Demokratie. Familien mit Kindern sind genauso in der Menge dabei, wie die Vorbeter aus den umliegenden Moscheen und junge Start-up-Unternehmer. Einige machen Stimmung mit der Tawla, der afrikanischen Trommel, sie singen und tanzen. Andere fegen die Straße und sammeln den Müll zusammen, weil die Müllabfuhr seit Tagen nicht mehr arbeitet.

Ein Mann hält eine Fotomontage in die Luft: Sie zeigt Mubarak mit einem Hitlerscheitel. Andere schreien: "Liebe Amerikaner, da ihr unseren Diktator so toll findet, hat unser Volk beschlossen, dass ihr ihn mit sofortiger Wirkung haben dürft." Und immer wieder hallt der Schlachtruf über den Platz: "Das Volk will den Fall des Systems."

Zerstören die Proteste das Land?

Vor einem amerikanischen Schnellrestaurant steht Mohammed Abd al Azim, ein Rechtsanwalt, 31 Jahre alt. Er trägt einen grauen Kapuzenpullover und hat lange Bartstoppeln im Gesicht. Die Nacht hat er auf dem Platz verbracht. Jetzt wartet er auf seine Frau, die ihn beim Demonstrieren ablösen will, damit er zu Hause etwas Schlaf nachholen kann. Um danach weiter zu machen. "So lange, bis Mubarak weg ist. Er will sich von nichts mehr aufhalten lassen, nicht einmal vom eigenen Vater. "Der hat mich gestern gefragt, ob wir mit unseren Protesten das Land völlig zerstören wollen. Und ob ich von irgendwem Geld dafür bekomme, dass ich hier stehe."

Es sind genau diese Botschaften, die das staatliche Fernsehen verbreitet: Die Revolte richte das Land zugrunde, die öffentliche Ordnung, die Wirtschaft, die Sicherheit. In Wahrheit stecke eine vom Ausland finanzierte Verschwörung hinter den Protesten. Auf den Straßen tauchen sogar Flugblätter auf, auf ihnen steht: "Nein zu den Demonstrationen. Der Protest nützt niemanden. Kommt zur Ruhe und denkt dran: Im November sind doch sowieso Präsidentschaftswahlen." Bei vielen verfängt diese Propaganda immer noch. "Wohin soll das alles führen? Wir kommen nicht an unseren Monatslohn, weil die Banken geschlossen haben. Brot und Benzin gibt es auch kaum noch - und wenn, dann zu überzogenen Preisen", sagt ein Taxifahrer. Überall im Land haben die Menschen Angst vor Plünderungen und Vandalismus. Viele wünschen sich inzwischen die Sicherheit zurück, die in Ägypten bis vor einer Woche noch herrschte. Vor allem unter Arbeitern und älteren Bürgern wendet sich aus Furcht vor Anarchie und Chaos die Stimmung gegen die Proteste. Manche sagen sogar: "Mubarak ist ein alter Mann. Wie könnt ihr ihn so behandeln, habt ihr denn kein Mitgefühl?"

Noch nie waren sie so viele

Trotzdem geht der Aufstand ungebrochen weiter. Nicht nur in Kairo, sondern auch in Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes mit rund fünf Millionen Einwohnern. Dort ist das Stadtzentrum rund um die mächtige Ibrahim-Moschee in der Hand der Demonstranten, ebenso die Uferpromenade am Mittelmeer und "Abi Kiir", die zweitwichtigste Straße der Stadt. "Hier sind mindestens eine Million Menschen auf der Straße", sagt Radwa al Hissy. "Noch nie waren wir so viele."

Unter den friedlichen Demonstranten macht sich am Tag acht des Aufstands, immer mehr die Erwartung breit, dass das Ende des Diktators kurz bevor stehe. Die Opposition ist entschlossen: Wenn Mubarak nicht bis Freitag geht, dann wollen sie nach dem großen Gebet aufbrechen zum Marsch gegen den Präsidentenpalast, dem Zentrum des verhassten Regimes. "Besser, er sieht ein, dass es vorbei ist und geht vorher", sagen die Menschen in Kairo. Einen geeigneten Alterssitz für ihren greisen Diktator haben sie auch schon ausgeguckt: "Ya Mubarak, Ya Muburak - Israiil fi intitharak", singen sie: "Mubarak, Mubarak, Israel wartet schon auf dich."


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