Radovan Karadzic Karadzic zieht Vergleich zu Prozess um Reichstagsbrand 1933


Manche halten Radovan Karadzic für geltungssüchtig, selbstverliebt und auch ein wenig verrückt. Aber nicht doch, sagt sein Rechtsberater, der US-Anwalt Peter Robinson. «Freundlich und sympathisch» sei der einstige Führer der bosnischen Serben. «Er hat Humor, ist schlau und hat Interessantes zu sagen.»

Manche halten Radovan Karadzic für geltungssüchtig, selbstverliebt und auch ein wenig verrückt. Aber nicht doch, sagt sein Rechtsberater, der US-Anwalt Peter Robinson. «Freundlich und sympathisch» sei der einstige Führer der bosnischen Serben. «Er hat Humor, ist schlau und hat Interessantes zu sagen.» Nun hat der wegen Völkermordes Angeklagte einmal mehr für Verblüffung gesorgt: Er boykottiert seinen eigenen Prozess, der am Montag beginnen soll. Als einen Grund nennt er allen Ernstes, das Verfahren vor dem UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sei längst nicht so «fair» wie 1933 der Prozess um den Reichstagsbrand.

Immerhin habe damals der als einer der Drahtzieher angeklagte bulgarische Kommunistenführer Georgi Dimitrow «die Möglichkeit gehabt, seine Wahrheit vor Hitlers Nazi-Gericht zu verteidigen» und sei dann freigesprochen worden. Ihm hingegen wolle die UN-Justiz keine Chance geben. Karadzic stellt sich als Opfer einer Verschwörung gegen den serbischen Nationalismus dar - durch «die NATO und die großen Mächte, die eine aktive Rolle in Kriegen gegen Serbien spielten und diese ganze Übung und die große Hast in meinem Fall unterstützen».

Viel zu wenig Zeit sei ihm für die Vorbereitung seiner Verteidigung gegeben worden, argumentiert Karadzic. Unsinn, sagt Chefankläger Serge Brammertz. In 15 Monaten Untersuchungshaft habe es der Angeklagte immerhin geschafft, mehr als 300 Anträge und Eingaben zu verfassen. Doch Karadzic macht nun geltend, es gehe schließlich um «den größten, komplexesten, wichtigsten und sensibelsten Fall, der jemals vor diesem Tribunal» eröffnet worden sei.

Dass vor eben diesem Strafgerichtshof bereits der Marathon-Prozess gegen Karadzics politischen Ziehvater, den einstigen Präsidenten Jugoslawiens Slobodan Milosevic, stattfand, erwähnt der Angeklagte nicht. Muss er auch nicht. Den Richtern und Staatsanwälten am Haager Jugoslawien-Tribunal ist auch so bewusst, wie hoch weltweit die Erwartungen sind. Vor mehr als drei Jahre starb Milosevic in seiner UN-Zelle. Da hatte sich dessen Völkermord-Prozess bereits vier Jahre hingeschleppt, ohne dass ein Ende absehbar war.

Rein juristisch muss Milosevic mangels Urteil als unschuldig gelten. Dieser Schatten lastet auf dem Tribunal. Auch deshalb wollten viele Menschen auf dem Balkan im Fernsehen das Gesicht Karadzics beobachten, wenn die Anklagepunkte gegen den einstigen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik vorgetragen werden: Völkermord an Muslimen und Kroaten in etlichen Orten Bosnien-Herzegowinas, die von Serben beansprucht wurden, Völkermord durch Massaker in Srebrenica, Morde, Massenvergewaltigungen, Deportationen, Terrorakte, Verfolgung von Menschen aus politischen, rassischen und religiösen Gründen.

Milosevic hatte den 1993 von den Vereinten Nationen eingesetzten Gerichtshof nie als rechtmäßig anerkannt. Er verteidigte sich selbst - wie auch Karadzic mit Hilfe etlicher Berater - und scherte sich kaum um Prozessvorschriften. Doch immerhin stellte er sich dem Tribunal und den Kameras. Wann Karadzic seine Zelle im UN-Gefängnis zu verlassen und dem Prozess beizuwohnen gedenkt, ließ er offen. «Sobald ich dazu bereit bin, werde ich das Gericht und die Staatsanwaltschaft mit einigen Wochen Vorlaufzeit informieren.»

DPA DPA

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