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Dank türkischen Whistleblowers: Russische Zeitung prophezeite Abschuss durch Türkei - vor einem Monat

"Erdogan will russische Flugzeuge abschießen!" So lautete die Warnung, die einer russischen Zeitung im Oktober zugespielt wurde. Der Informant: ein türkischer Whistleblower, der nicht zum ersten Mal Recht behielt.

Ein Video vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt.

Der Moment, als ein russisches Kampfflugzeug in Syrien getroffen wird: Ein türkischer Whistleblower warnte noch im Oktober vor dem Abschuss russischer Maschinen durch die Türkei.

"Der türkische Präsident Erdogan hat vor, russische Flugzeuge in Syrien abzuschießen, um die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei an den Rand des Krieges zu bringen." So lautet die erste Zeile einer Kolumne in der russischen Zeitung "Komsomolskaja Prawda". Das Erstaunliche: Der Beitrag wurde am 19. Oktober publiziert, sechs Wochen, bevor die Türkei tatsächlich ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Grenzgebiet abschoss. Israel Shamir heißt der prophetische Kolumnist. Seine Hauptquelle ist der türkische Whistleblower mit den Pseudonym Fuat Avni, der für die Preisgabe geheimer Interna aus der AKP-Parteiführung und dem direkten Umfeld des türkischen Staatspräsidenten berüchtigt ist. 

Den Informationen von Fuat Avni, aber auch anderer Quellen, zufolge sollte der Abschuss russischer Flugzeuge, der Festigung von Erdogans Macht dienen. Ganz nach dem Motto: Nichts stärke die Position eines Diktators mehr als ein äußerer Feind. "Unsere Quellen in der Türkei glauben, dass Erdogan, getrieben von einer begründeten Furcht vor einer Niederlage im Wahlkampf, bereit ist, sein Land in Kriegshysterie zu stürzen, indem er russische Flugzeuge in Syrien abschießt. Und zwar unter dem Vorwand, sie würden den türkischen Luftraum verletzen", heißt es in der Kolumne.

Whistleblower bewährte sich als zuverlässiger Informant

Die warnenden Informationen erreichten die gemäßigt Kreml-kritische Zeitung knapp zwei Wochen vor der türkischen Parlamentswahl am 1. November 2015, aus der Erdogans Partei AKP als Sieger hervorging. Und obwohl die Zeitung angibt, die Informationen weitergeleitet zu haben, auch an internationale Medien, nahm offenbar niemand die Warnung  ernst. Auch die "Komsomolskaja Prwada" selbst zitierte, begleitend zu der prophetischen Kolumne, einen Experten, der ein solches Szenario als unrealistisch abtat.

Dabei bewährte sich der Whistleblower Fuat Avni in der Vergangenheit als zuverlässiger Informant. Im Dezember 2014 sagte er zum Beispiel die Festnahme von Regierungskritikern und Journalisten voraus. Er nannte nicht nur den genauen Zeitpunkt der Polizeiaktion, sondern veröffentlichte auch eine Liste mit Namen. Und tatsächlich wurden nur wenige Zeit später mehrere Reporter festgenommen - unter dem Vorwand, sie hätten sich am Aufbau einer Terrororganisation beteiligt.

Maulwurf im direkten Umfeld von Erdogan?

Außerdem waren es die Veröffentlichungen von Fuat Avni, die den Korruptionsskandal in der Türkei 2013 ins Laufen brachten. Damals wurden zahlreiche Personen aus dem engsten Umfeld der Regierungspartei AKP festgenommen. 

Anfang 2015 kündigte Fuat Avni die Festnahme von Polizisten an, denen vorgeworfen wurde, illegal Telefongespräche unter anderem von Erdogan und Premierminister Ahmet Davutoglu mitgeschnitten zu haben. Jüngst warnte der Whistleblower vor geplanten Repressionen gegen kritische türkische Medienhäuser. Und auch diese Informationen bestätigten sich. 

Wer hinter dem Pseudonym Fuat Avni steht ist nicht bekannt. "Klar ist, dass es entweder jemand aus dem direkten Umfeld von Erdogan ist oder jemand mit einem sehr direkten Draht zu einem seiner engsten Berater", sagte ein türkischer Abgeordneter, der namentlich nicht genannt werden wollte gegenüber dem "Spiegel". "Er muss sich sehr sicher fühlen, denn nach ihm wird mit Sicherheit mit Hochdruck gesucht."