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Schicksalsschläge: Haus des Grauens, Felder der Tränen

Spurensuche nach den Opfern von Saddams Terror-Herrschaft: In Bagdad kreuzen sich die Schicksalslinien von ehemals Mächtigen und Ohnmächtigen. Für die meisten gab es kein Entrinnen. Und wer doch entkam, blieb fürs Leben gezeichnet.

Drei Menschen in Bagdad. Einer liegt irgendwo unterm Sand. Einen haben sie als Haufen Knochen auf eine Plastikplane gelegt, während sein Bruder weinend in den Staub sank. Einer sitzt in seinem dämmrigen Haus, asthmakrank, angstzermürbt und schläft seit zwölf Jahren nur noch auf dem Steinboden. Vielleicht haben sich die Wege der drei gekreuzt, vielleicht auch nur die der beiden einfachen Soldaten. Der dritte war ein General aus der Beletage der Macht. Aber die Hölle öffnete sich für alle von ihnen.

Es war eine weite Reise von Nasiriya.

Mehrere hundert Kilometer aus dem Süden nach Bagdad. Und so haben die Männer in den beiden Autos vorsorglich Särge aufs Dach geschnallt, die sie zu Hause in der Moschee ausgeliehen haben. Seit drei Tagen sind sie nun in der Hauptstadt unterwegs: Männer aus zwei Familien auf der Suche nach ihren Brüdern. Jaber Fajr und Taher al-Hamdani waren Soldaten bei der Artillerie, Mitte 30, Anhänger von al-Dauwa, der schiitischen Widerstandsgruppe. Vielleicht hatten sie tatsächlich Anschläge geplant, vielleicht Flugblätter verteilt, vielleicht hatte auch nur ein Gefolterter ihre Namen preisgegeben in der irrigen Hoffnung auf Verschonung. 1986 und 1987 wurden sie nacheinander verhaftet. Und verschwanden spurlos. Bis Männer vom Geheimdienst bei ihren Familien auftauchten und gegen 30 Dollar Hinrichtungsgebühr einen Totenschein aushändigten.

Als Jaber und Taher starben, war Generalmajor Sabah Mohammed Sabri Befehlshaber der Artillerie im Südirak. 15 000 Mann unterstanden seinem Kommando. Nach dem Krieg gegen den Iran besaß er Häuser, Geld, Einfluss. Als er am Nachmittag des 20. Mai 1990 nach Hause kam, warteten zwei Männer in Zivil auf ihn: Er möge kurz mitkommen. Er stieg zu ihnen ins Auto. Durch ein Seitentor ging es ins Hauptquartier des Geheimdienstes - und General Sabri verschwand.

Immer wieder begegnen sich die zwei rollenden Särge: zuerst im Haus in der Haifa-Straße, wo Namen Hingerichteter ausliegen. Später dann in der Zentralstelle für vermisste Häftlinge im Stadtteil Kadhimiya, wo Männer mit heiserer Stimme seit Tagen Listen verlesen. Die Hinrichtungen von 1980, 1981 und 1987 sind präzise dokumentiert, aus anderen Jahren gibt es fast keine Unterlagen. Von Jaber und Taher finden sich schließlich die Namen und zwei Nummern, 24 und 688.

Aber auf welchem Gräberfeld? Allein in Bagdad gibt es drei. Überall im Irak wurden seit Beginn des Krieges Gefängnisse geöffnet und Gräber gefunden. Auf einem Militärstützpunkt im Süden des Landes nahe Basra entdeckten Briten Säcke mit Leichenteilen. Im Norden stießen Kurden auf Massengräber mit 2000 Leichen. Bei Najaf wurden 45 Leichen exhumiert.

Die Höflichkeit von Saddams Schergen währte bis zum Abend. Bis sie General Sabri mit verbundenen Augen in den zweiten Stock der Geheimdienstzentrale brachten und sich hinter ihm eine schwere Stahltür schloss: "Und dann brüllten sie: ,Verräter, Hurensohn, Hund!", schlugen auf mich ein, "Du willst unseren Präsidenten verraten?"" Nach einer Weile brachten sie ihn in ein rot gestrichenes Zimmer. Er war in der "roten Etage" gelandet, und wenn es in der Hölle noch eine Hölle gibt, dann war sie hier: Hier starb man nicht schnell. Hier starb man jeden Tag aufs Neue. Um drei Uhr morgens führten sie ihn mit verbundenen Augen ins Verhörzimmer. "Weißt du, mit wem du redest?", hörte er eine Stimme über sich. Es war Sabawi Hussein, jüngerer Halbbruder Saddams und Chef des Geheimdienstes, der befahl: "Gesteh!" Aber was, fragte der General, dessen Leben plötzlich kaum mehr sicherer war als das eines lästigen Insekts. "Es wird also länger dauern", erwiderte Sabawi: "Geht runter, wascht ihn!"

Mit leiser Stimme erzählt Sabri, was es bedeutete, "gewaschen" zu werden: Stundenlang schlugen ihn mehrere Männer mit schweren Gummikabeln. Ein elektrischer Viehtreiber wurde ihm in alle Körperöffnungen gestoßen, bis er bewusstlos war - und unter kaltem Wasser wieder zu sich kam, auf dass die Prozedur von vorn begann. Bis sie ihn ins Verhörzimmer zurücktrugen, wo Sabawi fragte: "Und? Gesteh!" Als Sabri stammelte, er wisse nicht, was man von ihm wolle, schüttelte sein Peiniger missbilligend den Kopf: "Das war keine gute Wäsche. Noch mal!"

