Prozess Saddam lässt Anklage kalt


Schuldig oder unschuldig? Keine Frage für den ehemaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein: Als "Präsident" des Irak genieße er Immunität, gab Saddam nun vor Gericht zu Protokoll und erntete richterliches Kopfschütteln.

Iraks Ex-Machthaber Saddam Hussein hat vor dem Sondertribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erneut die Nerven verloren. Nachdem ihm in Bagdad die nach sieben Monaten Prozessdauer fertig gestellte Anklageschrift Wort für Wort verlesen wurde, lieferte er sich ein Wortgefecht mit dem Richter. Saddam weigerte sich zunächst empört, auf schuldig oder unschuldig zu plädieren. Danach berief er sich auf seine vermeintliche Immunität als Präsident. Der Vorsitzende Richter Rauf Abdel Rahman erwiderte kühl: "Das waren Sie, aber jetzt nicht mehr."

Saddam erschien in einem dunklen Anzug im Gerichtssaal und umklammerte während der Verhandlung eisern einen Koran. Die Verlesung der Anklage quittierte er zunächst mit einem Lächeln, bevor es aus ihm herausfuhr: "Diese Stellungnahme kann mich nicht beeinflussen und mir kein Haar krümmen. Mir geht es um das irakische Volk und um mich selbst."

Nachdem Saddam sich weigerte, zu der Anklage Stellung zu nehmen, gab der Richter im Namen des Angeklagten zu Protokoll, er plädiere auf unschuldig. Nach seinem kurzen Wutausbruch beruhigte sich der frühere Machthaber wieder und plauderte während der Mittagspause sogar kurz mit dem Chefankläger.

Die von Rahman verlesene Anklage macht Saddam für die Ermordung von 148 Schiiten und die Folter von hunderten weiterer Bewohner des schiitischen Dorfes Dudschail im Jahr 1982 verantwortlich. Die Gräueltat gilt der Anklage als Racheakt der damaligen irakischen Führung, da in dem Dorf ein Attentat auf Saddam verübt worden war. Saddam habe Militär und Sicherheitskräften Anweisung für den "organisierten Angriff" auf das Dorf gegeben, der mit verschiedenen Waffen sowie Hubschraubern und Flugzeugen ausgeführt worden sei. Zudem seien gefangene Dorfbewohner anschließend mit Elektroschocks und Schlägen gegen den Kopf gefoltert worden. Auch Kinder seien nicht verschont worden, heißt es in der Anklageschrift.

Saddam droht die Todesstrafe

Dem 69-Jährigen Ex-Präsidenten droht bei einer Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Todesstrafe. Die Staatsanwaltschaft hat zudem die Vorbereitungen für ein zweites Verfahren wegen des Völkermordes an den Kurden abgeschlossen und dem Gericht vorgelegt.

Vor dem Sondertribunal sind sieben weitere Iraker aus der früheren Führungsriege des Golfstaats angeklagt. Sie plädierten auf unschuldig oder wurden vom Richter wie im Fall Saddams auf diese Formulierung festgelegt, nachdem sie die Zuständigkeit des Gerichts angezweifelt hatten. Saddams Halbbruder, der frühere Geheimdienstchef Barsan al Tikriti, erwiderte dem Richter: "Was Sie da vorlesen, sind doch nur Lügen."

Alastair Macdonald/Reuters Reuters

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