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Simbabwe: "Bald gibt es gar nichts mehr"

Die Supermärkte sind leer, es gibt kaum mehr Benzin, in den überfüllten Bussen entlädt sich der Unmut über die ruinöse Politik von Diktator Robert Mugabe. Ein Familienvater aus Harare schreibt für stern.de über seinen Alltag im Terrorstaat Simbabwe.

Einst stand Simbabwe für die Hoffnung eines ganzen Kontinents. Als unser Land 1980 unabhängig wurde, war es ein Juwel, unsere Wirtschaft eine der besten im südlichen Afrika. Wir hatten ein Wachstum von zwölf Prozent. Simbabwe allein produzierte 30 Prozent des weltweiten Tabaks. Heute sind wir am Ende.

Seit Präsident Robert Mugabe vor ein paar Tagen verfügt hat, die Preise für viele Lebensmittel um die Hälfte zu senken, steht das Land vor dem Kollaps. Mugabe wollte die Inflation bekämpfen, die wohl bei 10.000 Prozent liegt (die Regierung veröffentlicht längst keine Statistiken mehr). Doch das Gesetz hatte nur ein Ergebnis: Es gibt jetzt fast überhaupt nichts mehr zu kaufen.

Jeden Morgen stehe ich früh auf und klappere die Läden ab, um zu schauen, welcher noch offen hat, in welchem die Regale noch nicht ganz leer geräumt sind, wo ich noch Milch, Öl, Zucker oder Fleisch finden kann. Jugendbrigaden der Regierungspartei Zanu PF, die "Green Bomber" (wegen ihrer grünen Uniform), kontrollieren, ob die Preise in den Läden auch wie angeordnet gesenkt wurden. Wer sich nicht daran hält, wird zusammengeschlagen oder verhaftet. Schon jetzt sitzen fast 2000 Ladenbesitzer im Gefängnis. 1500 Firmen wurden zu Strafen verurteilt. Die Regierung droht damit, die Unternehmen selbst zu übernehmen, genauso wie sie es vor sieben Jahren mit den Farmen der Weißen machte.

Warum sollten sie ihre Regale wieder auffüllen?

Aber was für einen Sinn macht es für die Geschäftsleute, Milch oder Zucker zu einem Preis zu verkaufen, der günstiger ist als ihr Einkaufspreis? Warum sollten sie ihre Regale wieder auffüllen?

So stehen wir, wenn wir eigentlich im Büro sitzen sollten, in langen Schlangen vor den Läden, und hoffen, vielleicht Öl zu finden, vielleicht auch mal ein Huhn. Kommt doch mal ein Lieferwagen zu einem Supermarkt, stürzen die Leute wild darauf zu. Manchmal werden die Sachen dann gleich von der Ladefläche verkauft - oder einfach geplündert.

Letzte Woche hat die Regierung angekündigt, vom 1. August an die Ein- und Ausfuhr von vielen Gütern, darunter auch Lebensmitteln, zu untersagen. Dabei ist es gerade dieser Grenzhandel, der uns überhaupt noch mit dem Nötigsten versorgt! Wir stellen doch kaum noch etwas her! Selbst private Schlachthäuser dürfen nicht mehr arbeiten, so dass sogar Fleisch Mangelware ist - in einem Land voller Vieh!

Beginne damit, Vorräte anzulegen

Wie viele andere habe ich angefangen, Vorräte anzulegen, damit meine beiden Kinder und meine Frau auch in den nächsten Wochen etwas zu essen haben. Das ist illegal. Es ist sogar verboten, mehr als zwei Becher Yoghurt zu kaufen - manche landen deswegen im Gefängnis. Wahrscheinlich werde ich Möbel verkaufen müssen, um mich auf dem Schwarzmarkt zu versorgen. Während ich das hier schreibe, können meine Söhne nicht den Orangensaft trinken, den sie seit Jahren bekommen. Einfach, weil es ihn nicht mehr gibt. Bald wird es überhaupt nichts mehr geben.

Ich bin kein Politiker und habe auch kein großes Interesse an Politik. Ich gebe zu: In den Achtzigern, in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit, fand ich Zanu PF gut für unser Land. Mugabe und seine Männer hatten viele Jahre gegen das Apartheidsregime gekämpft, und alles schien besser zu werden.

Heute bin ich nur noch verbittert. Mein Auto kann ich schon lange nicht mehr benutzen. Es gibt kaum noch Benzin. Nur noch ein paar Tankstellen haben geöffnet. Sie gehören Leuten aus der Regierung, die am ganzen Chaos auch noch verdienen wollen. Es ist absurd. Wer 20 Liter haben will, muss 2000 Liter kaufen. Das würde 1300 US-Dollar kosten plus 13 Millionen Simbabwe-Dollar. Niemand kann das bezahlen.

So stehe ich jeden Morgen und jeden Abend in einer langen Schlange und warte auf den Bus. Manchmal fünf Stunden lang. Nachts komme ich erst spät nach Hause - und muss am nächsten Morgen schon wieder zur Arbeit oder nach Essen Ausschau halten.

Wie lange wird Mugabe wohl noch leben?

Gestern saß im Bus neben mir ein pensionierter Armee-Oberst. Wir kamen ins Gespräch und redeten über Politik, übers Schmuggeln, wie man an ausländische Währungen kommt, wie lange Mugabe wohl noch leben wird. Jeder spricht im Moment von nichts anderem.

Der Oberst wurde immer wütender und immer lauter - obwohl er selbst im Unabhängigkeitskrieg an der Seite Mugabes gekämpft hatte. "Warum unternimmt keiner was gegen ihn?", sagte er. Jeder im Bus hörte ihm jetzt zu. Erst sagte keiner was. Viele hatten Angst. Es gibt überall Geheimagenten, mit denen Mugabe versucht, das Land im Griff zu behalten. Irgendwann aber wurde die Wut größer als die Angst und der ganze Bus war wie eine Demonstration gegen die Regierung. Die Gesichter der Menschen waren voller Ärger, Wut und Hass. Ein paar von Ihnen haben vielleicht bei den letzten Wahlen noch für Mugabe gestimmt. Aber ich bin mir sicher: Keiner aus dem Bus wird den Fehler 2008 wieder machen.

Viele Menschen flüchten nach Botswana und Südafrika

Viele Menschen haben unser Land schon verlassen und sich heimlich über die Grenze nach Botswana oder nach Südafrika durchgeschlagen. Unser Land blutet aus. Mehr als drei Million Simbabwer sollen allein in Südafrika sein, dabei leben in ganz Simbabwe noch nicht einmal 15 Millionen Menschen. Auch ich denke darüber nach, das Land zu verlassen. Fast alle machen das. Aber ich will nicht in irgendeiner Hütte in irgendeinem Slum leben, ohne meine Familie, ohne richtige Arbeit.

Aber vielleicht bleibt mir bald nichts anderes mehr übrig.

Der Autor arbeitet für eine Tageszeitung in Harare. Er möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.

Mitarbeit Marc Goergen
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