HOME

Slowenien: Brücke zum Balkan

Slowenien war die erste Teilrepublik, die sich aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien 1991 löste. Das "slowenische Modell" des Wirtschaftswandels und der Privatisierung hat mit dafür gesorgt, dass die Balkan-Republik die stärkste Wirtschaftsleistung der neuen EU-Mitglieder hat.

Vor mehr als 15 Jahren erklang im ehemaligen sozialistischen Jugoslawien die slowenische Parole "Evropa zdaj" (Europa jetzt). Verbreitet von Intellektuellen und kritischen Journalisten wurde sie bald von den reformbereiten allein regierenden slowenischen Kommunisten aufgegriffen und zur offiziellen Politik erklärt. "Wir sind nicht Balkan, wir sind Europa" war die Antwort der reichsten und wirtschaftlich am weitesten entwickelten jugoslawischen Teilrepublik auf die kommunistische, serbisch-nationalististische Politik des Serbenführers Slobodan Milosevic.

"Unsere Zukunft liegt in Europa, nicht im Milosevic-Jugoslawien", sagte 1989 Milan Kucan, Chef der slowenischen KP, und leitete als erster im jugoslawischen Bundesstaat liberale Reformen und die Demokratisierung ein. Milosevic ordnete daraufhin einen Boykott für slowenische Produkte in Serbien an. Kucan wurde 1990 bei den ersten freien Wahlen zum Präsidenten Sloweniens gewählt, aber seine Kommunisten hatten die Mehrheit im Parlament verloren.

Ein "Zehntagekrieg" gegen die jugoslawische Volksarmee

So konnte sich Slowenien als erstes und vorerst einziges ex-jugoslawisches Land auf den Weg nach Europa machen, während im benachbarten Kroatien und Bosnien bis 1995, und in der Provinz Kosovo bis 1999 der Krieg tobte. Auch Slowenien war Ende Juni 1991, als es seine Unabhängigkeit von Belgrad erklärte, von einem Krieg bedroht. Ein "Zehntagekrieg" gegen die damalige jugoslawische Volksarmee JNA endete mit dem Abzug der Belgrader Soldaten. Die rund zwei Millionen Slowenen bekamen damit den ersten eigenen unabhängigen Staat.

Mit dem Verlust des wichtigsten Absatzmarktes für seine Waren und Dienste, nämlich der anderen Jugo-Republiken, geriet Slowenien bald in eine Wirtschaftskrise. Aber schon ab 1993 ging es stetig bergauf, und die bis dahin enorme Inflation wurde bekämpft.

Das einzigartige "slowenische Modell" des Wirtschaftswandels und der Privatisierung, oft als "ökonomischer Nationalismus" verpönt, hat sich in den zehn Jahren bewährt. Ljubljana hatte seine Wirtschaft mit Schutzzöllen, Subventionen, Einfuhrbeschränklungen wirkungsvoll geschützt. Der Staat sei der größte Unternehmer der Alpenrepublik, kritisierten manche Experten das Modell.

Ausländische Investoren waren nicht erwünscht

Auch bei der Privatisierung der Staatsbetriebe und Banken waren ausländische Investoren nicht willkommen. Alle Parteien waren sich einig, dass die Privatisierung nicht zu Massenentlassungen führen dürfe, und so wurden Betriebe größtenteils an die dort Beschäftigten verkauft. Durch das Interesse der neuen "Besitzer" am Erhalt des Arbeitsplatzes war der Fortbestand und die weitere Entwicklung der vormals staatlichen Unternehmen gesichert.

Am 23. März 2003 waren die Slowenen zu einem gleichzeitigen Referendum über den EU-Beitritt und die NATO-Mitgliedschaft aufgerufen. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 89,6 Prozent der abgegebenen Stimmen sprachen sie sich für die EU aus. Es war das höchste Ja-Votum aller bisherigen EU-Volksabstimmungen. Für die NATO waren immerhin 66 Prozent.

Slowenien gilt als das am besten vorbereitete Land aller EU-Beitrittskandidaten. Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 70 Prozent des EU-Durchschnitts liegt es bereits vor Griechenland und Portugal. Als die EU-Kommission im März den Kandidatenländern "Warnbriefe" wegen Verzögerungen bei der Vorbereitung auf ihren Beitritt schickte, erhielt nur Ljubljana keine schwerwiegende Kritik aus Brüssel.

Verbindung zwischen EU und Südosteuropa

Slowenien versteht sich als die beste Verbindung zwischen der EU und Südosteuropa, vor allem zu den früheren jugoslawischen Republiken, die wieder zu den wichtigsten Handelspartnern zählen. Mit zweistelligen Zuwachsraten im Handel mit Serbien, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien werden in Slowenien die Auswirkungen der Konjunkturflaute in Westeuropa abgefangen.

Europaminister Janez Potocnik sagte in einem Interview: "Wir sind eine Brücke zu diesen Staaten, mit denen uns die gemeinsame Geschichte, eine ähnliche Sprache und auch viele familiäre und freundschaftliche Bande verbinden." Slowenien will mit seinen EU-Erfahrungen den anderen südslawischen Völkern helfen, heißt es in Ljubljana.

Dubravko Kolendic / DPA