So ging es Tage.

"Eines Morgens brachten sie mich in ein anderes Zimmer. Mit einem elektrischen Stuhl und einem Schrank genau in den Maßen eines Körpers und voller scharfer Klingen. Bewegte man sich, bohrten sie sich ins Fleisch." Sabri wollte sich nicht bewegen. Aber jedes Zucken trieb ihn in die Messer. Jede Stunde kam die Frage von draußen: "Gestehst du?" Zehn Stunden blieb er im Schrank, bis er als blutüberströmtes Bündel auf den Boden fallen durfte. Wieder Tage später kam er ins nächste Zimmer, wo sie ihn an Händen gefesselt aufhängten, und er brüllte: "Schreibt, was ihr wollt, ich werde unterschreiben." Damit waren sie aber nicht zufrieden: "Du musst gestehen, was du weißt!" Dreimal brachten sie ihn in den Keller, wo einem Gefangenen mit einer Eisenstange der Schädel eingeschlagen wurde. "Damit du siehst, was dir geschieht, wenn du nicht sprichst."

"Safina", das Schiff, nennen die Menschen in Bagdad das Hauptgebäude der einstigen Geheimdienstzentrale, und tatsächlich gleicht es mit seiner lang gezogenen Gestalt und den kleinen Fensteröffnungen den Decks eines Ozeanriesen. Auch auf dem Schiff des Grauens gab es Unterschiede. Verglichen mit der roten Etage war die gelbe Etage darüber das Sonnendeck: Hier gab es Licht, Gemeinschaftszellen und Hoffnung auf schnellen Tod oder Überleben. Sabri aber blieb in der roten Etage, Nr. 10. Er hat nie genau erfahren, warum überhaupt. Auf die Frage, ob es denn keine Möglichkeit gegeben habe, mit seinen Verwandten Kontakt aufzunehmen, gerät er in Rage: "Wie denn? Du warst wie auf einem Schiff mitten im Ozean. Du konntest niemanden erreichen, und niemand konnte dich finden."

Bis sie ihn nach 17 Monaten ebenso plötzlich,

wie er verschwunden war, freiließen: Sie gaben ihm seine Kleidung wieder, er durfte sich rasieren - und dann begrüßte ihn der neue Chef des Geheimdienstes mit Lachen und Handschlag: Ein Missverständnis sei vorgefallen. Es gab ein Mittagessen, der Mann rief sogar bei Sabri zu Hause an, sagte seiner Frau, sie könne ihren Mann sprechen. "Wir kennen niemanden, der so heißt", sagte sie angstbebend und legte auf. Am frühen Nachmittag des dritten Tages treffen sich die Angehörigen von Taher und Jaber mit ihren Särgen schließlich am Gräberfeld des Gefängnisses von Abu Ghraib westlich von Bagdad. Hier wurden 50 000 Gefangene festgehalten, heißt es, Tausende umgebracht. Haji Khaled, früher gefürchtet als oberster Totengräber, hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Heute wenden sich die Menschen hilfesuchend an ihn, er allein weiß, wo die Opfer der Henker liegen. Tahers Bruder fuchtelt verzweifelt mit seiner Nummer 688. Das Grab 689 hat er gefunden, aber dann erst wieder 676 und 693. Haji Khaled schüttelt den Kopf: "Der liegt hier, aber in einem der Massengräber." Nichts zu machen. Stumm dreht sich der Bruder um. Jabers Verwandte haben unterdessen Grab Nr. 24 gefunden. Und beginnen zu graben, erst eilig, dann immer vorsichtiger.

Bis Knochen auftauchen, zerfallene Kleidung, die Kuppe eines Schädels. Mit einem Schrei geht Juma, der Bruder des Toten, zu Boden, Schmerz krümmt seinen Körper. General Sabri auf seinem Sofa schüttelt den Kopf: Nein, niemandem außer seiner Frau habe er in all den Jahren erzählt, was geschah. Die alten Freunde mieden ihn wie einen Aussätzigen, "alle hatten Angst, und auch ich hatte Angst vor jedem". Jahrelang wurde er noch überwacht, wusste nie, wer Freund, wer Spitzel war. Er existierte weiter in seiner Zelle aus Furcht und Einsamkeit, so wie all die anderen, die nach Wochen, Monaten, Jahren wieder auftauchten. Aber aller Mut, alles Selbstvertrauen war ihnen genommen.

Es ist später Nachmittag auf dem Gräberfeld von Abu Ghraib. Jaber Fajrs Knochen wurden behutsam auf die Plastikfolie gelegt, die letzten Fingerknöchel hat der Totengräber aus dem Sand gesucht. Nun liegt die Folie im Sarg, neben dem Jabers Bruder steht mit müdegeweinten Augen. Ihm sei nichts mehr zu nehmen gewesen, "das haben die vor 17 Jahren getan". Er schweigt, ich schweige, nur die Grillen sind zu hören.

Und nun? Ja, es gehe ihm besser jetzt, wenigstens habe er etwas zurückbekommen. Seinen Bruder. Was von ihm übrig blieb.

Christoph Reuter / print