Russland-Experte Roth "Medwedew ist Putins Geschöpf"


Wer ist Dimitri Medwedew, der neue russische Präsident? Er sei ein Geschöpf Putins, sagt Russland-Experte Thomas Roth im stern.de-Interview. Und ein Mann, der für die Nichtaufklärung von Morden verantwortlich gewesen sei.
Von Martin Krebbers

Nikita Chrustschow hämmerte bei den Vereinten Nationen wutentbrannt mit seinem Schuh auf das Rednerpult. Boris Jelzin tanzte wodka-selig bei offiziellen Anlässen. Wladimir Putin ließ sich oben ohne beim Angeln in der Wildnis fotografieren. Wie wird sich Putins Nachfolger Dimitri Medwedew präsentieren - und welche Macht hat er eigentlich? Am 7. Mai wird Medwedew in sein Amt als Präsident Russlands eingeführt. Aber der ARD-Moskau-Korrespondet Thomas Roth hat große Zweifel daran, dass Medwedew eine eigenständige Politik betreiben wird. Roth, Autor des neuen Sachbuches "Russland: Das wahre Gesicht einer Weltmacht" sagt im Interview mit stern.de: "Der prägende Mann - mindestens in den nächsten ein, zwei Jahren - wird Putin bleiben. Medwedew ist von ihm völlig abhängig, er ist sein Geschöpf."

Schon lange bewegt sich Medwedew im engsten Kreis Putins. Ob als dessen Büroleiter, als Verwaltungschef im Kreml oder als Aufsichtsrat beim Energieriesen Gazprom. Bislang hielt er sich im Hintergrund. "Er war eher ein grauer Bürokrat, allerdings ein einflussreicher, der in der Öffentlichkeit kaum außerhalb von Gazprom, deren Aufsichtsratschef er war, aufgetreten ist. Er ist also ein klassischer Mann der zweiten Reihe, er kommt aus einer sowjetischen Intellektuellenfamilie." Thomas Roth billigt Medwedew einen Hauch von Liberalität zu - aber eben auch nur einen Hauch. "Er war ja gestaltend am System Putin beteiligt", sagt Roth. "Als stellvertretender Vizepremier war er verantwortlich für die weitgehende Abschaffung von Pressefreiheit zum Beispiel, zuständig auch für das Nichtaufklären von Morden."

Der informelle Weg

Wladimir Putin musste sein Amt abgeben, weil es die Verfassung verbietet, als Präsident drei Amtszeiten in Folge zu absolvieren. Das Gesetz schreibt allerdings nicht vor, was ein Ex-Präsident zu tun hat. Putin ist zu jung, um Golf zu spielen und zu gerne an der Macht, um Unicef-Botschafter zu werden. Ihn zieht es auf die russische Regierungsbank, wo er als Ministerpräsident bald mächtiger sein wird als seine Vorgänger. In Russland, sagt Thomas Roth, "zählt der informelle Weg sehr viel. Die eigentliche Macht liegt bei Putin. Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Präsident etwas anweist, was Putin nicht will." Wie diese Doppelspitze ihre Rollen aufteilt, ist bislang unbekannt. "Die beiden haben sicher eine Absprache", sagt Roth. Ein hochrangiger Diplomat habe ihm gesagt, dass nur ein sehr kleiner Kreis in die Absprachen eingeweiht sei.

Ob diese Konstellation stabil bleibt? Russische Beobachter halten es für möglich, dass Putin nach einer Schamfrist doch noch mal für das Amt des Präsidenten kandidiert. "Medwedew wird dann vielleicht krank oder findet einen besseren Job oder so. Who knows?", sagt Roth. Russland rutscht unterdessen in eine Phase sozialer Spannungen. Rentner demonstrieren für mehr Geld, Autofahrer gegen hohe Benzinpreise. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in der ehemaligen Sowjetrepublik noch weiter auf als in den meisten anderen Ländern. Formell ist der neue Ministerpräsident Putin dafür zuständig, diese Probleme zu lösen. In der Öffentlichkeit werden sie jedoch wohl eher Präsident Medwedew angelastet. Auch das mag ein geschickter Schachzug Putins sein: Er muss nicht mehr für alles den Kopf hinhalten. Nicht einmal für die Probleme, die aus seinen beiden Amtszeiten resultieren.


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