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Streiks in Frankreich: Jugend rebelliert gegen Rentenreform

Die Streikwelle legt Frankreich zunehmend lahm. Schüler und Studierende riefen zum nationalen Streiktag, Zehntausende Jugendliche kamen. Die Mehrheit der Franzosen unterstützt die Blockaden. Denn die Wenigsten wollen eine Rentenreform.

Von Lisa Louis, Paris

Frankreichs Regierung spricht von einer "Stadtguerilla": Im ostfranzösischen Lyon und im Pariser Vorort Nanterre lieferten sich diese Woche fast täglich "casseurs" (Krawallmacher) Straßenschlachten mit der Polizei. Unter großen Kapuzen und hinter Schals versteckte Gestalten warfen Steine und Molotow-Cocktails auf die Sicherheitskräfte. Die schützten sich mit durchsichtigen Schilden und Spezialhelmen, versuchten sich mit Tränengas zu wehren. Schaufenster gingen zu Bruch, Läden wurden geplündert, Autos brannten.

An die "casseurs" ist Frankreich mittlerweile gewöhnt. Fast regelmäßig tauchen sie seit den 90er-Jahren am Ende von Demonstrationen auf. Dass eine Protestbewegung jedoch so schnell und so stark wächst wie die gegen die Rentenreform - unter anderem soll das Renteneintrittsalter um zwei Jahre nach hinten verschoben werden soll - ist ein Novum. Selbst im streikfreudigen Frankreich.

Dieser Wutausbruch einer Minderheit scheint den Groll einer Mehrheit widerzuspiegeln: Auch nach wochenlangen Protesten und Streiks sind laut Umfragen noch immer rund 60 Prozent der Franzosen gegen die Rentenreform. Und sie wollen, dass die Aktionen weitergehen - selbst nach der bevorstehenden Abstimmung über das Gesetz. Diese Unterstützung für die Blockaden ist auch ein Votum gegen Präsident Nicolas Sarkozy: Von ihm haben inzwischen nur noch 30 Prozent der regelmäßig befragten Bevölkerung eine positive Meinung. In den vergangenen 30 Jahren ist kein französischer Präsident so sehr in Ungnade gefallen.

Ein blockiertes Land

Die Proteste haben zunehmend direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben - zum Beispiel durch die Blockade von Treibstofflagern und Raffinerien. Bei rund 2800 von insgesamt rund 12.300 Tankstellen im Lande war zuletzt der Sprit knapp oder aus. An vielen Zapfsäulen stehen inzwischen lange Schlangen: Autofahrer nehmen frühes Aufstehen und stundenlanges Warten in Kauf, nur um ihre nun oft begrenzte Spritration zu ergattern. Und das, obwohl die an vielen Orten inzwischen teurer geworden ist.

Doch selbst mit ausreichend Treibstoff ist das problemlose Fortkommen nicht garantiert. Über ein Dutzend Autobahn-Abschnitte waren zuletzt blockiert - durch sogenannte Schneckentempo-Operationen vor allem von LKW-Fahrern. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind nicht immer eine Alternative, denn auch sie sind in einigen Städten vom Streik betroffen. An mehreren Flughäfen blockieren Demonstranten die Eingänge. Ein Zustand, den die Tourismus-Industrie bereits spürt: Laut Protourisme, einer in dem Sektor tätigen Beratungsfirma, verzeichnen Frankreichs Hotels einen Rückgang der Zimmerbelegung um drei Prozent. Angesichts der bevorstehenden zweiwöchigen Schulferien zu Allerheiligen ein beunruhigendes Zeichen.

Besonders übelriechende Auswirkungen hat der Streik der Müllmänner in Marseille, der nun schon über eine Woche andauert. Bis zu 8000 Tonnen Abfälle türmten sich zwischenzeitlich auf den Bürgersteigen. Aus Hygiene- und Sicherheitsgründen schickte zuletzt der Präfekt den Zivilschutz, der zumindest das Gröbste dieser unsauberen Angelegenheit von der Straße schaffen sollte.

Die Rente - auch eine Sache der Jugend

In den Chor der Protestaktionen stimmen seit mehr als drei Wochen auch Schüler und Studierende ein. Sie organisieren praktisch täglich Demonstrationen. Am Donnerstag wurde ein weiterer nationaler Protesttag ausgerufen: Je nach Quelle waren zwischen 312 und 700 der gut 4300 Gymnasien Streikzone, 33 Universitäten waren laut Studentenorganisation Unef zumindest teilweise betroffen. An Protestaktionen im ganzen Land nahmen Zehntausende Schüler und Studierende teil. In Paris trafen sich laut Regierung beziehungsweise Studentenorganisationen zwischen 4000 und 15.000 Jugendliche an der Universität Jussieu nahe dem Stadtzentrum.

