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Scharia: Zur Steinigung verurteilte Mutter freigesprochen

Die zum Tode durch Steinigung verurteilte Nigerianerin Amina Lawal ist vom Vorwurf des Ehebruchs freigesprochen worden.

Die zum Tode durch Steinigung verurteilte Nigerianerin Amina Lawal ist vom Vorwurf des Ehebruchs freigesprochen worden. Ein islamisches Berufungsgericht entschied am Mittwoch, die 31 Jahre alte Mutter habe nicht ausreichend Gelegenheit gehabt, sich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen. Lawal war im März 2002 verurteilt worden, weil sie mehr als zwei Jahre nach ihrer Scheidung eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Der Fall hatte international für Aufsehen gesorgt.

"Im Interesse des Kindes entschieden"

Das islamische Gericht sah in der Schwangerschaft einen Ehebruch, hatte aber "im Interesse des Kindes" entschieden, dass das Todesurteil frühestens zwei Jahre später vollstreckt werden sollte. Lawals Anwälte hatten argumentiert, das Kind sei noch vor der Einführung des islamischen Scharia-Rechts gezeugt worden sei. Am Donnerstag sprach das Berufungsgericht Lawal in der Stadt Katsina wegen Verfahrensfehlern frei.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International begrüßte den Freispruch der jungen Mutter. Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe zwischen zwei zustimmenden Partnern sei nach internationalen Menschenrechtsstandards kein Verbrechen, fügte Amnesty hinzu. In einer Erklärung fordert Amnesty die nigerianische Regierung zugleich zur Abschaffung der Todesstrafe auf: "Die Todesstrafe ist, auf allen Ebenen der Gesetzgebung Nigerias, einschließlich der Scharia, grausam, unmenschlich und entwürdigend."

In 12 der 36 Bundesstaaten gilt die Scharia

Das islamische Recht wurde in den vergangenen drei Jahren in 12 der 36 Bundesstaaten des afrikanischen Landes eingeführt. Seitdem wurde mehreren Dieben die Hand abgehackt und eine minderjährige Mutter öffentlich ausgepeitscht. Bislang ist jedoch noch kein Steinigungsurteil vollstreckt worden. Nigerias Präsident Olesegun Obasanjo hatte betont, dass eine Steinigung wegen Ehebruchs nicht der Verfassung entspreche.

Nach Lawals Verurteilung riefen Menschenrechtsorganisationen zu Unterstützungskampagnen und e-mail-Petitionen auf. Zahlreiche Politiker setzten sich für die Todeskandidatin ein, unter ihnen auch Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne). Der mutmaßliche Vater des Kindes hatte ein sexuelles Verhältnis zu Lawal bestritten. Das Gericht ließ daraufhin die Anklage gegen ihn fallen. Im ersten Prozess hatte Lawal keinen Rechtsanwalt gehabt. Ein erster Berufungsantrag, den sie mit Hilfe einer Frauenorganisation formulierte, war im vergangenen Jahr abgewiesen worden.

Ausschreitungen hatten Verlegung der Miss-World-Wahl zur Folge

Aus Protest gegen das Urteil sagten im vergangenen Jahr mehrere Schönheitsköniginnen ihre Teilnahme an der Wahl zur Miss World ab, die in Nigeria stattfinden sollte. Die schwelenden Spannungen in dem teils christlich, teils muslimischen Land entluden sich in blutigen Ausschreitungen. Mehr als 200 Menschen kamen ums Leben. Die Miss- World-Wahl wurde schließlich nach London verlegt.

Nach Informationen der Anwälte sind derzeit noch zehn weitere Menschen vor islamischen Gerichten wegen Ehebruchs angeklagt. Am Tag des Freispruchs für Lawal verurteilte ein islamisches Gericht im nigerianischen Bundesstaat Bauchi einen Mann wegen homosexueller Beziehungen zum Tod durch Steinigung.