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Proteste in Olympia: Tibet-Konflikt überschattet Olympia-Feier

Die Unruhen in Tibet haben auch vor der Entzündung der Olympischen Fackel nicht halt gemacht: Demonstranten störten die Zeremonie. IOC-Präsident Rogge verteidigte die Vergabe der Spiele nach China und lehnte einen Boykott ab. Statt dessen setzt er auf "stille Diplomatie".

Im griechischen Olympia haben pro-tibetische Demonstranten am Montag die Zeremonie zur Entzündung der Olympischen Fackel kurzzeitig unterbrochen. Trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen konnten einige Aktivisten die Polizeisperren in dem antiken Sportstadion überwinden. Ein Demonstrant mit einem Spruchband konnte bis zu dem Podium laufen, an dem gerade Chinas Olympia-Chef Liu Qi seine Rede hielt. Dann wurde der Aktivist von Sicherheitskräften gestellt und abgeführt.

Protest von Regie ausgeblendet

Die Polizei teilte kurz darauf mit, bei dem Mann handele es sich um einen 48-jährigen Tibeter. Weitere 25 Personen hätten versucht, in das Innere des Stadions zu gelangen. Die starke Präsenz der Sicherheitskräfte habe dies aber verhindern können. Insgesamt seien zunächst drei Personen festgenommen worden. Exil-Tibeter hatten im Vorfeld Proteste während der Zeremonie angekündigt. Sie fordern, dass die Region Tibet von dem Fackellauf ausgenommen wird.

Die Fernsehbilder, die unter Regie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) weltweit ausgestrahlt wurden, ließen den Schluss zu, dass das IOC den Protest möglichst ausblenden wollte. So war zwar zunächst zu sehen, wie der Demonstrant von hinten an das Podium heranlief, um offenbar neben Liu Qi sein Spruchband auszubreiten. Die Regie wechselte dann aber sofort in eine andere Perspektive, in der Zuschauerränge und Teile des Sportfeldes zu sehen waren.

IOC verteidigte Vergabe nach China

Auch dort war allerdings am rechten Bildrand zu sehen, wie Polizeikräfte zum Ort des Geschehens eilten. Daraufhin machte die Kamera einen Schwenk nach links und schließlich wechselte die Regie nochmals das Bild und zeigte nun nur noch Fahnen schwenkende Zuschauer der Zeremonie. Kurz darauf wurde dann wieder das Podium gezeigt, an dem Chinas Olympia-Chef seine Rede fortsetzte. Er zeigte sich unbeeindruckt von dem Vorfall. "Die Olympische Flamme wird Licht und Freude, Friede und Freundschaft sowie Hoffnung und Träume über das chinesische Volk und die ganze Welt bringen", sagte er.

In Tibets Hauptstadt Lhasa waren jüngst Proteste gegen die chinesische Herrschaft in Gewalt umgeschlagen. Dabei starben nach offiziellen chinesischen Angaben ein Polizist und 18 Zivilisten, Tibets Exil-Regierung spricht dagegen inzwischen von 130 Toten durch das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte. Nach der Niederschlagung des Aufstands drängten Menschenrechtsgruppen das IOC auf eine harte Haltung gegenüber China. Das IOC hält aber am Fackellauf durch Tibet fest.

"Das Glas ist halb voll"

Gleichzeitig wehrte sich IOC-Präsident Jacques Rogge gegen den Eindruck, seit der Vergabe der Olympischen Spiele an Peking habe sich die Menschenrechtslage in China verschlechtert. "Ich bestreite das", sagte Rogge am Montag vor des Entzündung des olympischen Feuers im antiken Olympia. "Die Vergabe der Olympischen Spiele nach China hat China ins Rampenlicht gebracht", erklärte Rogge. "Tibet ist zu Recht auf den Frontseiten (der Zeitungen). Es wäre aber nicht auf der ersten Seite, wenn die Spiele nicht in China vorbereitet würden." Weiter sagte Rogge: "Ich glaube, dass die Spiele die Agenda der Menschenrechte vorangebracht haben. Ist die Lage vollkommen? Auf keinen Fall. Hat sie sich verbessert? Ich sage ja. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Ich sage, es ist halb voll."

Für einen Boykott der Spiele gebe es "keinen glaubwürdigen Impuls", erklärte der IOC-Präsident. "Die wichtigen Regierungen wollen ihn nicht, die Sportgemeinschaft will ihn definitiv nicht, und ich bin sicher, die öffentliche Meinung will ihn auch nicht." Das IOC habe gewusst, dass es wegen der Vergabe der Spiele an Peking Diskussionen geben werde. "Wir sind nicht naiv. Wir wussten, dass im letzten halben Jahr (vor den Spielen) die Diskussionen aufflammen würden und das ist geschehen. Wir können einem Fünftel der Menschheit nicht die Vorteile des Olympismus verweigern. Wir glauben, dass die Spiele den Wandel beschleunigen und ein Land öffnen werden, das einem Großteil der Welt mysteriös ist."

"Spiele werden Wandel beschleunigen"

Das IOC diskutiere mit der chinesischen Regierung in "stiller Diplomatie" die Lage in Tibet sowie Menschenrechtsfragen, sagte Rogge. Das IOC sei aber eine Sportorganisation und könne nicht mehr machen, als sich dem Appell von Staats- und Regierungschefs in aller Welt anschließen, den Konflikt friedlich zu lösen. Er werde im kommenden Monat ein Gespräch mit Ministerpräsident Wen Jibao über verschiedene Themen führen. Rogge rief Demonstranten entlang der Route des olympischen Fackellaufs nach Peking auf, keine Gewalt anzuwenden. "Der Fackellauf ist ein Friedenssymbol, ein Symbol der Einheit der Völker der Welt und der olympischen Waffenruhe", sagte Rogge. "Wir rufen alle auf, keine Gewalt anzuwenden. Ich denke nicht, dass die öffentliche Meinung Gewalt bei so einem Ereignis akzeptieren würde."

AP/DPA / AP / DPA