HOME

Spionage: Abhörskandal erschüttert Italien

In Italien ist die Staatsanwaltschaft einem Spionagering auf der Spur, der im großen Stil Industrielle, Politiker, Journalisten und Privatleute abgehört hat. 20 Verdächtige wurden bereits festgenommen.

Was Skandale betrifft, gelten Italiener als vergleichsweise abgehärtet, erst der Fußball-Skandal hat unlängst wieder einmal die Abgründe von Korruption und Schiebung vor Augen geführt. Was derzeit aber Stück für Stück ans Tageslicht kommt, sprengt selbst für "italienische Verhältnisse" alle Dimensionen: Die Staatsanwaltschaft von Mailand ist einem "Spionagering" auf der Spur, der über Jahre hinweg Industrielle, Politiker, Journalisten und Privatleute abgehört haben soll. Ein illegales "Spinnennetz an Informationen", das jedem Geheimdienst zur Ehre gereichen würde, meint die Staatsanwaltschaft. Kommentatoren sehen es drastisch: "Ein Attentat auf die Demokratie."

20 Verdächtige sind festgenommen, darunter ausgerechnet der ehemalige "Sicherheitschef" der Telecom, Giuliano Tavaroli, der Chef einer privaten Detektiv-Agentur, sowie Angehörige der Polizei, der Carabinieri und der Finanzpolizei. Insgesamt seien Telefongespräche tausender Menschen in den vergangenen zehn Jahren abgehört worden, vor allem in Sachen "Industriespionage" seien die Täter aktiv gewesen. Erschreckender noch seien die dunklen Verbindungen zu den Geheimdiensten - das ganze Ausmaß des Abhör-Sumpfes ist derzeit nur zu erahnen.

"Es fällt der Schleier in einem der mysteriösesten Fälle der vergangenen Jahre", meint die ansonsten eher zurückhaltende Turiner Zeitung "La Stampa". "Es wird Unglaubliches aufgedeckt, ein System der privaten Spionage (...), ein Instrument, um Druck, Erpressung und Bedrohung auszuüben." Gleich auf der Titelseite veröffentlicht das Blatt eine Liste der "VIP-Opfer", die sich wie das "Who is Who" der italienischen Industrie und Finanzwelt liest, darunter Carlo de Benedetti, Gilberto Benetton, Diego della Valle.

Wie ein Krebsgeschwür

Die Aufdeckung wirft ein neues Licht auf eine "italienische Besonderheit": Immer, wenn in den vergangenen Jahren ein Skandal die Runde machte, konnten Justiz, Geheimdienste oder auch Medien mit ellenlangen abgehörten Telefongesprächen der Beschuldigten aufwarten, etwa beim Fußball-Skandal, beim Skandal um den Zusammenbruch des Lebensmittel-Riesen Parmalat sowie beim Fall um angebliche CIA-Entführungen in Italien. Immer wieder hatten sich Angeklagte, Anwälte aber auch Politiker über den lockeren Umgang mit den bürgerlichen Grundrechten beschwert, vergeblich.

Noch stehen die Fahnder erst am Anfang. Wie weit, wie tief das Krebsgeschwür gewuchert ist, ist unklar. Immerhin, im Zentrum des "Spinnennetzes" soll auch die frühere "Nummer zwei" des italienischen Geheimdienstes, Marco Mancini, gesessen haben, der erst unlängst im Zusammenhang mit CIA-Entführungen inhaftiert worden war. Düstere Abgründe werden auch im Fall des ehemaligen Sicherheits-Beauftragten der Telecom-Mobilfunktochter TIM, Adamo Bove, sichtbar: Er hatte den Behörden unlängst erste Tipps über illegale Machenschaften der "Abhör-Mafia" gegeben - einen Monat später stürzte er in Neapel von einer Autobahnbrücke und starb. Angeblich Selbstmord, eine Ermittlung der Justiz läuft.

Peer Meinert/DPA / DPA