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Irakischer Diktator: Muffins und Mary-J.-Blige-Songs: Die letzten Tage von Saddam Hussein

"Wir sollten ihn töten", scherzten US-Soldaten, als sie im Sommer 2006 von ihrem neuen Auftrag erfuhren: Sie sollten Saddam Hussein bis zu seiner Hinrichtung bewachen. Als die Männer Hussein vier Monate später zum letzten Mal sahen, hatten einige Tränen in den Augen. Was war geschehen?

Saddam Hussein wurde am 30. Dezember 2006 hingerichtet

Saddam Hussein wurde am 30. Dezember 2006 hingerichtet

Am 26. Dezember 2006 stand unwiderruflich fest: Saddam Hussein wird exekutiert. Schon am 5. November hatte ein Gericht Hussein wegen eines Massakers an 148 Schiiten in den 80er-Jahren in erster Instanz zum Tod verurteilt. Iraks höchstes Berufungsgericht bestätigte kurz nach Weihnachten das Todesurteil.  Iraks ehemaliger Präsident, Diktator, Massenmörder sollte innerhalb der nächsten 30 Tagen durch den Strick hingerichtet werden. 

Das Todesurteil für Saddam Hussein war vieles - und für jede der involvierten Seiten etwas anderes. Für Amerikas Präsident George W. Bush ein "Meilenstein", für die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice ein "Triumph des Gesetzes", für Amnesty International kein Ergebnis eines "fairen Prozesses", für die Verteidigung des Ex-Diktators "Ausdruck von Siegerjustiz". Nur eines war das Urteil nicht: überraschend.

Tatsächlich gab es in jenem eiskalten Winter im Irak kaum noch eine Menschenseele, die wirklich ernsthaft glaubte, der gestürzte Staatschef könne dem Galgen doch noch irgendwie entkommen. Auch Steve Hutchinson und Adam Rogerson taten es nicht. Die beiden US-Soldaten gehörten damals zur Einheit der "Super Twelve", die Hussein während des Mordprozesses im Tribunalsgebäude und im Gefängnis, einem ehemaligen Palast, bewachte.


Soldat: "Mehr so wie ein Großvater"

"Wir sollten ihn töten", hatten noch einige der "Super Twelve" gescherzt, als sie im Sommer 2006 von ihrem neuen Auftrag erfuhren. Einfach töten, jenen Mann, der den Tod so vieler Menschen angeordnet und Kriege angezettelt hatte, der einmal gesagt haben soll: "Ich hoffe, Amerika schickt seine Armee und besetzt den . Ich wünsche mir, sie würden es tun, dann könnten wir alle Amerikaner töten. Wir würden sie grillen und essen."

Doch einfach wurde nichts in den kommenden 16 Wochen im Irak. Nach dem Berufungsprozess kurz nach Weihnachten 2006 sollte Adam Rogerson sagen: "Ich sage mir: 'Scheiße, da sind massenhaft tote Menschen, er hat eine gesamte Stadt umgebracht. Ich hatte ihn nie so gesehen. Weil er zu mir ganz anders war. Er war mehr so wie ein Großvater."

Rund vier Monate liegen zu diesem Zeitpunkt hinter Rogerson und den anderen von "Super Twelve", vier Monate, sieben Tage pro Woche, 24 Stunden pro Tag - mit ihm, dem sunnitischen Massenmörder. Für sollten es die letzten Monate, Tage und Stunden seines Lebens werden, für die Soldaten Momente, die, wenn nicht alles, dann doch vieles in ihren Leben veränderten.

Nacherzählt wird diese Zeit jetzt im Buch "The Prisoner in his Palace" von Will Bardenwerper, erschienen Anfang Juni. Bardenwerper, selbst ehemaliger Soldat, sprach dafür mit Funktionären, Soldaten, Spionen und Anwälten, führte über 100 Interviews. Darus entstand ein Buch mit knapp 300 Seiten, größtenteils Fließtext, Zitate sind selten. Die Soldaten durften keinerlei Notizen führen, über das, was sie taten, was sie sahen, was sie hörten und was sie dachten. Ihre Mails wurden überprüft, kein Wort zu niemandem. Das US-Magazin Newsweek veröffentlichte jetzt einige Auszüge aus dem Buch.


Hussein qualmte Zigarren und hatte eine Schwäche für Muffins

Den Kontakt mit Saddam Hussein beendeten die Soldaten nach Darstellung von Bardenwerper zunächst schnell mit einem "Yes, sir" oder "No, sir." Die "Super Twelve" sollten nicht mit dem "Vic", dem "very important crimininal", reden. Sie sollten lediglich alles dafür tun, den Diktator vor Anschlägen zu schützen und bei guter Laune zu halten. Niemand sollte auch nur auf die Idee kommen können, Hussein würde möglicherweise in Haft misshandelt. Denn nur ein Hussein in guter Verfassung garantiere einen möglichst reibungslosen Verlauf des Mordprozesses, glaubte man damals. Das Ergebnis dieser Haltung waren Szenen, die aus heutiger Sicht bizarr anmuten können.

So rauchte Hussein laut Darstellung Bardenwerpers in Gefangenschaft Cohiba-Zigarren - die Vorliebe für die Zigarren habe er Fidel Castro zu verdanken, hatte der Diktator offenbar erklärt - und schaute "Die Passion Christi". Hussein hielt sich ein kleines Fahrrad, das er "Pony" nannte, und einen kleinen Ofen namens "Feuer". Hussein schnarchte. Hussein zog Grünpflanzen in dem kleinen Flecken Erdreich vor seiner Zelle, nur Grünzeug, aber immerhin. Und Hussein aß offenbar liebend gerne Muffins und hatte zudem eine Schwäche für Songs von Mary J. Blige.

Hussein wird erhängt - Soldaten mit Tränen in den Augen

Die Soldaten wussten schon zu Beginn ihrer neuen Aufgabe: Es ist eine schlechte Idee, sich emotional zu sehr auf Gefangene einzulassen, schreibt Bardenwerper. Doch irgendwann, wenn man 24 Stunden aufeinander hocke, schmelze das Eis dann doch. Kurz vor Weihnachten habe der Soldat Rogerson Hussein Duftkerzen, die ihm seine Frau aus den USA geschickt hatte, geschenkt. Hussein habe Gedichte ins Wachs geritzt und eine der Kerzen den "Super Twelve" zurückgegeben. Darauf ein paar Worte auf Arabisch, die Hussein folgendermaßen übersetzte: Er wünsche sich, die Soldaten könnten Weihnachten zuhause bei ihren Familien verbringen anstatt ihn hier im Irak bewachen zu müssen.

Knapp eine Woche nach dieser Episode wurde Saddam Hussein an den Galgen geführt. Abgesehen von einem weißen Hemd und dem silbergrauen Bart war Iraks Diktator ein Bündel in schwarz. Als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, brachen die Bilder ab. In einem Militärwagen vor dem ehemaligen Folterzentrum saßen die Soldaten, die  den irakischen Massenmörder in seinen letzten Tagen bewacht hatten. Einige, schreibt Bardenwerper, hatten Tränen in den Augen. 


pg

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