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Schließung des staatlichen Senders ERT: Griechenland sieht schwarz

Am Morgen wurde das Aus angekündigt, 16 Stunden später der Sendemast gekappt. Die Athener Regierung hat in einem beispiellosen Alleingang den Staatssender ERT geschlossen. Das Land ist geschockt.

Ein Gastbeitrag von Natalia Sakkatou, Athen

Kurz vor elf Uhr abends rückte die Bereitschaftspolizei in die Messogion Straße ein. Hier, im Athener Stadtteil Hagia Paraskevi, sitzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk Griechenlands, ERT. Um 23 Uhr kappten die Männer den Hauptsendemast und der Sender verschwand von der Bildfläche. Und mit ihm: Deutsche Welle, BBC, RIC aus Zypern und das französische TV 5. Immerhin gingen die anderen staatlichen Auslandsprogramme zwölf Stunden später wieder auf Sendung. ERT nicht. Bis auf weiteres.

Die Ankündigung, dass ERT geschlossen werden würde, wurde am Dienstag, um 7 Uhr morgens vom griechischen Regierungssprecher Simos Kedigoglou verkündet. Es war eine einsame Entscheidung der konservativen Regierungspartei Nea Demokratia. Nicht mal die Koalitionsparteien waren informiert, genauso wenig wie die Öffentlichkeit und die 2656 Angestellten. Sie stehen nun auf der Straße. Immerhin wurden sie mit Geld abgefunden. Und mit dem zynischen Versprechen, dass sie sich ja beim neuen ERT, der Sender soll in schlankerer Form wieder aufgebaut werden, bewerben könnten.

"Jetzt kann alles passieren. Ohne Vorwarnung"

Das Aus der Sendeanstalt trifft viele Griechen wie ein Schlag. "Es gab Kultursendungen und immer wieder einen guten Film. Auch die Qualität der Informationssendungen war besser als bei den privaten Sendern“, sagt die Chryssa Korontzi, Frau eines Verlegers. "Als gestern plötzlich der Bildschirm schwarz wurde, da wurde mir Angst und Bange. Ich habe das Gefühl, dass jetzt alles passieren kann, zu jeder Zeit und ohne Vorwarnung". Die ERT ist ein Stück griechischer Geschichte und Identität. Auch für die Auslandsgriechen in der ganzen Welt. ERT war die einzige überparteiliche Rundfunk- und Fernsehanstalt in Griechenland. Ein öffentlich-rechtlicher Sender wie ARD und ZDF. Und das war das Problem.

ERT galt auch als Symbol für die oft beklagte Vetternwirtschaft. Verwandte und Günstlinge von einflussreichen Funktionären wurden dort untergebracht und die meisten Griechen waren sich einig darüber, dass der Apparat aufgebläht und zu teuer war. Mit diesen Argumenten versuchte auch der Regierungssprecher die Spontanschließung zu rechtfertigen. Der Bevölkerung versprach Kedigoglou, dass der Rundfunkbeitrag nach dem Wiederaufbau deutlich gesenkt werden würde. Doch die mutmaßliche Ersparnis, wenn sie denn überhaupt kommt, ist verschwindend gering im Verhältnis zu dem Schuldenberg, vor dem die Athener Regierung steht.

Solidarität auch in Rom, Berlin und London

Nachdem um sieben Uhr morgens bekannt wurde, dass dem Sender gerade einmal noch 16 Stunden bleiben würden, strahlte er Live-Sendungen von den sich schnell formierenden Protesten aus. Auch am Tag danach gingen die Menschen wieder auf die Straße: Nicht nur an der Zentrale in Hagia Paraskevi, wo selbst ein heftiger Platzregen die Demonstranten nicht vertreiben konnte, sondern auch in den Städten der Provinz: in Patras, Kalamata, auf Kreta, in Thessaloniki, und Volos. Auch außerhalb Griechenlands wie in Rom, Madrid, Berlin und London wurde protestiert.

Natürlich zeigten sich die Journalisten-Kollegen solidarisch. Der Europäische Rundfunkrat forderte noch am Mittwoch, dass der Entschluss umgehend zurückgenommen werden solle. Und selbst die private Konkurrenz in Griechenland stellte ihr Programm vorübergehend ein. Für Donnerstag sind weitere Kundgebungen angekündigt und die Gewerkschaften haben erneut zum Generalstreik ausgerufen.

Zustimmung kommt nur von den Faschisten

Vermutlich aber wird all der Protest wenig helfen. In den vergangenen drei Jahren konnte kein Widerstand irgendeine der zahllosen Zwangssparmaßnahmen abwenden. Die Regierung hat bislang sämtliche Kröten geschluckt, die ihr im Namen der Austeritätspolitik vorgesetzt wurden. So glauben auch nicht besonders viele Griechen an das Versprechen, den Sender neu zu gründen. Mit Beruhigungspillen war und ist die Regierung schnell zur Hand. Jedoch nicht so sehr damit, ihre Ankündigungen auch umzusetzen. Noch ist unklar, welche Folgen der völlig undemokratische Alleingang von Ministerpräsident Antonis Samaras haben wird. Bislang ist ihm nur die Zustimmung einer Seite sicher: der rechtsextremen bis offen faschistischen Partei "Goldene Morgenröte".

  • Natalia Sakkatou