Bei Sonnenschein und guter Laune tanzten die Demonstranten in Richtung des Platzes Denfert Rochereau, während aus den überdimensionierten Lautsprechern am Kopf des Menschenzuges Hits wie Stromaes "Alors, on danse" schallten. Immer wieder wurde das Musikprogramm von Kampfgesängen unterbrochen, in die die Demonstranten einstimmten und gemeinsam gegen die Rentenreform ansangen.

Auf dem Rücken der Jugend

Sehr zum Unverständnis der Regierung: Die Jugendlichen seien doch die ersten Nutznießer dieser Reform, verkündete jüngst der Minister für Jugend und aktive Solidarität, Marc-Philippe Daubresse. Schließlich sorge die in der Zukunft mit für einen ausgeglichenen Haushalt.

Eine Logik, die Schüler und Studierende vehement zurückweisen. "Wir sollen länger studieren, damit wir mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, gleichzeitig aber länger in die Rentenkasse einzahlen", beschwert sich zum Beispiel die 26-jährige Gabriele Lavault, die an der Universität Montrouge im Vorort von Paris ihre Ausbildung zur Kindererzieherin macht. Sollte die Länge der Beitragszahlungen wie geplant auf 40 Jahre erhöht werden, würde Lavault voraussichtlich erst mit 68 in den Ruhestand gehen - "und da ist die Auszeit für meine zwei geplanten Kinder noch nicht mit eingerechnet", fügt sie wütend hinzu.

Zudem würden durch die spätere Rente rund eine Million Arbeitsplätze weniger für die Jugend frei, schätzen Studentenorganisationen. Und das, wo ohnehin schon über ein Viertel der französischen Jugendlichen arbeitslos sei. Neben dem Verzicht auf die Reform fordern Schüler und Studierende daher weitere konkrete Maßnahmen für die Jugend: Studiensemester, Phasen unbezahlter Arbeitslosigkeit, gering bezahlte Jobs und Praktika sollten in die Rentenberechnung mit einbezogen werden.

Soziale Errungenschaften

So viel Widerstand gegen eine Anhebung des Rentenalters mag in Nachbarländern absurd erscheinen - vor allem, da Frankreich doch bisher mit 60 Jahren das niedrigste Rentenalter Europas hat. Doch für die Franzosen selbst macht es durchaus Sinn. "Wir sind nun einmal ein Land, in dem es gewisse soziale Errungenschaften gibt - und die wollen wir auch behalten", sagt Florian Garde, Chef der Gymnasiastenorganisation Union des Lycéens (UNL) im Département Val-d’Oise. Der 17-Jährige glaubt nicht daran, dass dem Staat das Geld für die frühe Rente fehlt. Und wenn dem so sei, solle man die Finanzsorgen doch bitteschön zu allerletzt auf dem Rücken der Jugend austragen.

Indes hat die Assemblée Nationale der Rentenreform schon zugestimmt. Die Absegnung durch den Senat ist frühestens Donnerstagabend möglich - verzögert wurde sie vor allem durch rund 1200 Änderungsanträge der oppositionellen Sozialisten. Das Schlussvotum zum Gesetz wird voraussichtlich in der kommenden Woche abgegeben.

Verlierer Sarkozy

Doch die Jugendlichen lassen sich davon nicht entmutigen: "Es gab Beispiele in der Vergangenheit, wo Gesetze auch nach ihrer Abstimmung noch zu Fall gebracht wurden - wie bei der CPE-Arbeitsmarktreform 2006", erinnert sich der 17-jährige Gymnasiast Karim Boursali. "Deswegen müssen wir weiterdemonstrieren - selbst nach dem Votum."

Egal, ob sich Sarkozy nun dem Willen der Straße beugen wird oder nicht, den Kampf um die Herzen hat er schon verloren, meint jedenfalls Gaël Sliman vom Meinungsforschungsinstitut BVA: "Wenn er standfest bleibt, werden die Franzosen sich daran erinnern, dass er ihre Meinung einfach ignoriert hat", sagt er. "Und wenn er nachgibt, erscheint er als schwacher Präsident und nicht besser als seine Vorgänger." 2012 steht die nächste Präsidentenwahl an.