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Russland: Polen beziehen Prügel

Das ohnehin schwierige polnisch-russische Verhältnis ist nach einer Serie von Überfällen auf polnische Bürger und Diplomaten in Moskau stark getrübt. Manch einer der Opfer ist überzeugt, dass die Schläger Profis waren.

Pawel Reszka, seit zwei Jahren Moskauer Korrespondent der polnischen Zeitung "Rzeczpospolita", wollte nur kurz Zigaretten holen. Er hatte seine Wohnung kaum verlassen, als eine Gruppe von Männern ihn plötzlich von hinten angriff und auf ihn einschlug. Das schmerzhafte Erlebnis erinnerte Reszka fatal an die Vorfälle, über die er in den vergangenen Tagen den Lesern in der Heimat berichtet hatte. Denn innerhalb von fünf Tagen wurden drei polnische Diplomaten in Moskau zusammengeschlagen.

Dass eine solche Serie kein Zufall sein kann, vermuten viele. In einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung betonte die polnische Botschaft in Moskau, das Szenario des jüngstens Zwischenfalls erinnere deutlich an die Überfälle auf die Diplomaten. "Die Beschreibung der Täter ist identisch, und es bleibt kein Zweifel offen, dass sie gut organisiert und vorbereitet waren." Reszka ist überzeugt, dass die Schläger Profis waren.

Brief an Putin

Angesichts der Serie der Überfälle auf Polen schrieb der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski aus dem Urlaub an seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin, er sei "zutiefst beunruhigt". Wie schon zuvor das polnische Außenministerium forderte auch Kwasniewski einen besseren Schutz für die polnischen Diplomaten in Russland und eine schnelle Aufklärung der Vorfälle. Kwasniewski sprach von gefährlichen Zwischenfällen, die einer "Eskalation der Vorurteile" Vorschub leisten könnten. Wie Kwasniewskis Büro mitteilte, äußerte Putin sein Bedauern über die Zwischenfälle und versprach, alles zu tun, um die Schuldigen zu finden und zu bestrafen. Zugleich verurteilte Putin Übergriffe gegen russische Bürger in Polen.

"Wir erwarten eine eingehende Untersuchung", sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. "Wir bedauern jede Form von verbrecherischen Handlungen". Er bezeichnete jedoch die Überfälle in der russischen Hauptstadt als "eine eindeutig bilaterale Frage zwischen Polen und Russland". Inzwischen sichern nicht mehr zwei, sondern fünf Milizbeamte die polnische Botschaft in Moskau. Ein Polizeifahrzeug ist rund um die Uhr vor dem Botschaftsgebäude postiert - immerhin wurde einer der krankenhausreif geprügelten Diplomaten ganz in der Nähe der Botschaft überfallen.

"Irgendjemand in Moskau ist daran interessiert, dass sich die polnisch-russischen Beziehungen verschlechtern" sagte der polnische Außenminister Daniel Adam Rotfeld bereits nach dem dritten Angriff auf Diplomaten. Er sei zwar überzeugt, dass das russische Außenministerium keine derartige Verschlechterung anstrebe, "aber es gibt eine Grenze der Toleranz bei solchen Vorfällen". Rotfeld vermutete nationalistisch-konservative Kräfte, die nicht an guten Beziehungen zu Polen interessiert seien.

Auffällig ist zudem, dass die "Diplomatenjagd" eröffnet wurde, nachdem Anfang August in einem Warschauer Park drei russische Teenager, Kinder russischer Botschaftsangehöriger, von einer Gruppe Polen überfallen und ausgeraubt worden war. Das russische Außenministerium und Putin selbst forderten eine offizielle Entschuldigung Polens. Damals bedauerte das polnische Außenministerium den Vorfall, legte aber Wert darauf, dass der Überfall keinen antirussischen Hintergrund habe. Die Jugendlichen, die Bargeld und Handys einbüßten, seien Opfer gewöhnlicher polnischer Straßenräuber geworden.

Riskantes Moskauer Straßenleben

Da in Polen Wahlkampf herrscht, ist es wohl nur der allgemeinen Urlaubszeit zu verdanken, dass antirussische Töne in Warschau bisher eher gedämpft sind. Jeder neue Vorfall könnte jedoch schon bald auf laute Reaktionen an der Weichsel stoßen. Der polnische Botschafter Stefan Meller, der die polnisch-russischen Beziehungen pflegen und die Gesundheit seiner Mitarbeiter sichern will, hat bereits angeordnet, dass die Diplomaten sich vorerst nur noch in Ausnahmefällen ins zunehmend riskante Moskauer Straßenleben wagen sollen.

Die Beziehungen zwischen Russland und Polen sind derzeit auch wegen der Haltung Warschaus gegenüber Weißrussland angespannt. Polen dringt auf demokratische Reformen in dem von Präsident Alexander Lukaschenko autokratisch regierten Nachbarland. Lukaschenko genießt aber die Unterstützung Putins.

Eva Krafczyk/DPA / DPA